Richtig sinnlich wird es an Weihnachten unter einem Mistelzweig, denn an dieser Stelle gilt: Kuss-Pflicht. Der Brauch verspricht ewige Liebe und Glück. Aber die Pflanzenkunde verrät: Der Mistelzweig ist eigentlich alles andere als romantisch.

Wer sich unter den immergrünen Zweigen, und weißen Beeren des Mistelzweigs küsst, erfährt die ewige große Liebe. Entsprechende Filmszenen oder Songtexte kennt vermutlich jede*r – Justin Bieber benannte im Jahr 2011 sogar ein ganzes Album nach der weltweit zelebrierten Knutsch-Tradition: „Under the Mistletoe“. Der Kuss unter einem Mistelzweig darf nicht verwehrt werden – so der jahrhundertealte Brauch. Wer nicht knutschen will, muss davon ausgehen, im nächsten Jahr ledig zu bleiben. Dann heißt es fürs erste „Love Yourself“, wie Justin Bieber sagen würde.

Ewige Liebe oder Beziehungsparasit? 

Der Mistelzweig ist eine beliebte Weihnachtsdekoration, die meistens einen Türrahmen ziert. Als Kuppelexperte und wortwörtlich höhere Macht versucht er die Liebe seiner Unterstehenden mit einem Kuss zu besiegeln. In der Botanik ist der Mistelzweig allerdings eher als Beziehungsparasit bekannt. Drei Fakten, die ihr bestimmt noch nicht über den Mistelzweig wusstet:

  1. Der Mistelzweig ist ein Halbschmarotzer
    Vom „Geben und Nehmen“ versteht der Mistelzweig nicht viel. Er ist ein sogenannter Halbschmarotzer. Das bedeutet, dass er seine Wirtspflanze ausbeutet, indem er ihr Wasser und Nährstoffe entzieht. Für die Bäume, in deren Baumkronen er wächst, wird das allerdings erst bei einem sehr starken Befall kritisch. Fotosynthese betreibt der Mistelzweig hingegen selbst.
  2. Per Anhalter zum nächsten Wirt
    Im Winter sind Mistelzweig-Beeren eine beliebte Mahlzeit bei Vögeln. Sie scheiden die unverdauten Samen an anderer Stelle aus, oder streifen die Reste des klebrigen Fruchtfleischs vom Schnabel an Baumrinden ab. So verbreitet sich der Parasit, und der nächste Mistelzweig beginnt zu keimen. Es braucht übrigens circa zehn Jahre vom keimenden Samen bis zur fertigen immergrünen Mistelkrone.
  3. Nicht alle Mistelzweige haben Beeren
    Man unterscheidet zwischen rein männlichen und rein weiblichen Pflanzen. Nur die Weiblichen tragen weiße, klebrige Beeren – giftig sind diese nicht.

Der Mistelzweig als Schutzsymbol und Mythos 

Wie es der Halbparasit vom Nährstoff klauenden Schmarotzer zum Symbol für Liebe, Glück und Frieden geschafft hat, lässt sich nicht genau sagen. Bereits bei den Germanen galt der Mistelzweig als Schutzsymbol vor bösen Geistern, Feuer oder Blitzschlag, und wurde als heilige Pflanze verehrt. Die Kelten sollen ihn als Mittel gegen Krankheit, und für Fruchtbarkeit und das ewige Leben eingesetzt haben. Das greift auch die Comicreihe „Asterix“ auf. Hier ist der Mistelzweig eine Zutat des geheimen Zaubertranks, der den Galliern ihre Kraft verleiht.

Außerdem findet sich der Mistelzweig im römischen Fest der Saturalien als Zeichen der Freundschaft, sowie in der skandinavischen Geschichte als Friedenssymbol wieder. Heute kommt die Mistel in der Homöopathie zum Einsatz und soll, unter anderem, angeblich gegen Bluthochdruck wirken.

Ob Beschützer, Heiler, Friedensstifter oder Kuppler – der Mistelzweig stand schon früh im Mittelpunkt verschiedener Traditionen. Aber am Ende ist und bleibt er, was er ist: Ein (Halb-)Schmarotzer.

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