Ohrringe aus Agar Agar, Leder aus Kombucha und ein essbares Kleid aus Apfelpektin: Studierende der HAW Hamburg experimentieren mit Bioplastik. Und das unter Corona-Bedingungen: Im Zoom-Seminar und in der eigenen Küche.

Von Lukas Barth und Lilly Brosowsky

Wie soll Design in Zukunft sein? Diese Frage stellen sich Designer:innen, Künstler:innen und Philosoph:innen im dreijährigen Forschungsprojekt Speculative Spaces der HAW Hamburg. Es geht in verschiedenen Projekten darum, Design neu zu erforschen. Unter der Leitung von Petja Ivanova und Prof. Dr. Markus Oberthür haben Studierende sich mit der Mode der Zukunft befasst. Sie experimentierten mit biologisch abbaubaren Polymeren, so genanntem Bioplastik. Die zentrale Frage: Kann Bioplastik eine nachhaltige Alternative für die Modeindustrie werden?

Die Designstudierenden Alicia Valdés und Cécile de Buc, sowie Kursleiterin Petja Ivanova haben FINK.HAMBURG erklärt, wie Bioplastik hergestellt wird und weshalb die Modeindustrie ein umweltfreundliches Update braucht. Die Rede ist von selbst gezüchteten Kamboucha-Pilzen, essbarem Schmuck und einer Plastik-freien-Zukunftsvisionen für die Modebranche.

Ohrring und Ring aus Bioplastik. Speculative Spaces
Futuristisch, aber tragbar: Accessoires aus Bioplastik. Foto: Teresa Enhiak Nanni.

Aus Würmern wird Bioplastik

Was ist Bioplastik?

Zu Bioplastik zählen Materialien, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, zum Beispiel aus Mais, Zuckerrohr oder Zellulose. Außerdem Materialien, die biologisch abbaubar sind. Neben diesen beiden Eigenschaften, gibt es  weitere Kriterien. Bioplastik ist nicht per se nachhaltig. Zu Bioplastik zählen nämlich auch biologisch abbaubare Stoffe aus Erdöl, sowie nicht biologisch abbaubare Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen. Man muss also genau hinsehen.

Petjas Idee für den Kurs ist während eines anderen Projektes entstanden: Sie arbeitete mit Würmern, die synthetisches Plastik essen und verdauen können. Das beschleunigt den Abbauprozess des synthetischen Materials. Aber die Würmer können noch mehr: Petja stellte aus ihrer Haut, dem so genannten Eksoskelett, Bandagen her, die Mediziner:innen zur Wundheilung verwenden.

„Ich fand es abgefahren, dass die Haut eines Tieres, das wir allgemein nicht so schätzen, Wunden heilen kann und damit zum Teil Leben retten könnte“, sagt Petja. Noch im nassen und unfertigen Zustand musste sie ihre Bandagen einpacken, um von New York zurück nach Hamburg zu ziehen. Was später aus der Kiste kam, war Bioplastik geworden: Das Material braucht nämlich eine Weile um zu trocknen. Dann aber ist es hart und bleibt in der ursprünglichen Form – ähnlich wie Plastik.

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„Next Level Sustainability“

Petja erklärt den Grundgedanken ihres Kurses so: „Nicht alles existiert für uns. Wir sollten uns fragen, wie wir andere Lebensformen unterstützen können.“ Ein Beispiel wären kompostierbare Regencapes aus Agar Agar, die eine umweltfreundliche Lösung für den vielen Müll, der auf Festivals zurückgelassen wird darstellen könnten. In der Modebranche gibt es bereits Marken, die sich schon auf „Mode ohne Müll“ spezialisiert haben. Ein Beispiel wäre die Hamburger Sportmarke Runamics die nach dem Prinzip „Cradle-to-Cradle“ arbeitet. Petja ist sich sicher, dass Bioplastik irgendwann von allen getragen werden wird. „Das ist next Level Sustainability“, findet sie.

Cécile de Buc trägt ihre Tasche aus Bioplastik und einem metallischem Gitternetz.
Cécile de Buc trägt ihre Tasche mit Flecken aus Bioplastik. Foto: Lilly Brosowsky.

Einen ersten Schritt in diese Richtung haben die Studierenden in ihrem anwendungsbasierten Forschungsprojekt gemacht. Es fand Corona-konform zu Hause statt – Designstudierende Cécile war dabei: Mit einer Einkaufsliste ausgestattet ging sie vor dem Seminar im Supermarkt einkaufen. Anschließend kochte sie in ihrer Küche Bioplastik unter Anleitung der Dozentin Petja über Zoom.

Kombucha-Pilz züchten für Bioleder

Die Studierenden stellten Bioplastik aus verschiedenen Rohstoffen her, unter anderem aus Kombucha, einem japanischen Teepilz. „Den mussten wir zu Hause erstmal züchten. Kombucha ist ein lebendiger Organismus, den wir immer wieder mit Zucker gefüttert haben“, sagt Cécile. Bioplastik aus Kombucha ähnelt Leder in Konsistenz und Aussehen. Man nennt das Material daher auch Bioleder. „Wir mussten viele Proben machen, bis wir die perfekte Konsistenz hatten. Ich habe das flüssige Bioplastik in alle Formen gegossen, die ich finden konnte: Backbleche, Tupperdosen“. Cécile experimentierte nicht nur mit der Konsistenz, sondern auch mit Farbe, dafür verwendete sie natürliche Mittel wie rote Beete.

Ohringe aus Bioplastik: Ein paar Grünes und ein organgenes Paar.
Leuchtende Ohrringe aus Bioplastik. Foto: Lilly Brosowsky.

Bioplastik: Erst tragen, dann essen

Nicht alle Grundstoffe, die für das Kochen von Bioplastik verwendet werden, sind vegan. Alicia Valdés setzte sich deshalb mit veganem Bioplastik auseinander und experimentierte mit Apfelpektin, einem Ballaststoff, der aus Äpfeln gewonnen wird. „Es hat sich als ein sehr stabiles und haltbares Material entpuppt. Außerdem ist Apfelpektin zum Verzehr gedacht. Jackpot!“, findet Alicia. Daraus hat sie ein buntleuchtendes Kleid, Ohrringe und sogar ein paar Schuhe kreiert: Alles trag- und essbar.

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Schönes, das den Verfall abzeichnet

Cécile befasste sich bei ihren Experimenten auch mit dem Alterungsprozess von Bioplastik. Beispielsweise oxidierte Bioplastik aus dem veganen Material Agar Agar an metallischen Oberflächen und änderte so mit der Zeit seine Farbe. Auch eingefärbte Flächen änderten mit der Zeit ihre Farbe. Sie designte Ohrringe und eine Handtasche. Das Besondere: An ihren Objekten zeichnet sich der Verfall ab.

Der Vergleich: Bioplastik zum Entstehungszeitpunkt vor sechs Monaten und heute. Das Material oxidiert an der metallischen Oberfläche und die gefärbten Flächen verändern sich.

Unabhängigkeit für kommende Designer:innen

Für die Studierenden war das Projekt zukunftsweisend. So kann sich Alicia nicht mehr vorstellen „je wieder, ohne Bioplastik oder ohne Biomaterialien zu arbeiten.“ Aktuell druckt sie in einem anderen Projekt 3D-Filamente, die auf Stärke basieren und biologisch abbaubar, sowie kompostierbar sind.

Dass der Kurs unter Corona-Bedingungen zu Hause stattfand, sieht Kurseiterin Petja als Glücksfall. Ihre Studierenden konnten so erleben, mit wie wenig Ausrüstung Materialien hergestellt werden können. Das mache sie unabhängiger von der Textilindustrie. Alicia bestätigt das: „Ich kann mich jederzeit zu Hause in die Küche stellen und loslegen!“

Fashion Made of Plastic – noch nicht ganz fantastic

Schon gewusst?

Circa 98 Millionen Tonnen Erdöl wurden 2015 für die Textilproduktion verwendet, Tendenz steigend. Mittlerweile bestehen 65 Prozent aller Kleidungsstücke aus Kunststoff, der aus Erdöl gewonnen wird. Erdöl ist ein fossiler Rohstoff, der über einen sehr langen Zeitraum aus abgestorbenen Pflanzen und Tieren entsteht. Das heißt, er kann nicht einfach nachwachsen.

Die jungen Designerinnen haben das Thema Bioplastik für sich entdeckt. Langfristig gesehen sollte es nachhaltige Alternativen für die Textilproduktion geben, denn diese verbraucht bei der Produktion zu viel Wasser für den Baumwollanbau und zu viel Erdöl für synthetische Kunststoffe.

Aber auch bei alternativen Stoffen sollten Fehler nicht wiederholt werden. So gibt der Umweltberater der Verbraucherzentrale Hamburg, Tristan Jorde, zum Thema Bioplastik zu bedenken, dass auch nachwachsende Rohstoffe eine Anbaufläche brauchen. Zudem verwende man teilweise Lebensmittel für die Bioplastikproduktion. „Dann bestünde eine Nahrungsmittelkonkurrenz. Das finde ich persönlich höchst prekär.“ Andererseits gibt es die Möglichkeit, Bioplastik aus Abfallprodukten herzustellen. „Das wäre dann durchaus sinnvoll“, so Jorde.

Bis alle Kleidung aus Bioplastik tragen, die auf dem Kompost landen oder sogar gegessen werden könnte, muss noch mehr experimentiert werden. Umso wichtiger ist es, dass die neue Generation Designer:innen mit ihrer zukunftsorientierten Denkweise begonnen haben an Lösungen zu arbeiten.

Foto: Teresa Enhiak Nanni

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Lilly Brosowsky, 1994 ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen: in Garmisch-Partenkirchen. Der Höhenlage ist sie lange treu geblieben, hat mal auf 3.640 Meter Höhe in La Paz als Barkeeperin gearbeitet, mal Waliser Schwarznasenschafen auf einer Hochhausalm in München die Klauen geschnitten. Nach sieben Jahren in München musste sie im flachen Hamburg erst einmal lernen, dass sie in einer Bäckerei fragend angeschaut wird, wenn sie Fleischpflanzerlsemmeln bestellt. Dabei ist sie kulinarisch durchaus aufgeschlossen: Als Volontärin kostete sie für „Mit Vergnügen“ bereits kandierte Heuschrecken. Für das Stadtmagazin schrieb sie unter anderem über die Münchner Szene. Als sie den Hype eines Clubs kritisch kommentierte, wurde sie von der „Süddeutschen Zeitung“ auf Instagram zitiert. Vor ihrem Volontariat hat Lilly einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen in Philosophie gemacht. Sie wünscht sich für die Zukunft Feminist:innen wie Sophie Passmann wegen ihrer progressiven Ansichten zu interviewen. (Kürzel: bros)

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