Nach dem Tod von George Floyd demonstrierten auch in Hamburg Tausende gegen Rassismus und Polizeigewalt. Abimbola Odugbesan hat die Proteste mitorganisiert. Wir haben mit ihm über die Black-Lives-Matter-Bewegung gesprochen.

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Schwarze, People of Color, Weiße – Du hast Schwierigkeiten mit den politisch korrekten Begriffen?

Es geht dabei nicht nicht um Hautfarben, sondern um politische Begriffe. Rassismus und Machtverhältnisse sollen in einer mehrheitlich Weißen Gesellschaft benannt werden – deshalb werden Schwarz und Weiß großgeschrieben. People of Color (PoC) ist ein Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung.

Auf der Website der Neuen Deutschen Medienmacher*innen findest Du ein Glossar, das Dir bei Formulierungen hilft.

25. Mai 2020, Minneapolis, Minnesota: Ein Video ging um die Welt, welches die brutale Festnahme von George Floyd durch Weiße Polizisten zeigt. Der Schwarze Amerikaner starb anschließend im Krankenhaus. Acht Minuten und 46 Sekunden drückte der Polizeibeamte Derek Chauvin sein Knie in den Nacken von George Floyd, kurz danach starb dieser.

Nicht nur in den USA löste der Fall Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus aus, auch in Hamburg gingen tausende Demonstrant*innen auf die Straße. Denn auch in Deutschland berichten viele Schwarze und People of Color, dass Racial Profiling zu ihrem Alltag gehört. Auch bei uns gibt es immer wieder Todesfälle, in deren Zusammenhang nach strukturellem Rassismus innerhalb der Polizei gefragt wird. Etwa beim Tod von Yaya Jabbi im Februar 2016, der in Gewahrsam der Hamburger Polizei ums Leben kam. Der Fall wurde untersucht, mit dem Ergebnis, dass sich der 21-Jährige in seiner Zelle umgebracht haben soll. Die Justizbehörde, Angehörige und Freund*innen sahen keine Anzeichen für einen Suizid. Für seine Angehörige und Freund*innen bleiben deshalb Zweifel bestehen.

Wie gehen wir als Medienmacher*innen mit dem Thema um?

Die aktuelle FINK.HAMBURG-Redaktion ist eine Weiße Redaktion. Alle Redakteur*innen sind zumindest „white passing“, werden also als Weiße in der Gesellschaft wahrgenommen und entsprechend nicht rassistisch ausgegrenzt und benachteiligt. Diese Privilegien sollten wir hinterfragen. Nur so können wir unsere Verantwortung in dem System erkennen und eigenes rassistisches Verhalten ändern. Das ist oft unbequem, aber auch befreiend. Die Antirassismus- und Diversity-Trainerin Tupoka Ogette spricht in ihrem Buch „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“ vom Verlassen des Happylands – einem Ort, an dem wir uns als Weiße Menschen aufhalten, bevor wir uns aktiv mit Rassismus auseinandersetzen.

Im Anschluss an die Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) stellten wir uns die Frage, wie wir über die Kundgebung am US-Konsulat und über den täglichen Kampf von People of Color und Schwarzen in diesem Zusammenhang berichten wollen. Unsere Methode: Den Betroffenen zuhören.

Expert*innen of Color fragen

Die Proteste in Hamburg am ersten Juniwochenende wurden von der Gruppe Lampedusa in Hamburg mitorganisiert. Sie besteht aus rund 350 Geflüchteten, die seit 2013 für ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland kämpfen. Unter dem Motto „Justice For Floyd – Stop Killing Blacks“ versammelten sich am 5. Juni rund 4.500 Demonstrierende vor dem US-Konsulat. Abimbola Odugbesan war auch dabei. Er ist 33 Jahre alt und kommt aus Nigeria. Im September 2013 schloss er sich der Lampedusa-Gruppe an. Im Interview mit FINK.HAMBURG spricht er über die BLM-Bewegung. Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

Lampedusa in Hamburg:
Im Mai 2013 gründeten rund 350 Kriegsgeflüchtete aus Libyen die Gruppe Lampedusa in Hamburg, um für ein dauerhaftes Bleiberecht zu kämpfen. Nachdem sie die Lager auf Lampedusa (Italien) verlassen mussten, kamen die Geflüchteten nach Hamburg – ohne ein Recht auf Arbeitserlaubnis und Sozialleistungen und ohne Unterkunft. Am 22. Mai 2013 wurde ein Zelt in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes errichtet: Ein Treffpunkt für die Mitglieder der Gruppe Lampedusa in Hamburg und andere Geflüchtete und Migrant*innen. Gemeinsam mit antirassistischen Gruppen und Einzelpersonen kämpfen sie seit sieben Jahren für eine dauerhafte Lösung für die gesamte Gruppe. Sie berufen sich auf den Paragrafen 23 im Aufenthaltsgesetz.

 

Abimbola Odugbesan hält eine Rede auf der Kundgebung vor dem US-Konsulat. Foto: Maja Andresen.
Abimbola Odugbesan hat am 5. Juni 2020 eine Rede auf der Kundgebung vor dem US-Konsulat gehalten. Foto: Maja Andresen

FINK.HAMBURG: Abimbola, du bist einer der Initiator*innen der BLM-Demonstrationen in Hamburg. Magst du dich kurz vorstellen?

Abimbola Odugbesan: Mein Name ist Abimbola Odugbesan. Ich habe Politikwissenschaft und Gesundheitsbildung an der Olabisi-Onabanjo-Universität in Ago-Iwoye, Ogun State, Nigeria, studiert. Ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern von Lampedusa in Hamburg und bin gleichzeitig Koordinator und Dozent an der Silent University Hamburg.

Politisch aktiv zu sein, ist Teil meines Lebens. Schon während meiner Universitätszeit war ich sehr engagiert in der Studierendenvereinigung. Dort haben wir für Reformen innerhalb des institutionellen Systems gekämpft.

Die Silent University ist eine unabhängige Bildungsstätte von und für Geflüchtete und Migrant*innen, die in ihren Heimatländern eine akademische Berufsausbildung abgeschlossen haben, aber aufgrund ihres Aufenthaltsstatus hier nicht praktizieren dürfen.

Ich liebe es zu kämpfen. Das heißt: Ich engagiere mich gerne politisch, indem ich meinen Intellekt, mein Potential und meine Energie einsetze, um Freiheitsproteste zu organisieren. Ich engagiere mich auch für den Panafrikanismus: Das Konzept der vollständigen Befreiung der Afrikaner*innen. Auch diese Idee ist Teil meiner Identität. Ich freue mich, diesen Kampf in Hamburg fortzusetzen.

Wie hast du die Proteste am ersten Juniwochenende erlebt?

Odugbesan: Ich weiß nicht, mit welchem Adjektiv ich das richtig beschreiben kann. Ich habe das Gefühl, dass wir keine Ressourcen und auch keinen Einfluss haben, um unseren Kampf in die richtige Richtung zu lenken. Ich denke viel darüber nach, wer die Geflüchteten- und Einwanderer*innen-Bewegung kontrolliert. Während des Corona-Lockdowns habe ich viel nachgedacht, gelesen und Nachrichten gehört.

Als ich von der Ermordung von George Floyd hörte, explodierte mein Kopf, und ich verspürte tiefe Trauer. Ich hatte diese Energie in mir, ich musste einfach wieder auf die Straße gehen und schauen, wie ich konstruktiv sein kann. Bisher war es ein sehr guter Protest. Aber gleichzeitig habe ich noch immer Vorbehalte, da sich nichts wirklich in die richtige Richtung bewegt. Weil die Unterdrückung der Schwarzen selbst während der globalen BLM-Proteste zunimmt.

Du siehst also noch keine grundlegende Veränderung in der Gesellschaft?

Odugbesan: Was ich bisher am 5. Juni 2020 vor dem US-Konsulat und auch am nächsten Tag vor dem Hamburger Rathaus gespürt habe, ist eine unmittelbare Wut, eine unmittelbare Trauer ausgehend von den Menschen – und auch von mir selbst. Ich sehe noch keinen globalen Wandel, der den Menschen das Gefühl gibt, dass sie etwas verändern könnten. Die sogenannten führenden Politiker*innen der Welt nehmen den institutionalisierten Rassismus nicht ernst und tun wenig bis gar nichts, um ihn zu bekämpfen. Er ist das tödlichste Instrument, das weltweit gegen Schwarze eingesetzt wird.

Ich sah viele junge Menschen während des Protests, meist Weiße und auch Afrodeutsche. Für mich ist das symbolisch: Jetzt wird jungen Menschen der neuen Generation bewusst, wie gefährlich Rassismus ist und wie er in der Gesellschaft verwurzelt ist. Sowohl Weißen als auch Afrodeutschen wird gerade klar, dass Rassismus ein tödliches Virus ist. Sehen kann man das an den Kundgebungen: Am 5. und 6. Juni kamen Tausende Demonstrant*innen.

Das heißt die BLM-Bewegung hat in deinen Augen viele junge Menschen mobilisiert?

Odugbesan: Viele Menschen werden sich gerade bewusst, dass mit dem System etwas nicht stimmt und dass Polizeigewalt real ist. Viele der jungen Demonstrant*innen wissen aufgrund ihrer Unerfahrenheit nicht, wie sie der Polizei begegnen sollten. Nach der Kundgebung versuchten Polizeibeamt*innen einige junge Menschen zu verhaften, die neu in der Bewegung sind. Es liegt jedoch in der Verantwortung gut erfahrener politischer Gruppen, diese dann zu schützen, denn in solchen Momenten ist jede*r wichtig.

Die Polizei muss verstehen, dass es sich dort um junge Menschen handelte, die das Recht hatten zu demonstrieren. Und ich sehe keinen Grund, warum die Polizei ein grundlegendes Menschenrecht einschränkt, indem sie die Demonstrierenden verhaftete.

Die Polizei hat die Demonstration nach 30 Minuten für beendet erklärt. Trotzdem wurde weiter demonstriert. Warum?

Odugbesan: Ja, die Polizei hat gesagt, dass zu viele Menschen vor Ort waren. Die Demonstrant*innen haben aber die Verantwortung für sich selbst übernommen, und sie waren bereit, die Konsequenzen zu tragen. Sie standen für das ein, woran sie glauben, obwohl die Polizei sagte, dass sie gegen die aktuellen Corona-Regeln verstießen. Niemand war gewalttätig, die Demonstrierenden wollten nur ihre Wut zeigen.

Was hältst du davon, in Zeiten von Corona zu demonstrieren?

Odugbesan: Natürlich ist es wirklich wichtig, dass wir Corona ernst nehmen. Aber die Menschen sind auch für sich selbst verantwortlich. Wir sollten uns bewusst sein, dass die Proteste auch eine Sondersituation waren: Die Menschen haben getrauert. Außerdem war die Polizei nicht da, um die Demonstrant*innen zu schützen. Die Polizei war da, um das US-Konsulat zu schützen. Die Polizei stellte Wasserwerfer zum Schutz des US-Konsulats zur Verfügung, was sehr beschämend ist.

Wir haben wahrscheinlich viele Weiße Leser*innen, die sich nicht mit der BLM-Bewegung auseinandergesetzt haben. Kannst du erklären, worum es der Bewegung, speziell hier in Deutschland, geht?

Odugbesan: In Deutschland geht es darum, mehr Bewusstsein für die Notlage der Schwarzen zu schaffen. Ich denke, Weiße müssen Schwarzen, die ungerecht behandelt werden, Aufmerksamkeit schenken. Denn es waren die Weißen, die das System der Unterdrückung geschaffen haben. Es gibt viele Geschichten, die Weiße meiner Meinung nach nicht kennen, weil sie Weiß sind.

Das ist jetzt mein siebtes Jahr, in dem ich politisch aktiv bin. Und ich habe viele Weiße getroffen, viele gute Menschen. Sie meinen es gut, aber sie wissen nicht, was es bedeutet, Schwarz zu sein. Was es bedeutet, eingeschüchtert zu sein, weil man Schwarz ist. Was es bedeutet, gedemütigt zu werden, weil man Schwarz ist. Eine Art Makel zu haben, weil die Schwarze Identität zu einem sozialen Stigma geworden ist.

Für die Bewegung ist eine Kombination wichtig: Von Schwarzen, die als Opfer von institutionellem Rassismus ihre Erfahrungen teilen. Und von interessierten Weißen, die zuhören und Verständnis aufbringen. Problematisch wird es, wenn das Konzept der Bewegung nur von Weißen kommt.

Warum ist das problematisch?

Odugbesan: Das Konzept muss von Schwarzen kommen. Die Realität aber sieht so aus: Wenn wir, die Schwarzen, tatsächlich den Kampf gegen die Gewalt gegen Schwarze gewinnen wollen, brauchen wir die Weißen.

Der erste Bewegungsmarsch nach Alabama (siehe Selma-nach-Montgomery-Märsche) von vor 55 Jahren mit Martin Luther King war nicht erfolgreich. Weil es nur Schwarze waren, schlug die Polizei den Protest nieder. Der zweite Marsch nach Alabama war eine Kombination aus Schwarzen und Weißen Demonstrierenden. Und sie hatten Erfolg. Das bedeutet, dass wir in dieser Bewegung auch Weiße brauchen.

Aber ich denke, dass die Schwarzen den Ton angeben sollten, während die Weißen versuchen sollten, zuzuhören und Grenzen und ihre Verantwortung zu begreifen. Denn das Konzept von Rassismus kommt von den Weißen. Wenn Rassismus Einhalt geboten werden soll, muss es auch bei den Weißen beginnen.

Du hast beim Protest auch eine Rede gehalten. Richtete sie sich nur an die Black Communities oder auch an Weiße Demonstrierende?

Odugbesan: Ich habe mich an die Öffentlichkeit gewandt – unabhängig von Herkunft und Glauben. Es war eine Rede für alle, die aufrütteln sollte, dass wir stark sein müssen, dass wir einen Preis zahlen müssen. Wenn Weiße Menschen Schwarze Menschen schlecht behandeln, müssen wir herausfinden, wie man der Situation konstruktiv begegnen kann. Beim Kampf gegen Rassismus geht es darum, das Wort zu ergreifen. Durch das Bewusstwerden von rassistischen Strukturen haben wir bereits eine kleine Veränderung in der Gesellschaft. Ich weiß, dass es sehr lange dauern wird.

Was können wir als Weiße Journalist*innen besser machen, wenn wir über Rassismus schreiben?

Odugbesan: Die Frage, die ihr stellt, ist eine sehr tiefgründige Frage. Ich finde es seltsam, wenn Weiße Journalist*innen über Rassismus berichten wollen. Denn sie werden die Geschichte immer aus der Perspektive der Weißen erzählen. Und sie werden es immer falsch verstehen. Es sollte mehr Schwarze geben, die in den Medien Stellung beziehen. Sie sollten in der Lage sein, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die Medienhäuser müssen sich auch mit Rassismus auseinandersetzen. Dafür gibt es gute Bücher, die von Schwarzen geschrieben wurden, die nicht die Perspektive der Weißen repräsentiert. Ich glaube nicht, dass Weiße über Rassismus schreiben und es richtig machen können. Sie werden stets das Weiße Narrativ vom Rassismus reproduzieren.

Können Weiße Journalist*innen denn Übersetzer*innen sein?

Odugbesan: Ich denke, dass Weiße Journalist*innen Vermittler*innen sein könnten. Aber nur wenn sie mit ihrem Weißsein ernsthaft kritisch umgehen.

Titelbild: Maja Andresen

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Marie Filine Abel, geboren 1992 in Hamburg, diskutiert leidenschaftlich gern: Mit einem Verschwörungstheoretiker im Flugzeug über Aliens, mit Margarete Stokowski via Instagram über die feministischen Implikationen jungfräulicher Cocktails, oder beim Kartenspiel am Küchentisch. Zwischen den Zeilen zu lesen hat sie während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg gelernt. Sie hospitierte am Hamburger Schauspielhaus in der Regie und interviewte für das Stadtmagazin „Szene Hamburg“ Künstler, Krippensammler und Klimaaktivisten. Da war klar: Marie will als Journalistin Anderen Raum für ihre Geschichten geben. Eine sein, die den Mund aufmacht und auf Missstände hinweist - ganz so, wie sie es in ihrer Kindheit aus Musikkassetten von Hannes Wader oder Fredrik Vahle gelernt hat. Kürzel: mfa
Maja Andresen, Jahrgang 1994, trainierte in Spitzenzeiten vierzehnmal die Woche für Spitzenzeiten. Mit 17 entdeckte sie jedoch die Welt jenseits des Triathlons. Nach einem Jahr Work & Travel in Neuseeland tauschte sie die Kleinstadtidylle in Schleswig-Holstein gegen das Großstadtleben in Wien ein. Dort studierte sie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ihrem Interesse für Bewegtbild ging sie als Set-Runner beim Tatort Hamburg nach. Das gefiel ihr so gut, dass sie ihr Studium für zwei weitere Filmproduktionen unterbrach. Jetzt kennt sie auch die ausgefallenen Kaffeevorlieben von Bully Herbig und Matthias Schweighöfer. Nach dem Studium entwickelte und produzierte sie bei der ZEIT Akademie in Hamburg E-Learnings und schrieb für den dazugehörigen Blog. Sport macht Maja immer noch. Aber nur dreimal die Woche. Kürzel: man