Influencer:innen, die vegane Marken empfehlen und Modehäuser, die recycelte Ware anbieten: Klingt fortschrittlich, aber ist es das auch? FINK.HAMBURG hat mit der Verbraucherzentrale Hamburg über Greenwashing gesprochen und Tipps gesammelt, wie man dieses erkennt.

Ein Interview von Lukas Barth und Lilly Brosowsky

Umweltbewusstsein ist das „New Black“ der Marketingabteilungen. Was das heißt? Nachhaltiger Konsum liegt im Trend. Und wenn große Unternehmen, die eigentlich für Fast Fashion stehen – also dem Gegenteil von bewusstem Konsum – auf diesen Trend aufspringen, dann fragt man sich, ob das ehrlich gemeint ist. Tristan Jorde, Umweltberater bei der Verbraucherzentrale Hamburg, erklärt im Interview mit FINK.HAMBURG, welche Siegel wirklich wichtig sind, woran man Greenwashing erkennt und was Endverbraucher:innen beim Klamottenkauf beachten können.

„Wir beuten die Erde mörderisch aus“

FINK.HAMBURG: Was verstehst du unter Nachhaltigkeit?

Tristan Jorde: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einerseits, Dinge verantwortungsbewusst zu kaufen, zu betrachten, einzusetzen und damit umzugehen. Es geht aber auch um unsere Lebensweise. Das heißt nicht, den Leuten zu erklären, dass sie nichts mehr machen dürften. Aber sie dürfen halt auch nicht jeden Schmarrn glauben, der einem von der Werbung eingeredet wird. In meinen Fortbildungen versuche ich die Leute darauf zu sensibilisieren.

Wenn alle so viel konsumieren würden, wie die Hamburger, dann bräuchten wir den Planeten in dreifacher Ausführung.

Ein weiterer Ansatz ist, dass wir die Erde unseren Kindern lebenswert hinterlassen sollten. Das ist aber unwahrscheinlich, weil wir die Erde gerade mörderisch ausbeuten. In einem Maße, dass einem schummrig wird. Ich halte Konsum für eine Ersatzbefriedung – das macht uns nicht glücklich. Letztendlich konsumieren wir alle zu viel. Wenn alle so viel konsumieren würden, wie die Hamburger, dann bräuchten wir den Planeten in dreifacher Ausführung. Der ist nicht da. Das funktioniert also nur, weil andere nichts haben.

Die Organisation Global Footprint Network berechnet jährlich den Earth Overshoot Day: also den Zeitpunkt, an dem weltweit mehr Rohstoffe verbraucht wurden, als in einem Jahr nachwachsen können. Die Grafik zeigt wie viele Erden die jeweiligen Länder bräuchten, damit die verwendeten Rohstoffe nach einem Jahr nachgewachsen sein könnten.

Nachhaltig oder Nullaussage?

Nachhaltigkeit ist kein geschützter Begriff – welches Problem ergibt sich daraus?

Nachhaltigkeit ist als Begriff nicht geschützt. Das heißt, es gibt keine allgemeingültigen Kriterien, die beispielsweise bestimmen welches Produkt nachhaltig ist. Zu Nachhaltigkeit zählen häufig drei Aspekte: Ökologie (Tier- und Umweltschutz), Sozial Verantwortung (faire Bezahlung) und Ökonomie (nur so viele Rohstoffe verwenden, wie nachwachsen können).

Jorde: Es wird beispielsweise „aus nachhaltigen, sorgsamen, bewussten Anbau“ auf Produkte geschrieben. Aber das heißt eigentlich gar nichts. Wenn man nachfragt, worauf sich „aus nachhaltigem Anbau“ oder „aus nachhaltiger Produktion" genau bezieht, dann haben sie vielleicht ihre Stromversorgung auf Ökostrom umgestellt und das war es dann schon. Ich glaube man müsste sehr handfeste Kriterien festlegen, um den Nachhaltigkeitsbegriff in die Produktwelt zu bringen. Der Begriff Nachhaltigkeit ist ein ganz wichtiger für die Produktion insgesamt, aber für den alltäglichen Produktkauf wenig geeignet, weil er nicht greifbar ist.

Von welchen Kriterien reden wir?

Jorde: Zum Beispiel kann man bei bestimmten Produktgruppen den Energieverbauch limitieren. Aber auch der Ressourcenverbrauch ist wichtig. Also wie viele Materialien und wie viel Wasser in einem Produkt stecken. Wasser wird auf allen Dimensionen verschwendet. Interessanterweise sind die Leute zu Hause sofort bereit den Wasserhahn zuzudrehen, aber gleichzeitig kaufen sie Produkte, in denen fünf Millionen Liter Wasser stecken. Wenn ein, zwei Liter zu Hause verschwendet werden, ist das vergleichsweise kein Schaden. Der wirkliche Wasserverbrauch findet ganz woanders statt.

Greenwashing: Baumwolle als Übeltäter

Wo findet der Wasserverbrauch in der Textilindustrie statt? 

Jorde: Insbesondere die Baumwollproduktion ist extrem wasserintensiv, deshalb sind Kriterien für den ökologischen Anbau von Baumwolle so wichtig. Diese Kriterien beziehen sich vor allem auf den Wasserverbrauch, aber natürlich auch auf andere Dinge. Dass es sie gibt, ist schon ein Fortschritt. Das beste Beispiel für den enormen Wasserverbrauch durch Baumwollanbau ist der Aralsee: Der war mal riesig, jetzt ist er ein Teichchen – das sieht man kaum mehr. Grund dafür ist die usbekische Baumwolle. Damit hat man quasi ein Binnenmeer ausgetrocknet. Das passiert aber nicht nur in Usbekistan oder Turkmenistan, sondern auch in Kalifornien oder in Westafrika.

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Obwohl der Anbau von Baumwolle mittlerweile besser kontrolliert wird, ist auch hier eine Falle versteckt. Klamotten sind hochkomplexe Produkte und die Baumwolle ist nur ein kleiner Anteil davon. Große Textilketten werben gerne mit Organic Cotton. Da sehen Sie dann viele Wölkchen und Bäumchen auf der Verpackung. Dabei geht es letztendlich um einen einzigen Schritt, nämlich den Anbau der Baumwolle. Aber alles andere – zum Beispiel das Veredeln, Färben, Ausrüsten des Garns, Spinnen, Verschicken, bis zur Verteilung und schließlich der Entsorgung – bleibt im Dunklen.

Die Textilproduktion

Textilien stellt man heute entweder aus pflanzlichen Stoffen (etwa Leinen), tierischen Materialien (wie Wolle) oder aus synthetischen Stoffen (zum Beispiel Nylon) her. Die Fasern werden gewaschen, aufbereitet und dann zu Garn gesponnen, aus dem im nächsten Schritt Textilien gewebt werden. Die gewebten Stoffe müssen dann noch gegen UV-Strahlung geschützt werden und manche werden so behandelt, dass sie wasserfest sind – diesen Schritt nennt man Veredelung. Andere Stoffe werden in diesem Produktionsschritt gefärbt. Schließlich werden aus den fertigen Stoffen Kleidungsstücke genäht. Das nennt man Konfektionierung. Die fertigen Kleidungsstücke werden verpackt und mit dem Flugzeug oder auf Containerschiffen in die ganze Welt verschickt. Irgendwann landen sie dann auch bei uns in Läden. Zur Herstellung von Kleidung sind viele Schritte notwendig, die oftmals nicht am selben Ort stattfinden, deshalb ist es schwer herauszufinden, ob wirklich überall nachhaltig und sozial gehandelt wurde.

Der Kreislauf der Textilindustrie ist abgebildet: Anbau, Waschen, Garn, Weben, Veredeln, Konfektionieren und dann kommen die Klamotten auch schon in den Laden.
Kreislauf der Textilindustrie. Illustration: Catherine Kuhlmann

"Recyclingfähig ist alles"

Klingt nach Greenwashing. Kannst du uns kurz erklären, was das ist?

Jorde: Greenwashing ist eine missbräuchliche Verwendung von Öko- und Sozialattributen. Etwa Begriffe wie "verantwortungsvoll produziert" oder "100 % recyclingfähig". Diese Begriffe suggerieren, dass die Marke die Umwelt nicht versaut und die Angestellten fair bezahlen. In Wirklichkeit sind das Nullaussagen. Hinter "verantwortungsvoll produziert" stehen keine Kriterien, die das belegen. Und "recyclingfähig" ist im Grunde genommen alles, aber die Frage ist, wie sinnvoll das ist, denn meistens ist Recycling sehr aufwändig und braucht viel Energie.

Zu Greenwashing zählt auch, dass meist große Textilketten kleine, aber durchaus verantwortungsvolle Produktchargen besitzen und ihr Marketing darauf konzentrieren. Die anderen Tausend Produkte haben damit nichts zu tun. Der Kunde wird dann nur zur grünen Ecke geleitet.

Der Siegel-Check hilft

Wenn ich als Kunde Greenwashing erkennen will, kann ich mich auf Siegel verlassen?

Jorde: Man müsste die Verbraucher und Verbraucherinnen darauf schulen, zu erkennen, was Siegel genau sagen. Fair meint im Allgemeinen den sozialen Aspekt, also wie die Menschen bezahlt werden. Das müssen noch nicht mal tolle Löhne sein. Manchmal sind sie wirklich existenzsichernd und manchmal ist es nur Mindestlohn. Mindestlohn heißt aber in vielen Ländern, dass man nicht davon leben kann. Auch in Europa. Gerade in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder auch den Randzonen in Ukraine und Mazedonien wird gerne mit Niedrigstlohn gearbeitet. Die guten Siegel fordern deshalb stattdessen einen existenzsichernden Lohn.

Kern der Frage: Fair bezieht sich meistens auf den sozialen Aspekt und nicht den Ökologischen. Das wächst aber immer mehr zusammen. Immer mehr faire Siegel nehmen Ökokriterien dazu und andersrum auch. Es wird besser.

"Es wird besser."

Was sagt ein Öko-Siegel aus?

Jorde: Das Problem ist, dass über 95 Prozent der Klamottenproduktion nicht lokal stattfindet, sondern als globalisierte Lieferkette. Selbst die Händler haben keine Ahnung, was in den Produkten als Materialien enthalten ist. Dass beispielsweise Baumwolle der Grundstoff ist, darauf können wir uns noch einigen – auch das wird manchmal fehldeklariert, aber sagen wir mal es stimmt. Was dann an Farbstoffen, Veredelung oder Pestiziden verwendet wurde, weiß niemand.

Stellt euch mal vor: Es kommt ein Container-Transport aus Asien. Der wird vor der Überfahrt gegen Schimmelpilze, Insektenbefall oder Mikroben ausgerüstet. Da wird ordentlich mit Giftgas hineingegangen. So einen Skandal gab es zuletzt auch im Hamburger Hafen. Also müsste ich auf wertvolle Ökolabel achten, um sicher zu sein, dass dort keine Gase angewendet wurden. Eine andere Alternative wäre, Second-Hand-Mode zu kaufen. Da ist alles gasförmige schon weg und ausgewaschen.

Siegel ist nicht gleich Siegel

Wie entstehen Siegel und wann bekommen Marken diese Siegel?

Jorde: Wichtig ist immer, dem Geld zu folgen, sich also die Frage zu stellen, wer das Ganze zahlt. Viele Labels werden von den Firmen einfach selbst oder von ihnen bestellten und bezahlten Gutachtern vergeben. Wir kennen die Geschichten über den TÜV, der in Bangladesch ein Gebäude bescheinigt hat, das zehn Tage später zusammengebrochen ist, weshalb 1100 Leute starben. Das sind bezahlte Gutachten.

Allgemein sollte man auf öffentliche Labels achten, die keine Bezahlung dafür kriegen und wenn möglich von einer NGO kontrolliert werden. Je mehr Parteien beteiligt sind, desto stabiler wird das Gefüge. Bei großen Siegeln wie Grüner Knopf, GOTS und IVN  ist das wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnis zum Verleihen dieser Siegel sehr gering. Staatliche Labels kann man im Allgemeinen mehr Vertrauen, als irgendeiner Firma, die schreibt "eco friendly". Staatliche Labels wie Blauer Engel haben auch Fehler. Allerdings sind sie besser kontrollierbar, denn da sind die Kriterien einsehbar. Deswegen lieber auf diese wenigen, aber stabilen Siegel achten.

Eine Übersicht, welche Siegel was bedeuten, findest du auf der Seite Siegelklarheit oder Labelonline. Speziell mit Fairen Siegeln befasst sich dieser Bericht der Verbraucherzentrale.

"Die Altkleiderversorgung ist ein Desaster"

Sind recycelte Materialien eine Lösung?

Jorde: Die Altkleiderentsorgung ist ein Desaster. Es gibt nicht mehr die Oma, die aus der Schafswolle einen Pulli strickt, dann auftrennt und einen neuen Pulli strickt. Das war perfektes Recycling. Jetzt haben wir das Problem, dass wir gar nicht wissen, aus welchen Materialien unsere Klamotten sind. Fast überall ist mittlerweile Elasthan oder ein kleiner Polyesteranteil drin. Da werden unterschiedliche Gewebe gemischt und deshalb ist es schwierig diese Textilien zu recyceln. Ein wichtiger Ansatz wäre, möglichst Monomaterialien zu produzieren. Also wirklich reine Baumwolle oder Polyester mit sehr klar definierten Farbstoffen. Das Gegenteil von dem, was zurzeit passiert.

Tipps gegen Greenwashing

Hast du ein paar handfeste Tipps für uns als Verbraucher:innen?

Jorde: Am besten weniger konsumieren. Second Hand oder Kleidertausch ist dafür eine Option. Und wenn neu, dann lieber selten hochwertige Dinge kaufen, lange tragen und reparieren. Hier gilt aber: nur weil etwas teuer ist, ist es nicht gleich gut. Bei teuren Marken nicht davon ausgehen, dass die sozialverantwortlich oder ökologisch wertvoll herstellen. Da muss man tatsächlich auf die entsprechenden Siegel achten.

Umgekehrt kann man es aber ziemlich sicher annehmen: Wenn etwas billig ist, ist es ziemlich sicher nicht gut. Die teuersten Markenklamotten produzieren aber in denselben Fabriken wie die allerbilligsten. Gut ist es daher auch lokal produzierte Kleidung zu kaufen, deren Hersteller man kennt.

Illustration: Catherine Kuhlmann