Am 9. November 1938 stirbt Ernst vom Rath an seinen Schussverletzungen. Propagandaminister Joseph Goebbels nimmt das zum Anlass, zu Pogromen gegen Jüd:innen aufzurufen. Doch in Hamburg bleibt es noch vergleichsweise ruhig, weil die Nachricht vom „spontanen Volkszorn“ zu spät ankommt.

Vor und nach der Progromnacht

Jedes Jahr gedenken Menschen den Opfern der Reichspogromnacht, also jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als Synagogen und jüdische Geschäfte überall in Deutschland angegriffen wurden. Was passierte in den Tagen davor und danach? Ein Überblick zur historischen Nachrichtenlage.

Der 9. November war schon vor 1938 ein ereignisreicher Tag in der deutschen Geschichte. 1918 dankte der Kaiser ab und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief in Berlin die Republik aus. 1923 verübten Erich von Ludendorff, einflussreicher General im Ersten Weltkrieg, und Adolf Hitler in München einen nationalsozialistischen Putsch gegen diese junge Republik. Die Polizei konnte den Putsch jedoch niederschlagen und Adolf Hitler musste eine Haftstrafe antreten. Für den damals noch recht unbekannten Hitler hatte sich die Aktion trotzdem gelohnt. Schlagartig war er weltweit bekannt und verfasste in der Haft sein Buch „Mein Kampf“.

Nationalsozialisten erinnern an den Hitler-Putsch von 1923

Die Hamburger Zeitungen berichten deshalb am 9. November 1938 vor allem von den Feiern zum 15. Jahrestag dieses Putsches. Sie drucken die Gedenkrede Hitlers ab, die er am Vorabend im Münchner Bürgerbräukeller gehalten hat und zeigen Bilder vom nationalsozialistischen Gedenken in Hamburg. Mehrere Artikel verurteilen Herschel Grynszpan und nutzen sein Attentat für antisemitische Hetze gegen das „Weltjudentum“. In kurzen Randnotizen wird deutlich, dass es in Hessen bereits antisemitische Pogrome als Reaktion auf das Attentat gegeben hat.

In Hamburg und anderen Städten hält sich nach dem Attentat das Gerücht, dass die Synagogen als heimliches Waffenlager der Jüd:innen dienten. Zeitungsberichte am 9. November, die von großen Waffenfunden bei der jüdischen Bevölkerung in Berlin berichten, bestärken diese Gerüchte und tragen später zum Übergriff auf die Synagogen bei.

Goebbels ruft zu Pogromen auf

Auf den Titelseiten schreiben die Hamburger Zeitungen auch, dass sich der Gesundheitszustand von Ernst vom Rath verschlechtert hat. Die Zeitungen können jedoch wegen des Redaktionsschlusses nicht mehr aufgreifen, dass er am Nachmittag des 9. November an seinen Schussverletzungen stirbt.

Bei der nationalsozialistischen Gedenkfeier in München kommt die Nachricht jedoch an. Für Propagandaminister Joseph Goebbels ist sie ein gefundener Anlass. Am späten Abend ruft er in einer Hetzrede zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung auf, um den Tod von Ernst vom Rath zu vergelten. Die Aktionen will er als „spontanen Volkszorn“ inszenieren: die NSDAP sollte nicht als offizieller Organisator der gewalttätigen Proteste auftreten, sie aber auch nicht verhindern. Direkt nach der Rede kontaktieren die Gauleiter von München aus die SA und SS in ganz Deutschland und weisen gezielte Aktionen gegen jüdische Geschäfte, Häuser und Synagogen an.

In Hamburg schlafen die Nationalsozialisten schon

Doch in Hamburg bleibt es noch vergleichsweise ruhig. Die Nachricht vom „spontanen Volkszorn“ kommt hier zu spät an. „Selbst auf den Dienststellen der Sturmbanne war es nicht möglich, die dort untergebrachten SS-Männer telefonisch zu wecken“, schreibt einige Tage später selbstkritisch ein SS-Oberführer. Die Kontaktlisten sind veraltet, manche Telefone nur tagsüber besetzt.

Erst in der Nacht und den frühen Morgenstunden des 10. November gibt es deutliche Übergriffe auf Jüd:innen. Angeführt von der SA ziehen kleine Gruppen durch die Stadt, schlagen Schaufenster ein und verwüsten zahlreiche Geschäfte. Die Gestapo lässt mitten in der Nacht noch die ersten Jüd:innen verhaften. Doch ihre volle Brutalität entfalten die Novemberpogrome in Hamburg erst am 10. November 1938.

Illustration: Laurenz Gottstein

Quellen:

  • „Hamburger Neueste Nachrichten“ vom 9.11.1938, Archiv europeana
  • „Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933-1945“, Beate Meyer (Hrsg.), 2006
  • Jüdisches Leben in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung / bpb, 2010
  • Der Hitler-Putsch 1923, Burkhard Asmuss, LeMO, Lebendiges Museum Online, 2019.
  • Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39, Band VI, Dokumente, Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden. Herausgegeben von Andreas Brämer und Miriam Rürup, 2016.

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