Rothenbaumchaussee 26 – ein schlichtes Haus voller Geschichten. Autor Michael Batz hat sechs Jahre lang in Archiven nach ihnen gesucht. Und das wegen einer alten Klarinette.

Ein Artikel von Michelle Albert und Lilly Brosowsky.

In den 1980er Jahren taucht bei Umbauarbeiten eine alte Klarinette unter Dielenbrettern auf. Der Fundort: Ein dunkles Klinkergebäude in der Rothenbaumchaussee 26 in Hamburg, das gar nicht zu den prunkvollen Jugendstilfassaden links und rechts passt. Wer die Klarinette versteckt hat und weshalb bleibt ein Geheimnis, von dem der Künstler Michael Batz 1997 hört. Er ist fasziniert und will das Rätsel lösen.

Michael Batz, geboren 1951 in Hannover, ist ein deutscher Autor, Dramaturg, Regisseur und Lichtkünstler. Er lebt seit 1976 in Hamburg.

Er vermutet den oder die Besitzer:in in den Jahren zwischen der Erbauung des Hauses 1922 und der Nachkriegszeit bis 1948. Bei seiner Suche findet er immer mehr über die Bewohner:innen der Rothenbaumchaussee Nummer 26 heraus. Nach sechsjähriger Recherche schreibt er schließlich ein Buch über sie: „Das Haus des Paul Levy. Rothenbaumchaussee No. 26“. Die Recherchearbeit liegt dem Autor nicht fern. Batz ist bekannt für seine künstlerische Erinnerungsarbeit am Theater und erhielt dafür im Oktober 2021 den Bundesverdienstorden.

Autor Michael Batz vor der Rothenbaumchaussee
Autor Michael Batz vor der Rothenbaumchaussee 26. Foto: Lilly Brosowsky

(K)ein Haus wie jedes andere

Jüdische Symbole über der Tür in der Rothenbaumchaussee 26
Jüdische Symbole über der Haustür von Nummer 26. Foto: Lilly Brosowsky.

Michael Batz steht vor dem Klinkergebäude in der Rothenbaumchaussee. Sechs Jahre lang hat er über dieses Haus nachgedacht, kennt seine Geschichten in- und auswendig. So unscheinbar das Klinkergebäude auf den ersten Blick aussieht, so viel verrät doch schon die Haustür über seine jüdisch geprägte Geschichte. Batz zeigt auf zwölf Fenster in der Tür, sie stehen für die 12 Stämme Israels. Der darüber in die Tür eingeschnitzte Löwe ist ein Symbol für den Stamm Juda.

Tatsächlich lebten zu Beginn mehrheitlich Menschen mit jüdischen Wurzeln im Haus. „Diese Symbole haben die Nationalsozialisten nicht erkannt, deshalb blieb die Tür erhalten“, sagt der Autor. Und auch das sei besonders an der Rothenbaumchausee 26 – es handle sich um das erste baugenossenschaftliche Wohngebäude Hamburgs. Am Bau des Hauses entspinnt er die Geschichte, mit welcher er die Leser:innen sauber strukturiert durch die Jahre und das Leben der Bewohner:innen führt.

Ein Blick in das Jahr 1922

Rechts die Haustür der Rothenbaumchaussee und links ein Stolperstein.
Hinweise auf die ehemals im Haus lebenden Juden und Jüdinnen. Foto: Lilly Brosowsky.

Ein Blick in das Jahr 1922: Treibende Kraft hinter der Idee des genossenschaftlichen Bauens sind der jüdische Privatbankier Paul Levy und der ebenfalls jüdische Rechtsanwalt Rudolf Magnus. Das Modell ist in den 1920er Jahren ein Novum: Die Mitglieder nennen sich Gesellschafter:innen, zahlen jeweils 620 Goldmark zur Gründung einer Kapitalgsellschaft ein. Nach Abschluss des Hausbaus gehört den Mitgliedern jeweils eine der zehn 240 Quadratmeter großen Wohnungen.

Lediglich die monatlichen Nebenkosten müssen sie tragen. Um Einnahmen zu generieren, vermieteten die Mitglieder ein Atelier auf dem Dachboden an den Künstler Willy Davidson und seinen Lebensgefährten, den Innenarchitekten Curt Aleff. „Ein aufgeklärtes, gesellschaftlich assimiliertes, vaterländisches Judentum leben zu können, ist die Idee dieses modern konzipierten Hauses“, schreibt Batz in seinem Buch.

Künstler auf Spurensuche in der Vergangenheit

Grafik, welche die zehn Parteien im Haus in der Rothenbaumchaussee 26 zeigt.
Erstbewohner Rothenbaumchaussee 26. Grafik: Annalena Weber.

Im ersten Kapitel zeichnet sich schon die größte Herausforderung für den Autor ab: Die mit den Jahren wachsende Anzahl der Protagonist:innen ist enorm. Zum Ersteinzug leben 12 Parteien im Haus. Batz verfolgte den Wechsel der Bewohner:innen in den 26 Jahren von 1922 bis 1948. Die Grafikerin Annalena Weber hat die Bewohner:innenwechsel in Übersichten dargestellt. Insgesamt schreibt Batz in seinem Buch über das Leben von 50 Hauptprotagonist:innen. Neben ihnen sind 750 weitere Personen in einem Personenregister am Ende des Buch vermerkt. Dazu waren Jahre der Recherche nötig.

Um den Weg der in die ganzen Welt verstreuten ehemaligen Bewohner:innen der Rotherbaumchaussee 26 nachvollziehen zu können, kontaktierte Batz weltweit 37 Archive. Er ist ein hartnäckiger Sucher, „Das Haus des Paul Levy“ ist nicht seine erste Recherchearbeit. Schon neun Mal hat er die sogenannten Dokumentarstücke am Jahrestag der Befreiung Ausschwitzs inszeniert. Jedes Jahr wird am 27. Januar mit szenischen Lesungen von Originalquellen der Befreiung gedacht. Um für eine dieser Recherchen Akteneinsicht zu bekommen, ging Batz sogar bis vor die Zentrale der Landesjustizverwaltung. Zuvor war ihm diese vom Landgericht Hamburg verweigert worden. Am Ende wurde ihm der Zugang gewährt.

Der Geist des Hauses

Im Gespräch vor der Rothenbaumchaussee Nummer 26 wird aber schnell klar, dass Batz mehr als die reinen Fakten interessiert. Er taucht bei seiner Recherche tief in das Leben der Protagonist:innen oder im Falle seines letzten Buches in den Geist des Hauses ein. Und schafft es sie für die Leser:innen lebendig werden zu lassen. „Manchmal habe ich das Gefühl“, sagt Batz, „Häuser hätten ein Gedächtnis, als würden sie das Zeitgeschehen in sich aufsaugen.“ Ein paar Häuser weiter, in der Rothenbaumchaussee 38, so Batz, war das Hauptquartier der Gestapo. Im Keller folterten sie Menschen. Heute befindet sich in diesem Gebäude unter anderem eine neurochirurgische Praxis, die sich auf Schmerztherapie spezialisiert hat. „Ein seltsamer Zufall“, findet Batz.

Rothenbaumchaussee aus der Vogelperspektive 1934
Rothenbaumchaussee aus der Vogelperspektive 1934. Foto: Bildarchiv Hamburg.

Vom Sandwaschen in Archiven

Batz nennt das, was er die letzten sechs Jahre getan hat, historische Detektivarbeit. „Ich hatte aber auch Hilfe, alleine wäre das nicht zu machen gewesen“, sagt er. Unterstützt hat ihn zum Beispiel die Historikerin Sybille Baumbach. Ihre Studierenden durchsuchten im Archiv 9.000 unsortierte Krankenakten aus der Zeit des Dritten Reiches nach einem einzigen Namen für Batz. Am Ende fanden sie ihn tatsächlich: Theodor Heynemann. Batz nennt diese Methode Sandwaschen „bis man das Goldkörnchen findet.“

Einzug der Nationalsozialist:innen

Die Nationalsozialisten zwangssterilisierten zwischen 1934 und 1945 etwa 400.000 Menschen und führten 30.000 Abtreibungen ohne Zustimmung der Frauen durch. Die Nationalsozialisten nannten dies „Rassenhygiene“, sie wollten „krankes Erbgut“ ausmerzen. Mehr dazu gibt es hier.

Theodor Heynemann war im Dritten Reich als Gynäkologe tätig und involviert in die sogenannte eugenisch motivierte Sterilisation. Auch er lebte in der Rothenbaumchaussee 26 und hatte dort eine gynäkologische Praxis. Den Dokumenten aus dem Archiv nach zu urteilen, war Heynemann Mitglied der NSDAP und Befürworter der Zwangssterilisation. 1960 wurde in Hamburg eine Straße nach Theodor Heyneman benannt. Die Geschichtswerkstatt und die Partei Die Linke stellten 2018 einen Antrag auf Umbenennung, dem bis jetzt nicht stattgegeben wurde: Noch immer ist die Heynemannstraße in Langenhorn nach einem NS-Täter benannt.

Heynemanns Namen in den unsortierten Karteikarten zu finden war ein großes Glück, so Batz. Viele Dokumente sind während des Krieges verbrannt oder zerstört worden.

Mehrstöckiges Klinkergebäude, das zwischen herrschaftlichen Häusern in der Rothenbaumchaussee steht.
Die Nummer 26 in der Rothenbaumchaussee. Foto: Lilly Brosowsky

Rückkehr in die Rothenbaumchaussee 26

Batz suchte aber nicht nur in den Archiven nach Informationen, sondern nahm auch Kontakt zu den ehemaligen Hausbewohner:innen sowie zu deren Nachfahren auf. Häufig, so Batz, gab es kaum Wissen über die Verwandten. Seine Recherche hätten bei den Nachfahren oftmals erst Neugier und den Drang geweckt, mehr über die eigene Familiengeschichte zu erfahren.

Rudolf mit Eva und Ernst Max Magnus_um1927©The Magnus_Ruckhaus_Family_Collection
Rudolf mit Eva und Ernst Max Magnus um 1927. Foto: The Magnus Ruckhaus Family Collection.

Eine Nachfahrin des Ideengebers Paul Levy und seiner Frau Anna, die Tochter Carla Levy konnte Batz noch kurz vor ihrem Ableben 2016 sprechen. Doch eine ehemalige Bewohnerin aus der Zeit des Erstbezugs lebt noch: Eva Rückhaus (geb. Magnus) ist über 100 Jahre alt. Sie wohnt heute in New York. Rückhaus erzählte Batz von Erinnerungen an Hamburg, das Haus und an die Familien, die darin lebten. 1970 besuchte sie die Rothenbaumchaussee 26 mit ihrer Tochter Barbara.

Auf Spurensuche gehen

Das Buch macht neugierig darauf, mehr über das eigene Haus zu erfahren. Batz empfiehlt allen Geschichtsinteressierten mit den digitalen Adressbüchern der Stadt Hamburg zu beginnen. Denn dort sind alle Namen und Wohnorte festgehalten. Sie geben ersten Aufschluss darüber, wer, wann, wo gelebt hat. Hilfreich sind auch die digitalen Zeitungsarchive der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek.

Das Buch "Das Haus des Paul Levy" wird im Lichthof vorgestellt.
Die Lesung von „Das Haus des Paul Levy“ im Lichthof der Uni Hamburg wurde auf der in den 80er Jahren gefundenen Klarinette begleitet. Foto: Lilly Brosowsky

Kleinkosmos einer bürgerlichen Welt

Die Geschichte der Rothenbaumchausee 26 zeichnet die Entstehung des Dritten Reiches aus nächster Nähe. Nationalsozialist:innen und Jüd:innen lebten Wand an Wand in diesem Haus. In den 1920er Jahren luden sich die jüdischen Bewohner:innen zu Dinnerfeiern ein, spielten Schach und musizierten gemeinsam. Dann wendet sich die Geschichte: In den 1930er Jahren handelt sie von Flucht oder dem Trotz derjenigen, die ihr Zuhause nicht verlassen wollen. Nach der Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bewohner:innen zogen Mitglieder der NSDAP in die freigewordenen Wohnungen ein, unter anderem Theodor Heynemann. Gegen Ende des Krieges, erzählt das Buch wie sich die großen, herrschaftlichen Wohnungen mit Menschen füllten, deren Wohnungen zerbombt wurden – so genannte Bombengäste. Teilweise lebten sieben Familien zusammen in einer Wohnung, die früher eine Person bewohnte.

Das Rätsel um die zufällig gefundene Klarinette bleibt auch nach der intensiven Recherche des Autors unaufgelöst. Aber für Michael Batz macht das gar nichts. „Das Rätsel, das sie aufgab“, schreibt er „hatte zur Folge, dass viele andere Geschichten wiederkehren konnten.“

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Lilly Brosowsky, 1994 ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen: in Garmisch-Partenkirchen. Der Höhenlage ist sie lange treu geblieben, hat mal auf 3.640 Meter Höhe in La Paz als Barkeeperin gearbeitet, mal Waliser Schwarznasenschafen auf einer Hochhausalm in München die Klauen geschnitten. Nach sieben Jahren in München musste sie im flachen Hamburg erst einmal lernen, dass sie in einer Bäckerei fragend angeschaut wird, wenn sie Fleischpflanzerlsemmeln bestellt. Dabei ist sie kulinarisch durchaus aufgeschlossen: Als Volontärin kostete sie für „Mit Vergnügen“ bereits kandierte Heuschrecken. Für das Stadtmagazin schrieb sie unter anderem über die Münchner Szene. Als sie den Hype eines Clubs kritisch kommentierte, wurde sie von der „Süddeutschen Zeitung“ auf Instagram zitiert. Vor ihrem Volontariat hat Lilly einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen in Philosophie gemacht. Sie wünscht sich für die Zukunft Feminist:innen wie Sophie Passmann wegen ihrer progressiven Ansichten zu interviewen. (Kürzel: bros)

1 KOMMENTAR

  1. […] Seit über 400 Jahren sind Jüdinnen und Juden ein Teil der Hamburger Gesellschaft. Vor dem Holocaust war das jüdische Leben besonders ausgeprägt. Rund 20.000 jüdische Menschen lebten in den 1920er Jahren in der Stadt. Sie gingen hier zur Schule, feierten Feste und arbeiteten bei der Polizei, in der Forschung und in vielen anderen Berufen. Sie hinterließen nicht nur architektonische Spuren, sondern beteiligten sich engagiert am städtischen Leben und brachten es in vielen Bereichen voran. […]

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