Anna ist gegen Putin, ihre Großeltern schauen Russland-Propaganda im Fernsehen. In Annas Familie spalten sich die Meinungen über Putins Krieg. Symbolbild: Schatten von Anna auf Wiese.
Putins Krieg spaltet auch Annas Familie.

Anna lebt im Süden Hamburgs bei ihren Großeltern, zuhause läuft Russland Propaganda Tag und Nacht im Fernsehen. Anna ist gegen Putin und unterstützt sogar Geflüchtete. Wie damit umgehen, wenn der Ukraine-Krieg in der eigenen Familie Gräben aufreißt?

Ein älterer Mann sitzt in seinem Wohnzimmer vor einem Schachbrett. Konzentriert schiebt er die Figuren auf den Feldern hin und her, er spielt allein. Seine Frau ist in der Küche. Sie bereitet das Abendessen zu. Es gibt Borschtsch. „So ist das bei uns zuhause“, sagt Anna. Die Wohnung ihrer Großeltern sei schlicht eingerichtet. Das Spitzendeckchen auf dem Tisch ließe erahnen, dass hier ältere Menschen wohnen. Der russische Staatssender „Rossija 1“ läuft im Fernsehen und zwar „dauernd“, erzählt sie weiter. Ihren echten Namen möchte Anna nicht verraten, zu groß ist die Angst vor der Reaktion ihrer Familie.

Die 23-Jährige wohnt bei ihren russischen Großeltern im Süden von Hamburg. Beide sind Anhänger Putins. „Mein Opa und meine Oma gucken von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends russische Nachrichten“, sagt sie. „Sie stehen zu ihrer Meinung, Putin sei ein Guter.“

Anna kennt ihre Großeltern nicht anders. Dass sie in einem Zwiespalt steckt, merkt man. Die Loyalität zur Familie einerseits, andererseits die politischen Meinungen, die sie nicht teilt. Immer wieder beteuert sie, wie dankbar sie ihren Großeltern sei, die unterstützen – obwohl sie nicht Medizin oder Ingenieurswesen studiert. Beides Berufe, die sehr angesehen seien in ihrer Familie. Und auch sonst, betont Anna, seien ihre Großeltern „sehr nett“. Doch was macht der Ukraine-Krieg mit ihrer Familie? Wie ist es, in diesen Zeiten Russin zu sein? Was, wenn die Liebsten unterschiedliche politische Ansichten teilen?

Beim Thema Putin am besten „schweigen“

Anna ist froh, bei ihren Großeltern wohnen zu dürfen. Ihr Vater hat die Familie früh verlassen und mit dem neuen Freund ihrer Mutter habe sie sich nie richtig wohlgefühlt, berichtet sie. „Wenn etwas kaputt ging, oder etwas passierte, hieß es nur, Anna was hast du schon wieder gemacht. Auch wenn ich gar nicht daran beteiligt war.“ Bei Oma und Opa fühlt sie sich hingegen gut aufgehoben. Dort gibt es nicht so viel Streit, erzählt sie. „Wir reden zuhause nicht über Putin.“

Akzeptiert hat sie die Denkweise ihrer Großeltern schon lange. Verstehen tut sie sie aber bis heute nicht. „Es ist sehr schwierig, das Thema anzusprechen“, sagt sie, während sie mit den Händen eine abwehrende Geste macht. Am besten schweige man darüber, „sonst streiten sich alle“.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Vorurteile und zerbrochene Freundschaften

Auch in ihrem Bekanntenkreis wird sie mit Vorurteilen konfrontiert. Die Geflüchtete, der sie half, eine Unterkunft in Deutschland zu finden, habe den Kontakt abgebrochen. Ihre Begründung: Die Russen seien doch alle gleich. „Das hat mich sehr verletzt“, sagt Anna.

Sogar eine enge Freundschaft zerbrach aus politischen Gründen. Annas Freundin aus Kindheitstagen wuchs mit ähnlichen Wertevorstellungen wie sie auf, blieb aber bei der Denkweise, Putin sei ein Guter. Dass das zum Ende der Freundschaft führen würde, Anna war das „lange klar“, sagt sie. Die unterschiedliche Denkweise mache eine Freundschaft schwer möglich.

Warum Anna und ihre Mutter helfen

Annas Mama und ihr Freund wohnen im gleichen Bezirk wie die Großeltern. Mit Putin identifizieren sich beide nicht. „Sie schauen darauf, was in ihrem Land, also Deutschland, passiert“, sagt Anna. Sie und ihre Mutter sehen es als Pflicht, Geflüchteten zu helfen, berichtet sie. Sie können nachvollziehen, wie diese sich in einem fremden Land fühlen, in dem viele Hürden auf sie warten. Der akademische Abschluss ihrer Mutter und ihres Freundes sei bei deren Immigration nicht anerkannt worden. Ihre Mutter schloss eine Ausbildung ab, um Arbeit zu finden. Fleißig sei ihre Familie und habe sich gut eingelebt, betont Anna.

Und nun helfen sie anderen Neuankömmlingen. Für eine ukrainische Bekannte haben sie hinter der deutschen Grenze eine Unterkunft organisiert. Die Freundin von ihrer Mutter habe auch eine geflüchtete Familie bei sich aufgenommen. Anna dolmetschte beim Bürgeramt für sie und viele wartende Geflüchtete, half dabei, die Formulare auszufüllen. „Die Bürokratie in Deutschland dauert immer etwas länger.“, sagt sie.

Und was sagen ihre Großeltern dazu, dass sie hilft? „Sie wissen davon nichts“, sagt Anna. Auch andere Menschen würden überrascht reagieren. „Ich habe das Gefühl, seit dem Krieg werden alle Russen als Anhänger Putins abgestempelt. Aber was habe ich mit Putin zu tun?“

Auf ihre Herkunft ist Anna stolz

Zum Thema Ukraine äußert Anna sich mittlerweile nur noch ungern und zaghaft. „Ich will mit alle dem nichts mehr zu tun haben, wirklich. Es ist eine ständige Diskussion zuhause und draußen“, sagt sie und blickt starr und mit ernstem Gesicht.

Ihre Ansicht, dass nicht mit allen Geflüchteten gleich umgegangen werde, traue sie sich nicht mehr laut auszusprechen. Und doch beschäftige sie das Thema „Geflüchtete zweiter Klasse“ sehr. Eine Bekannte aus der Ukraine habe ihr berichtet, dass die Ausreise für nicht weiße Geflüchtete erschwert oder gar verboten werde. Der Vorwurf, People of Color sollen an der Ausreise gehindert werden, ist nicht neu. Viele Medien, darunter das ZDF und der Sender National Geographic thematisieren diese Vorwürfe aufgrund von Videos und Erfahrungsberichten im Netz. Auch Anna berichtet, dass sie vieles über ungleiche Behandlung an der Grenze zur Ukraine gelesen und gehört habe. „Ich finde, wir müssen allen Geflüchteten helfen und nicht priorisieren, welche wir lieber unterstützen wollen“, sagt sie.

Trotz des Zwiespalts in ihrem Leben ist Anna auf ihre Herkunft stolz. Auf die Frage, ob sie sich eher als Russin oder als Deutsche sieht, antwortet sie prompt: „Ich sehe mich schon als Russin.“ Ihr ist wichtig klarzustellen, dass nicht alle Russen gleich seien. „Unser Essen ist sehr lecker, und ich mag die Offenheit, mit der sich Russen begegnen.“ Im Vergleich zu den Deutschen seien diese geselliger. „Wir überspringen oft auch die Kennenlernphase und gehen gleich zu Freundschaft über“, sagt sie und lacht. „Wir Russen sind sehr gastfreundschaftliche Menschen. Wir helfen, wenn jemand Hilfe braucht.“ Daher sei sie stolz, Russin zu sein, „aber in Deutschland“.

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here