Mit Kostümen dem grauen Alltag der DDR entfliehen? Der Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ zeigt eine bisher unbekannte Seite der DDR – die Modewelt. Inspiriert zu diesem Film hat Regisseurin Aelrun Goette ihre eigene Geschichte.

Berlin 1989, einige Monate vor dem Mauerfall: Die 18-jährige Suzie (Marlene Burow) wird mit einem Aufnäher einer Friedensbewegung auf der Jacke und dem Buch „1984“ von Orson Wells in ihrer Tasche erwischt. Beides ist in der DDR verboten. Die junge Frau wird daraufhin von der Schule ausgeschlossen. Sie muss eine Ausbildung zur Zerspanungsfacharbeiterin im Kabelwerk Oberspree anfangen. Hier soll sie zu „einer reifen sozialistischen Persönlichkeit“ heranwachsen.

Auf dem Weg zur Arbeit macht der Modefotograf Coyote (David Schütter) einen Schnappschuss von Suzie in der Straßenbahn. Ein paar Tage später findet sie sich auf einer Doppelseite in der „Sibylle“, der wichtigsten Mode- und Kulturzeitschrift der DDR, wieder. Die Geschichte spannt sich weiter: Chefredakteurin Elsa Wilbrodt (Claudia Michelsen) möchte Suzie als Gesicht fürs nächste Titelblatt. Suzie lernt eine bunte, farbenfrohe und lebenslustige Seite der Deutschen Demokratische Republik (DDR) kennen – eine, die in Filmen nur selten eine Rolle spielt.

Klingt wie ein Traum? Ist aber keiner.

Der Film basiert auf der Geschichte von Regisseurin Aelrun Goette. Auch sie musste kurz vor dem Abitur die Schule verlassen. Grund war der gleiche Aufnäher auf ihrer Jacke, wie im Film: „Schwerter zu Pflugscharen“. Die kirchliche Friedensbewegung setzte sich gegen die zunehmende Militarisierung der DDR ein. Das gefiel den Machthabern gar nicht und so wurde Goette das Abitur verweigert. Auch sie musste einen Beruf erlernen, den sie gar nicht ausüben wollte.

Kurz vor dem Ende der DDR wurde Goette als Model entdeckt. Die Modewelt verschuf der damals 18-Jährigen eine Perspektive. Sie wurde wie Protagonistin Suzie für die „Sibylle“ fotografiert. Im Anschluss modelte sie einige Jahre lang.

Suzie (Marlene Burow) mit ihren weiblichen Arbeitskolleginnen in der Fabrik.
Suzie (Marlene Burow) wird für das Titelbild der „Sibylle“ an ihrem Arbeitsplatz in der Fabrik fotografiert: Haute Couture vs. Arbeitsoverall. Solche Gegensätze tauchen im Film immer wieder auf. Foto: Tobis Film/ Filmfest Hamburg

Nach der Modenschau kommt das Verhör

Im Film lernt Suzie Menschen kennen, die aus Duschvorhängen und Leichenfolie Mode machen. „GBA“ nennen sie sich: Glamourös, betörend, auserlesen. Die Gruppe verbringt die meiste Zeit in einem großen Loft – vollgestopft mit Kostümen und Fotografien. Dieser Ort scheint sehr weit weg von der DDR zu sein.

Dieses Gefühl hält jedoch nie lange an: Rudi wird verhaftet, weil er als Mann ein Brautkleid trägt. Suzie wird von der Staatssicherheit (Stasi) verhört. Coyote darf seine Fotos nicht mehr veröffentlichen. In der DDR haben die Protagonist*innen keinen Platz. Die Gruppe hadert mit ihrem Schicksal, gibt sich wehrhaft: „Entweder du bist frei, dann bist du es überall. Oder du bist es nicht, dann nützt dir auch der Westen nichts“, fasst Rudi zusammen.

Bitte nicht ins Klischee abrutschen

Goette nutzt immer wieder gegensätzliche und durchaus beeindruckende Bilder: Freizügig gekleidete Menschen tanzen am Strand – im nächsten Bild flüchten sie vor den auftauchenden Grenzpolizist*innen. Das Team der „Sibylle“ feiert ausgelassen eine Modenschau im Leipzig. In der nächsten Szene wird Suzie von der Stasi verhört. Der wohl eindrucksvollste Gegensatz in Bildern stellt das Fotoshooting für das Titelbild der „Sibylle“ dar: Suzie steht im Haute Couture Kleid vor ihren Kolleginnen aus der Fabrik, die in grauen Arbeitsoveralls gekleidet sind.

Die Einblicke in die Modewelt der DDR, die die Zuschauer*innen erhalten, sind erfrischend, überraschend, neu. Das Thema wurde in Kinofilmen bisher kaum behandelt und wirkt daher herrlich unverbraucht. Umso tragischer ist es, dass der Film an einigen Stellen in die gängigen Klischees der Modewelt abrutscht: eine tyrannische Chefredakteurin, gelegentliche Zickerei zwischen Models und Geschubse auf dem Laufsteg.

Weniger Ausdruck und vor allem Theatralik hätte auch die Modenschau am Ende des Films vertragen: Die Hauptdarstellerin fliegt an Seilen mit künsltichen Flügeln durch die Menge. Endlich weiß sie, was Freiheit ist. Solch pathetische Momente sind für die Botschaft des Films nicht notwendig, die bereits in den vorherigen eineinhalb Stunden deutlich wurde.

Frauen „in einem Land, das es nicht mehr gibt“

Schauspielerisch überzeugen kann im Film die Hauptdarstellerin Marlene Burow als Suzie, der es gelingt, den jugendlichen Wunsch nach Freiheit, Liebe und Freundschaft rüberzubringen. Daneben machen sich Zoé Höche als Suzie kleine Schwester verdient, ebenso Jördis Triebel als die Fabrikmitarbeiterin Giesela, die mit Berliner Schnauze zum Mutterersatz für Suzie wird – trotz ihrer Staats- und Parteitreue.

Claudia Michelsen, die auch in der DDR aufwuchs, spielt die Chefredakteurin der „Sibylle“. Eine starke Besetzung für eine wenig charismatische Rolle. Als Vermittlerin zwischen Staatsvertreter*innen und der extrovertierten Modewelt hätte dies eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die DDR sein können. Stattdessen rückt die Frau an der Spitze in den Hintergrund. In Erinnung bleiben abgegriffene Sätze wie „Du bist hübsch, aber hübsch sind viele.“ oder „Schönheit hat seinen Preis.“. Wie uninspiriert.

Ein Nischenthema, endlich auf der Leinwand

Frauen spielen nicht nur im Film eine zentrale Rolle. Hinter dem Projekt stehen neben der weiblichen Regisseurin auch zwei Produzentinnen: Tanja Ziegler und Susa Kusche (Ziegler Film). Die Filmkostüme hat zudem Modeprofessorin Grit Seymour gemeinsam mit ihren Studierenden entworfen. Auch sie kennt die Modeszene in Ostberlin gut: Seymour arbeitete als Model und studierte Modedesign in Berlin, bevor die Stasi sie zur Exmatrikulation zwang und sie 1988 nach Westdeutschland floh.

Insgesamt hat Goette unglaubliche vierzehn Jahre an dem Film gearbeitet.  Ihre Filmidee kam nicht bei allen gut an. Mode in der DDR – ein Nischenthema. Nach der Filmpremiere sagt sie: „Wenn eine Idee gut ist, trifft sie nun mal häufig auf Widerstände.“ Sie fordert das Publikum im Saal auf, sich nicht unterkriegen zu lassen und für die eigenen Ideen zu kämpfen. Diese Botschaft hätte die Regisseurin gar nicht formulieren brauchen, ihr Film hat dieses Gefühl bereits transportiert.

Rezension „In einem Land, das es nicht mehr gibt“: Der Film zeigt eine bisher unbekannte Nische in der DDR: die Modewelt. Hier versammeln sich Menschen, die den Widerständen trotzen und ein Gefühl von Freiheit inmitten der Zwänge der DDR leben. An eigenen Stellen rutscht der Film in abgegriffene Klischees aus anderen Modefilmen ab. Anschauen lohnt sich trotzdem.

Der Film feierte am Sonntag, den 02. Oktober um 17:45 im Cinemaxx 1 auf dem Hamburger Filmfest seine Weltpremiere. Mit dabei Regisseurin Aelrun Goette, Produzentinnen Tanja Ziegler und Susa Kusche und die Schauspieler*innen Marlene Burow, Jördis Triebel, Sabin Tambrea und David Schütter. Der Film läuft ab dem 06. Oktober in den deutschen Kinos.

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Das Leben von Valentina Rössel, Jahrgang 1998, läuft in der Regel nach Plan. Für Abwechslung sorgen gelegentliche Abenteuer. Die 23-Jährige probiert gerne Neues: schläft im Outback am Lagerfeuer, reitet Wellen auf Bali, knuspert in Mexiko Heuschrecken. In Norddeutschland geboren, in Köln aufgewachsen, war Valentina schon immer klar, dass sie einmal in Hamburg landen wird. Ihre erste Station war die Pressestelle im Hamburger Rathaus. Dort hat sie als Praktikantin den Ersten Bürgermeister auf Pressetermine begleitet und Social-Media-Posts für den Senat erstellt. Zuvor studierte sie Sprache und Kommunikation in der globalisierten Mediengesellschaft kombiniert mit Medienwissenschaft in Bonn. Die Frage: „Wie viele Heuschrecken kannst du essen?“ war zwar nicht prüfungsrelevant, ihren Bachelor hat sie trotzdem gut bestanden. Kürzel: var

1 KOMMENTAR

  1. Sehr geehrte Frau Rössel!
    Ihre Rezension des Films „in einem Land . . „“ ist recht gut.
    Ihre Kritik ist aber in einigen Punkten unglücklich gesetzt, wenn Sie z. B. Zitate wie „ Schönheit kommt von innen“ aufspießen. Der Film ist für mich ein großartiges Werk, wobei man es vereinfacht als Dichtung und Wahrheit über die DDR nennen könnte. Die Mode Welt war in der DDR durchaus etwas abgehoben, wenn auch die Szenen des Films vielleicht auch inszenierte Träume sind. Aber das ist gut zu tolerieren. Die Wahrheit überwiegt. Die Atmosphäre in der sozialistischen Produktion zum Beispiel und die Arbeit der Stasi: ich habe das alles so erlebt.
    Sie haben die DDR nicht erlebt.
    Was ich besonders hervorheben möchte, sind die schauspielerischen Leistungen. Nämlich, einfache Menschen und ihr Leben so herüber zu bringen und das Gefühl dem Zuschauer zu geben, als ob man plötzlich wieder in dieser Umgebung in dieser Zeit lebe.
    Ich finde, dass der Film ein Meisterwerk ist.
    Freundliche Grüße!
    H. Michold

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