„Banu“ ist ein aserbaidschanischer Film über Macht, Sorgerecht und Krieg. Tahmina Rafaella zeigt einfühlsam den Kampf einer Frau um ihren Sohn und ihren Weg aus der häuslichen Gewalt. Parallel dazu tobt der Aserbaidschan-Armenien-Krieg um Bergkarabach 2020.

Bei diesem Film hat Tahmina Rafaella Drehbuch geschrieben, Regie geführt und die titelgebende Hauptfigur Banu gespielt. Es ist außerdem ihr Langfilmdebüt.

Erste Szene: Banu, die Anzeige bei der Polizei erstatten will. Ihr Mann Javid, von dem sie sich gerade scheiden lässt, habe ihren gemeinsamen Sohn Ruslan entführt. Ruslan ist im Grundschulalter. Die Kamera bleibt lange auf Banus Gesicht, bevor man überhaupt jemand anderen sieht. Sie spricht kaum. Banu versucht immer wieder, etwas zu sagen. Sie setzt mehrmals zu reden an, aber der Polizist schneidet ihr immer wieder das Wort ab. Er hört ihr erst zu, als Banus Anwalt dazu kommt. Ein Sinnbild für die Probleme des Patriarchats, die im Film noch öfter Thema sein werden.

Banu gegen Javid und die Welt

In dem feministischen Drama geht es um eine Mutter, die in den Wirren eines Krieges um das Sorgerecht für ihren Sohn ringt. Aserbaidschan und Armenien befinden sich in den letzten Tagen des blutigen militärischen Kampfes um die Vorherrschaft in der Region Bergkarabach. Der Krieg tobt, und währenddessen lässt Banu sich von ihrem Mann scheiden. Javid, der einflussreiche und gut vernetzte Vater des Kindes wirft ihr vor, eine schlechte Mutter zu sein und will das alleinige Sorgerecht einklagen.

Banu setzt alles daran, ihr Kind zu behalten. Allerdings bleiben ihr nur vier Tage bis zu Prozess und damit vier Tage, um jemanden zu finden, der sich auf ihre Seite stellt und zu ihren Gunsten aussagt.

Unvermittelt kommt eine kurze Szene der psychischen und physischen Misshandlung im Badezimmer von Banus Mutter. Wackelige Kamera. Javid packt Banu fest am Arm, schüttelt sie und versucht, sie einzuschüchtern. Sie habe keine Chance beim Sorgerechtsprozess, sie solle sich nicht scheiden lassen, ohne ihn sei sie ohnehin nichts wert in dieser Welt. Banus Mutter stürmt herein und Javid verlässt fluchtartig die Wohnung. Banu bricht in Panik zusammen. Was bis zu diesem Zeitpunkt niemand auch nicht wir als Zuschauende weiß: Javid misshandelt Banu schon seit Jahren. Nicht einmal ihre Mutter, bei der sie Zuflucht sucht, weiß Bescheid.

Banu – eine Frau, die kein Opfer sein will

Die Szene verdeutlicht: Hier geht es nicht um eine normale Scheidung, hier geht es um psychische und physische Gewalt in der Ehe. Und es geht um Banus mutigen, aber steinigen Weg aus ihr heraus. Ihre Mutter ist die Einzige, die ihr glaubt, darf aber nicht vor Gericht für sie aussagen. Zudem möchte Banu ihrem Sohn zuliebe die Gewalt ihres Mannes nicht zur Sprache bringen. 

Der Film zeigt sehr eindrücklich, wie schwierig der Weg aus der Gewalt ist. Banu versucht verzweifelt, sich Hilfe zu holen. Sie wohnt wieder bei ihrer Mutter, die ihre Wohnung allerdings auch von Javid bekommen hat. Während des Films isst sie kaum und trägt mehrere Tage die selbe Kleidung.

Sie versucht Zeug*innen zu finden, die für sie vor Gericht aussagen. Menschen, die zunächst nur bestätigen, dass Banu eine gute Mutter ist. Später traut sie sich auch, Javids Misshandlungen zu erwähnen.

Wer hilft Banu?

Allerdings: Viele ihrer Freund*innen und Bekannte arbeiten entweder für ihren Mann, oder trauen sich nicht, gegen ihn auszusagen. Es fallen Sätze wie: „Ich habe ja nicht gesehen, was er gemacht hat“, „Zu mir war er immer sehr charmant“, „Er ist doch so ein guter Vater“. Nach und nach stellt sich heraus, dass Javid durch Jahre der Einschüchterung Banus Freundes- und Bekanntenkreis systematisch eingeschränkt und manipuliert hat.

Nicht einmal die Krankenschwester, die Banu bereits wegen schwerer Verletzungen durch Javid behandelt hat, will gegen ihn aussagen. 

Auf dem Bild sieht man einen weitläufigen Strand. Zwei Frauen (Banu und ihre Mutter) sitzen auf dem Sand, während ein kleiner Junge (Ruslan) am Ufer näher am Wasser steht und spielt. Rechts daneben in weiterer Entfernung steht eine Ölbohrinsel.
Banu mit ihrer Mutter und Sohn Ruslan am Strand. Foto: Noori Pictures/Filmfest Hamburg.

Umso beeindruckender ist Banus Kampf. Das wird auch durch die Kameraführung verdeutlicht: Immer wenn Banu sich etwas traut, was ihr Javid über Jahre verboten hat, zittert die Kamera förmlich mit. Nachdem eine weitere mögliche Zeugin ihr die Hilfe versagt, stolpert sie über einen Bordstein und die Kamera stolpert mit. Nahaufnahmen von ihrem Gesicht, wenn sie versucht, die Fassung zu bewahren, verstärken diesen Effekt. Die Kamera führt die Zuschauenden hautnah an Banus Verzweiflung, ihre Ohnmacht und ihre Wut heran.

Gelungene Parallele: Der Konflikt um Bergkarabach 2020

Banus persönliches Drama findet vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Aserbaidschan und Armenien statt. Es ist der Höhepunkt der militärischen Auseinandersetzung von 2020 um die Region Bergkarabach. Eine passende Parallele zu dem Kampf zwischen Banu und Javid um ihren Sohn.

Den militärischen Kampf gewinnt Aserbaidschan. Von Armenien gefangen gehaltene Soldaten können endlich wieder in ihre Heimatorte in Aserbaidschan zurückkehren. Seit dreißig Jahren waren die Männer von jeglichem Kontakt abgeschnitten. Viele von ihnen sind aber im Kampf oder in Gefangenschaft gestorben.

So auch der Sohn von Banu und Javids langjähriger Haushälterin. Sie erfährt, wie viele andere, erst vom Tod ihres Sohnes, als Aserbaidschan den Sieg über die Region errungen hat. Eine Menschenansammlung veranstaltet einen Gedenkaufmarsch vor ihrem Haus. Die Haushälterin wird als Mutter eines „wahren Märtyrers“ gefeiert.

Auch Banu besucht sie an diesem Abend, um ihr Beileid auszudrücken. Sie reden kaum miteinander, aber tauschen tiefe Blicke aus. Sie beide vereint die Liebe zu ihren Söhnen.

Wer gewinnt im Patriarchat?

Am nächsten Morgen findet der Gerichtstermin statt. Wer wissen möchte, wie Banus Kampf ausgeht, muss sich den Film anschauen.

„Banu“ ist ein berührender Film über patriarchale Strukturen und wie sie Frauen und Männern gleichsam schaden. Das Thema Misshandlung in der Ehe wird deutlich, aber ohne ausufernde Gewaltszenen dargestellt. Das hebt ihn positiv von vielen anderen Filmen ab, die dieses Thema behandeln. Als Zuschauer*in wird man in diesem Film emotional mitgenommen statt schockiert. Es bedarf weder vieler Worte noch übertrieben drastischer Szenen, um zu verstehen, was hier passiert. Und genau das macht „Banu“ absolut sehenswert.

Auf dem Filmfest Hamburg ist der Film am 7. Oktober im Cinemaxx 2 zu sehen. Zu der  Vorstellung wird die Regisseurin Tahmina Rafaella anwesend sein.