Deutschland im WM-Fieber: Public Viewing, betrunkene Fans, enge Menschenmengen. Für viele Frauen kann das zur Gefahr werden. Steigt nach Fußballspielen die häusliche Gewalt in Hamburg?

Fußballspiele verbinden die meisten Menschen mit positiven Emotionen: Mit Freund*innen wird ein Bier gezischt und die Freude auf ein Tor und ein Gefühl von Zugehörigkeit stehen im Mittelpunkt. Während für viele der Stadionbesuch oder das Public Viewing zu den Höhepunkten der Woche gehört, beginnt für manche Frauen nach dem Schlusspfiff eine besonders gefährliche Zeit: Eine Studie aus England aus dem Jahr 2024 hat gezeigt, dass nach Fußballspielen die häusliche Gewalt gegen Frauen steigt.

Hamburg: Kein Nachweis für mehr Gewalt während der WM

Dieses Phänomen lässt sich in Hamburg bislang nicht eindeutig feststellen. Annette von Schröder von Patchwork – eine Beratungsstelle für von Gewalt betroffenen Frauen – schreibt auf Anfrage von FINK.HAMBURG: „Wir haben bei den Fällen von häuslicher Gewalt, die wir beraten, dieses Phänomen noch nicht – so explizit – beobachtet.”

Weder die Opferhilfe noch die Polizei Hamburg können eine eindeutige Einschätzung dazu liefern, ob die Gewalt gegen Frauen nach Fußballspielen, zum Beispiel während der WM, steigt. Denn eine explizite statistische Erhebung zu Gewalt gegen Frauen im Zusammenhang mit Fußballspielen gebe es nicht, schreiben sowohl eine Sprecherin der Opferhilfe Hamburg als auch ein Sprecher der Polizei auf Anfrage von FINK.HAMBURG. Im Zuge der Europameisterschaft 2024 habe es nach Angaben der Landeskriminalämter keine Auffälligkeiten bei den erfassten Straftaten gegeben, so der Polizeisprecher.

Taten werden oft erst spät gemeldet

Auf dem Bild sieht man Sarah Danielewski.
Sarah Danielewski berät als Psycholgin Anrufende beim Frauennotruf Hamburg. Foto: Frauennotruf Hamburg

Genauere Einblicke liefert die Psychologin Sarah Danielewski vom Frauennotruf Hamburg bei einem telefonischen Interview mit FINK.HAMBURG. Frauen, Mädchen, trans, inter und nicht-binäre Personen, die Gewalt erlebt haben, können sich unter der Rufnummer 040-255566 beim Frauennotruf Hilfe suchen. Auch sie konnte seit Beginn der Fußball-WM der Männer als telefonische Beraterin kein erhöhtes Anrufaufkommen feststellen.

Das heiße aber nicht, dass während der WM keine Übergriffe stattgefunden haben, sagt Danielewski. Viele würden das Hilfsangebot des Frauennotrufs zeitlich verzögert in Anspruch nehmen. Bei den meisten Menschen, die anrufen, sei die Gewalt mehrere Wochen, Monate oder sogar Jahre her. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen melde sich innerhalb der ersten drei Tage nach einer Tat. Das liege vor allem daran, dass die Psyche Zeit braucht, um die Tat zu verarbeiten und einzuordnen.

Zudem würden viele anfangs unter Schock stehen oder zum Beispiel mit Gedanken über Mitschuld kämpfen. Sollte es während der Fußball-WM der Männer vermehrt zu Gewalttaten kommen, sei die Erfassung dieser Taten schwierig. Danielewski erklärt: „Das lässt sich auch dann nicht auseinanderdividieren, selbst wenn am Ende des Jahres die Zahlen höher sein sollten, können wir wahrscheinlich nie sagen, dass das daran lag, dass es in diesem Jahr eine WM gab.” Denn die Betroffenen seien nicht dazu verpflichtet, zu berichten, in welchem Rahmen die Tat stattgefunden habe. 

Wie viele Frauen sind von häuslicher Gewalt betroffen?

Findet häusliche Gewalt statt, handelt es sich in den meisten Fällen um Partnerschaftsgewalt. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland bundesweit 171.069 Opfer von Partnerschaftsgewalt erfasst. Das entspricht 64,3 Prozent aller registrierten Opfer häuslicher Gewalt. Besonders häufig betroffen sind dabei Frauen.

In den meisten Fällen war die tatverdächtige Person ein ehemaliger Partner oder eine ehemalige Partnerin.

Die Zahlen bilden allerdings nur einen Teil der Realität ab. Da viele Fälle häuslicher Gewalt nicht angezeigt werden, wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.

Zehn bis zwölf Stunden nach Abpfiff: Für Frauen am gefährlichsten

Doch dort, wo Gewalt registriert wird, zeichnen sich Muster ab – auch nach Fußballspielen. Ein Team von Wissenschaftler*innen der London School of Economics untersuchte in England anhand von Polizeidaten die Auswirkungen von fast 800 Spielen der Fußballvereine Manchester United und Manchester City. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass sich die Gewalt nach Fußballspielen im Laufe eines Spieltags verändert: Während eines Fußballspiels gehen die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt zunächst um fünf Prozent zurück. Nach dem Spiel nehmen die Fälle wieder zu und steigen in den ersten vier Stunden nach dem Spiel alle zwei Stunden um fünf Prozent. Ihren Höhepunkt erreichen sie zwischen zehn und zwölf Stunden nach Spielende, hier nimmt die Zahl der Taten um 7,4 Prozent zu. Dann nimmt die Gefahr wieder ab. Etwa 16 Stunden nach dem Spiel ist der Einfluß eines Fußballspiels auf häusliche Gewalttaten nicht mehr feststellbar.

Das Ergebnis eines Spiels spielt dabei keine Rolle. Ob eine Mannschaft gewinnt, verliert oder ein überraschendes Ergebnis auftritt, hat laut der Studie keinen messbaren Einfluss auf die Häufigkeit häuslicher Gewalt. Der Anstieg ist ausschließlich auf die Gewalt von Männern gegenüber Frauen zurückzuführen. Die Zahl der Gewalttaten von Frauen gegen Männer verändert sich im Zusammenhang mit Fußballspielen nicht.

Alkohol als entscheidender Faktor

Von sexuellen Beleidigungen im Alltag bis hin zu sexueller Nötigung und Vergewaltigung – das Spektrum von Gewalttaten ist groß. Psychologin Danielewski kennt viele verschiedene Fälle durch ihre Arbeit beim Frauennotruf. Sie sagt, dass Alkohol ein Verstärker für Gewalttaten sein kann. Wenn Alkohol im Spiel ist, könne das Eskalationspotential verschärft werden. Laut Bundeskriminalamt standen 21,9 Prozent der Tatverdächtigen häuslicher Gewalt unter Alkoholeinfluss.

Und auch die Forschenden aus England untersuchten, welche Rolle Alkohol beim Anstieg der Gewalt nach Fußballspielen haben. Das Ergebnis: Alkohol spielt beim Anstieg der Gewalt eine große Rolle. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei Spielen, die bereits früher am Tag stattfanden. Eine mögliche Erklärung der Studie: Wer früh mit dem Alkoholkonsum beginnt, trinkt häufig über einen längeren Zeitraum und insgesamt mehr Alkohol. Bei Spielen am Abend ließ sich dieser Effekt dagegen nicht nachweisen. Auch Gewalttaten, die nicht alkoholisierten Täter begangen haben, nahmen nach Fußballspielen nicht zu. 

Die Wissenschaftler*innen der Studie nehmen daher an, dass spätere Anstoßzeiten und Maßnahmen zur Begrenzung des Alkoholkonsums einen erheblichen Teil der Gewalttaten im Zusammenhang von Fußballspielen verhindern könnten.

Möglicher Risikoort: Public Viewings

Die Psychologin Danielewski nennt auch Public Viewings als Orte, an denen es zu Fällen von sexueller Belästigung komme, die später beim Frauennotruf gemeldet würden. Laut Danielewski steht dennoch fest, dass der gefährlichste Ort für Frauen das eigene Zuhause ist. Die meisten Taten würden im sozialen Nahbereich passieren, das heißt, dass Beziehungspartner*innen, Mitschüler*innen oder zum Beispiel Arbeitskolleg*innen diese ausüben. Danielewski spricht daher auch von Beziehungsgewalt, den Begriff häusliche Gewalt kritisiert sie: „Wir finden einfach, das verklärt die Situation. Also es sind ja nicht Häuser, die miteinander kämpfen oder sich Gewalt antun, sondern es sind Menschen. Das verschleiert die eigentliche Gewalt. Es hat auch ein bisschen was Normalisierendes, als müsste man irgendwie damit rechnen.”

Kampagne gegen Gewalt

Ob im eigenen Zuhause oder unterwegs – das Forschungsteam aus England hat gezeigt, dass Frauen nach Abpfiff eines Fußballspiels in Gefahr geraten können. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, startete die Sozialbehörde Hamburg zusammen mit dem HSV die Kampagne „600 Minuten Nachspielzeit“. Beim Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg am 3. November 2024 wurde auf der Anzeigetafel statt der üblichen Nachspielzeit der Hinweis „600 Minuten Nachspielzeit“ eingeblendet. Damit sollte auf die zehn Stunden nach einem Fußballspiel aufmerksam gemacht werden, nach denen laut der Studie aus England das Risiko häuslicher Gewalt besonders hoch ist.

Die Aktion erklärt die Sozialbehörde auf der Website: „Der Fußball erreicht nach wie vor äußerst viele Menschen, darunter auch (potenzielle) Täter häuslicher Gewalt. Diese Reichweite wollen wir nutzen.“ Die Kampagne blieb keine einmalige Aktion. Gegenüber FINK.HAMBURG teilte die Sozialbehörde mit, dass sie 2025 erneut umgesetzt wurde. „Unter anderem wurde sie auf Infoscreens am Hauptbahnhof gezeigt und hamburgweit im November zum Tag gegen Gewalt an Frauen auf den Stadtinformationsanlagen plakatiert.“ Auch künftig solle das Thema weiter aufgegriffen werden. Derzeit arbeite die Behörde an einer Weiterentwicklung der Kampagne mit dem Schwerpunkt Opferschutz, Gewalt gegen Frauen und Täterprävention. 

Lisann Marie Leopold, geboren 2001 in Hamburg, wäre am liebsten die neue Stimme des HVV: „Ich hab richtig Lust zu sagen: nächste Haltestelle Landungsbrücken.“ Ihre Affinität zur Sprache konnte sie schon beim NDR in Lüneburg zeigen. An der Leuphana lernte sie im Studium der Kulturwissenschaften, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Zum Beispiel, ob Männer bei Instagram lernen können, feministisch zu denken (eher nein). Für FINK schaut Lisann da hin, wo Journalismus oft nicht hinsieht: in die Lebensrealität von Menschen, die etwa von Armut oder Rassismus betroffen sind. Lernen will sie außerdem, Videoreportagen zu vertonen - und so schön zu sprechen wie die Stimme der U-Bahn. Kürzel: leo

Franziska Schwarz, geboren 2003 in Bamberg, interessiert das, was Menschen nahe geht. Damit ist nicht ihr ungewollter Auftritt auf einem Selfie von Markus Söder gemeint – da ist sie auf einem Volksfest in Passau so reingerutscht – sondern das, worüber niemand gern spricht: In einer BR-Reportage hat sie über den Alltag in einem Tageshospiz berichtet, für ihren Beitrag “Wenn junge Eltern sterben müssen”, den sie während ihres Journalistik- und PR-Studiums produzierte, gewann sie einen Uni-Preis. In einem Podcast namens “Blank” behandelte sie unter anderem Tabuthemen wie Einsamkeit. In Zukunft würde sie gerne auch mal etwas Leichteres machen: Mensa-Memes zum Beispiel. Kürzel: fan

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