Es sollte die größte Demo gegen den G20-Gipfel werden – vom Fischmarkt zum Tschaikowskyplatz. Wie erwartet eskalierte die Demonstration „Welcome to Hell“ schon ganz zu Anfang. FINK.HAMBURG-Reporter waren vor Ort.

Es ist friedlich bei der Kundgebung am Fischmarkt. Noch. Die Goldenen Zitronen spielen, diverse Redner kommen zu Wort. „Welcome to hell, motherfuckers“, skandiert ein Aktivist auf der Bühne. Um 16 Uhr ist es noch nicht besonders voll. Am Ausgang und rund um den Platz der Kundgebung formieren sich einige Hundertschaften. Die Polizisten wirken entspannt.

Die Kundgebung auf dem Fischmarkt verlief zunächst friedlich. Foto: Mats Mumme

Gegen 18:20 Uhr beginnen Demonstranten am Ausgang des Fischmarkts ein schwarzes Luftkissen aufzubauen. „Nur ein schwarzer Block ist ein guter Block“ steht darauf. Noch immer ist alles ruhig. Viele Demonstranten wirken völlig unbesorgt, sogar Frauen mit Säuglingen im Tragetuch stehen ungerührt zwischen Wasserwerfern.

Luftkissen: „Nur ein schwarzer Block ist ein guter Block!“. Foto: Mats Mumme

Kurz vor 19 Uhr formiert sich auf dem Fischmarkt ein Demonstrationszug. Demonstranten holen Kleidung aus ihren Rucksäcken und ziehen sich um. Mitten in dem bunten Demonstrationszug entsteht blitzschnell ein schwarzer Block, plötzlich stehen überall Vermummte. Zielstrebig bewegen sie sich vom Fischmarkt aus in Richtung Landungsbrücken und nehmen dabei keine Rücksicht auf andere Demonstranten, sie rempeln, drängeln und blockieren. Über Lautsprecher werden alle Anwesenden aufgefordert, die Wagen durchzulassen, um die herum die Schwarzgekleideten sich vorwärts bewegen.

Schwarz gekleidete Demontranten mischen sich unter die Menge. Foto: Mats Mumme

Der schwarze Block teilt sich immer wieder in Gruppen und lässt die übrigen Demonstranten dazwischen laufen. Es gibt mehrere Wagen, die Musik spielen, Sprecher rufen Parolen auf Deutsch und Englisch.

Von einer Erhöhung auf der Alt Helgoländer Fischerstube kann man beobachten, wie die Menge nach kurzer Zeit zum Stehen kommt. Zunächst ist unklar, warum.

Tatsächlich blockiert die Polizei mit mehreren Wasserwerfern, unzähligen Polizeiwagen und Ketten von gepanzerten Beamten die Straße St. Pauli Fischmarkt. Es geht nicht mehr vorwärts, und auch nicht zurück. Links vom Zug stehen Gebäude, rechts ragt die Flutmauer aus rotem Klinker gut zwei Meter in die Höhe. Schnell setzten sich einige Menschen vor die Fahrzeuge.

Demontranten errichten eine Sitzblockade vor den Wasserwerfern. Foto: Mats Mumme

Um 19:30 Uhr kündigt die Polizei an, dass sie die Demonstration räumen werde, wenn die Anwesenden nicht „aufhören Straftaten zu begehen.“ Alle Unbeteiligten werden gebeten, sich klar von Gewalt zu distanzieren. Diese Drohung wird insgesamt dreimal wiederholt.  Währenddessen verkünden die Aktivisten über Lautsprecher, dass der Demozug von drei Wasserwerfern der Polizei am Fortkommen gehindert wird. Die Polizei fordert, dass die Demonstranten ihre Gesichter zeigen und ihre Vermummung ablegen.

Nach der dritten Aufforderung der Polizei wird den Aktivisten eine Frist von zehn Minuten gesetzt. Danach würden „polizeiliche Maßnahmen eingeleitet“. Die Demonstranten rufen dazu auf, die Vermummung nicht abzunehmen, da die „Polizei auch vermummt ist“ und man sich vor den „Kameras der Polizei schützen“ müsse. Die Sprecher betonen mehrmals ihre „friedliche Stimmung“ und das „unnötige Aufgebot der Polizei“.

Die Polizei macht sich bereit. Foto: Mats Mumme

Keiner bewegt sich. Die Sprecher der Demonstranten rufen dazu auf, Ketten zu bilden und sich gegenseitig zu schützen. Am Rande des Demonstrationszuges steht eine Hundertschaft der Polizei, die von einigen Demonstranten beschimpft wird. Auf der anderen Seite stehen noch weitere Aktivisten auf dem Hochwasserschutzwall. Mehr Polizei ist nicht zu sehen.

Um kurz vor acht eskaliert die Situation. Auf einmal stürmt eine Zweierreihe Polizisten in die Mitte der Menge. Sie bewegt sich in Schlangenlinien. Menschen springen hoch auf den Hochwasserschutzwall, ziehen sich gegenseitig aus dem engen Tal, in dass sich die Straße verwandelt hat. Man sieht und riecht Qualm, lautes Knallen ertönt. Es fliegen Steine und Flaschen. Pfefferspray kommt zum Einsatz. Einzelne Züge der Polizei ziehen sich zunächst zurück und rennen dann mit Anlauf in die Menge, bahnen sich einen Weg durch die dichtgedrängten Demonstranten. Dem plötzlichen Eingreifen scheint keine gewalttätige Provokation vorangegangen zu sein. Aus der Menge werden einzelne Demonstranen isoliert, herausgezogen und abgeführt.

Eskalation: Polizisten stürmen in die Menge. Foto: Mats Mumme

„Die Berliner Hundertschaften haben wohl noch nicht genug“, „Wehrt euch“  die Sprecher rufen zu Beginn der Eskalation noch laut Parolen in das Mikrofon. Dann geht alles sehr schnell. Die Polizei bildet in mitten der Menge einen Kessel. Erneut werden Unbeteiligte aufgefordert, die Situation zu verlassen. Wasserwerfer kommen zu Einsatz. Am Rand des Zuges fangen die Menschen an, wegzulaufen.

Die Menschen verteilen sich alle Richtungen. Eine größere Gruppe setzt sich ab und läuft die Breite Straße Richtung Königstraße hinauf. Viele Polizeiwagen folgen. Einige Demonstranten bewaffnen sich mit Teilen von Baugerüsten, man hört es scheppern.

Es ist, das ist schon zu diesem Zeitpunkt klar abzusehen, der Beginn einer langen Nacht in Hamburg. Später werden überall in der Stadt Müllcontainer und Autos brennen, immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Dabei hat der G20-Gipfel noch nicht einmal begonnen.