You Disappear. Foto: Martin Dam Kristensen
You Disappear. Foto: Martin Dam Kristensen

Besitzen wir überhaupt einen freien Willen? „You Disappear“ versucht, darauf eine Antwort zu finden. Eine philosophische Verfilmung, die einen verwirrt zurücklässt.

Nebelschwaden hängen tief über den Wäldern. Alles wirkt friedlich. Die Stille wird von einem lachenden Ehepaar durchbrochen. Eng aneinandergeschmiegt lassen sie sich auf eine Hollywoodschaukel fallen. Alles wirkt harmonisch. Doch tatsächlich ist das der einzige Glücksmoment im gesamten Film.

Der dänische Regisseur Peter Schønau Fog hat mit der Verfilmung des Romans von Christian Jungersen ein psychisch komplexes Drama geschaffen. Ein Versuch, die Frage nach Identität, Individualität und Verantwortung aufzudecken: Besitzen wir eigentlich einen freien Willen?

Liegt unser Schicksal in unserer DNA?

Gehirntumor. Mit dieser Diagnose wird Frederik Halling (Nikolaj Lie Kaas) und seine Familie auf unschöne Weise konfrontiert. Der Auslöser: Ein Zusammenbruch während des Sommerurlaubs. Durch den Befund sind Frau Mia (Trine Dyrholm) und Sohn Niklas (Sofus Rønnov) erstmal auf sich allein gestellt. Als dann noch herauskommt, dass Frederik als Leiter einer Privatschule 12 Millionen Kronen unterschlagen hat, scheint das Chaos perfekt.

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Der Anwalt Bernard Bergmann (Michael Nyqvist) verteidigt Frederik vor Gericht. Ein Autounfall von Bergmann und seiner Freundin endet im schwerverletzten Zustand im Krankenhaus. Er kann sich erholen, sie trägt inreparable Schäden am Gehirn mit sich. Auf die Frage, ob ihr Kopf komplett leer ist, antwortet sie immer: „Da ist nichts“. Der verzweifelte Zustand von Bernard und Mia verleitet beide zu einer Affäre.

Immer mehr verstricken sich die Dinge: Vor Gericht wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Tumor Frederiks Handeln beeinflusst hat, die Ehe der beiden steht vor dem Aus und auch die Affäre von Mia und Bernard wird immer obskurer. Das Bild eines totalen Zerwürfnisses vervollständigt sich immer mehr.

Sprunghafte Verstrickungen

Doch nicht nur die Handlung springt in ihren zeitlichen Sequenzen. Auch mit harten Schnitten wird zwischen verschiedenen Szenen gewechselt. Beispielsweise wird Frederiks Gerichtprozess von dem chirurgischen Eingriff unterbrochen, den Tumor zu entfernen. Es bleibt kaum Zeit sich in die jeweilige Situation einzufinden, denn schon zeigt der Film das nächste Geschehen: die zerrüttete Familiensituation.

Es wirkt so, als hätte die Postproduktion nicht zu Ende gearbeitet. Der Film wirkt unfertig. Doch vielleicht soll genau dieser Eindruck entstehen. Denn auch die Hauptcharaktere agieren so unvorhersehbar wie die Geschichte selbst. Ernsthafte Schauspieler ohne Humor passen sich an die kalte und blaustichige Bildsprache an. Als Zuschauer beobachtet man das Geschehen aus Distanz. Teilweise führt Mias Off-Stimme durch den Film und versucht auf philosophische Art über die Komplexität unseres Gehirns aufzuklären.

Langatmig wird es auch durch die ständigen Wiederholungen, wie unser Gehirn arbeitet. Es formt die Dinge wie wir sie sehen, aber ob wir wirklich einen freien Willen haben, bleibt weiter unpräzise. Die Thematik: Faszinierend und zeitlos. Die Umsetzung: Nur in Teilen überzeugend und glaubhaft. Sprunghaft wirkt dabei die gesamte filmische Inszenierung. Nicht nur die gewählten Orte, sondern auch die zeitliche Abfolge sind ein heilloses Durcheinander. Eins wird jedoch klar: Wie oft wir in unseren gedanklichen Strukturen gefangen sind, ohne es zu bemerken. Ein psychologisches Drama, das am Ende Raum für Interpretationen lässt. Und eine Illustion bleibt.

„You Disappear“ läuft ihm Rahmen des 25. Hamburger Filmfests am 13. Oktober 2017 um 21.30 Uhr im Cinemaxx Kino.