Wajib geht für Palästina für den besten fremdsprachigen Oscar ins Rennen- Foto: Pyramide International

Im Roadmovie „Wajib“ schwappen zwischen Hochzeitseinladungen und Weihnachtskitsch in Nazareth immer wieder Konflikte auf: Der zwischen Vater und Sohn, dem Gebliebenen und dem Geflüchteten, sowie den Israelis und den Palästinensern.

Dort steht er nun: Mit roter Hose, Leoprint und Man-Bun. Shadi (Saleh Bakri) ist zurück gekommen aus Amerika – oder war es doch Italien? Ist auch egal, irgendwo außerhalb des verschlafenen Norden Israels. Während seine Heimatstadt Nazareth seines Erachtens in Müll, Verkehrschaos und ganzjährigem Weihnachtskitsch versinkt, hat er sich ein Leben im liberalen Westen aufgebaut. Nun ist er wieder da, aber nur auf Zeit.

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Die Hochzeit seiner Schwester steht bevor. Wie es die „Wajib“ (traditionelle Pflicht) vorschreibt, begibt er sich zusammen mit seinem Vater auf einen besonderen Trip: Sie müssen hunderte von Einladungen in ganz Nazareth verteilen. Unangenehme Begegnungen und Spannungen sind vorprogrammiert. Immer wieder wird Shadi mit der Frage nach seiner endgültigen Rückkehr konfrontiert. Das hat Shadi jedoch nicht vor. Diese Tatsache übertüncht sein Vater mit einem immer großer werdenden Lügenkonstrukt, um den konservativen Vorstellungen von Familie und Bekannten gerecht zu werden.

Aus dem liierten Architekten wird in den Erzählungen ein alleinstehender Arzt. Von der Beziehung mit seiner Freundin in Rom will sein Vater nichts wissen. Dafür schlägt er ihm potenzielle Bräute aus Nazareth vor. Shadi wird mehr und mehr genervt von dem Verhalten seines Vaters und dieser kleinen, engstirnigen Welt, in der die Bewohner seiner Ansicht nach leben. Das hat er mit seiner Mutter gemein. Diese machte es vor, brach aus dieser Welt aus und begann in den USA ein neues Leben.

Diese Parallele verschärft die Spannungen zwischen Vater und Sohn noch mehr.  In der Beziehung der beiden stauen sich symbolisch gleich mehrere elementare Fragestellungen an: Wer ist der Held – derjenige der geht, oder der, der bleibt und durchhält? Wie viel Tradition muss sein? Und wie gestaltet man ein gleichberechtiges Leben zwischen Israelis und Palästinensern?

Regisseurin Annemarie Jacir nimmt den Zuschauer auf eine Fahrt in die Seele des alten und gegenwärtigen Nazareths. Intensiviert wird der Roadtrip durch das Zusammenspiel der beiden Hauptcharaktere Mohammad und Saleh Bakri. Die beiden sind auch im echten Leben Vater und Sohn und gehören zu den bekanntesten palästinensischen Schauspielern. Eines der größten Kunststücke dieses Film ist außerdem die Balance zwischen der humorvolle Erzählweise und dem Einfließen ernster Thematiken. Weder Vater noch Sohn, Gebliebener noch Geflüchteter verlieren ihr Gesicht. Am Ende entsteht ein größeres Verständnis der Lebensweise des anderen.

Der Film ist Palästinas offizieller Kandidat für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Zusatzinformation Nazareth

Nazareth gilt als der Geburtsort Jesu‘  und liegt im Norden Israels. Die Stadt ist das heutige Zentrum der palästinensisch-arabischen Minderheit, die rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht. Wegen dem geplanten Bau von Moscheen kam es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen.

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.