Im Herzen St. Paulis wird der letzte Musikbunker geschlossen. Der Grund: Die Luftqualität sei zu schlecht, der Lärm lästig. Für Investoren und Anwohner ein Triumph – doch die Szene wehrt sich.

Punk Rock geht auf die Lunge. Beim Schleppen, Rauchen und am Mikrofon. An der Tür hängt ein Hinweis auf Rauchverbot, trotzdem brennt der Tabak, überall im Raum schweben rote Glühwürmchen. Auf der Bühne schnarrt eine Gitarrensaite, Musiker stimmen ihre Instrumente. Draußen am Wasser filmen die Menschen Instagram-Stories vom Sonnenuntergang. Drinnen, im Liveclub Hafenklang, beginnt gleich das erste Solidaritätskonzert für St. Paulis berühmtesten Proberaum: den Otzenbunker.

Niels Boeing steht vor angerissenen Plakaten und Punkstickern und zieht an seiner Zigarette. Zwischen den roten Backsteinwänden und poliertem Schaufensterglas späht er hinunter zur Elbe. “Hat sich alles geändert, hier in der Ecke”, sagt er. “Die Gegend ist homogener geworden. St. Pauli wird für Geld ausgeschlachtet.”

Boeing spricht gerne vom alten St. Pauli, von kühlem Bier im Schietwetter-Niesel. Von Zeiten, in denen sich die Menschen noch “umeinander gekümmert” hätten. “Die Leute hatten Energie. Ohne die wären die Häuser an der Hafenstraße heute platt.” Mit Bannern, Besetzungen und brennenden Barrikaden protestierten die HamburgerInnen damals. 12.000 Menschen gingen 1986 auf die Straße, um gegen den Abriss der zwölf leerstehenden Häuser an der Hafen- und Bernhard-Nocht-Straße zu demonstrieren. Die Stadt hatte zuvor angekündigt, die besetzten Wohnungen zu räumen und durch 22-stöckige Neubauten zu ersetzen. Am Hafen lieferten sich Studierende, Autonome und PolizistInnen Schlachten, die jahrelang anhielten.

Auch den Hafenklang wollte die Stadt einstampfen. Massive Proteste verhinderten 1997 den Abriss des Liveclubs. Wo Bürozimmer und Luxusshops dominieren, trotzt der Schuppen heute mit Graffiti und Getöse. Poster für Poster, bunt auf schwarz. Ein rebellischer Nachbar, der neben den Konzeptläden des Stilwerks kauert.

Lebt schon seit über 20 Jahren auf St. Pauli: Niels Boeing. Foto: Fynn Freund

120 Bands und Einzelkünstler ohne Proberaum

Wenn Boeing über alte Zeiten spricht, rasselt es in seinem Hals. 20 Jahre hat der Diplom-Physiker und Journalist auf St. Pauli verbracht, knapp sieben Jahre lang mit seiner Band Die Handlung im Otzenbunker geprobt. Auch Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld haben dort einst geübt.

Der Otzenbunker an der Otzenstraße. Foto: Fynn Freund

Der Koloss steht an der Otzenstraße, sechs Etagen Beton, mit Einkerbungen an der Fassade, die an Sommersprossen erinnern. Letztes Jahr dann das Urteil der Stadt: Die Luft sei schlecht, gesundheitsschädlich, keine 15 Minuten dürfe man in den Räumen ausharren. Auch der Lärm soll eine Rolle gespielt haben. “Der Otzenbunker wurde nie professionell gedämmt. Wir haben versucht, die akustischen Lecks mit Sandsäcken abzudecken”, sagt Boeing. “Das hat kaum geholfen. Der Voreigentümer hat viel Miete genommen, aber nichts gemacht.”

Spannungen habe es in der Nachbarschaft gegeben und immer häufiger Polizeibesuche. Bässe dröhnten, während die Kinder auf dem angrenzenden Spielplatz schaukelten, und es stank aus den Dixie-Klos. Direkt vor dem Bunker standen sie. Das fand niemand schön. “Diese Dixies waren keine langfristige Lösung für den Wasserschaden im Bunker”, sagt Michael Okun, Sänger und Gitarrist der Band Die Cigaretten. “Ich konnte den Unmut gut verstehen. Mir war es selbst unangenehm.” Am Ende verloren rund 120 Bands und KünstlerInnen ihre Proberäume.

Wenn Orte wie der Otzenbunker schließen, weichen die Bands auf Räume aus, die noch modriger sind. Nach den Proben müssten sich manche die Sporen der Schimmelpilze aus den Haaren waschen, sagt Okun.

“Die Schließung des Otzenbunkers hat das Problem bloß verschärft”, sagt er. “Solange die Politik keine zentralen Proberäume schafft, gibt es keine neue Musik. Das tötet die Subkultur. Wir protestieren, um zu überleben.” Die Bands wollen zurück in den Bunker, trotz allem.

Keine öffentlichen Mittel für den Otzenbunker

Doch der Streit bleibt kompliziert: Dem letzten Eigentümer sei beim Kauf des Otzenbunkers der hohe Sanierungsbedarf verschwiegen worden. Es müsse daher zunächst bestimmt werden, wieviel die Sanierung kosten werde, und bei wem die Rechtsschuld liege, sagt Enno Isermann, Pressesprecher der Kulturbehörde. “Die Gespräche werden noch Monate andauern.” Der Initiative “St. Pauli bleibt laut” geht das nicht schnell genug. Sie hat der Behörde im Dezember ein Protestpapier überreicht, in dem sie Ersatzräume fordert. Finanzielle Unterstützung sieht die Stadt bislang nicht vor.

Für das Konzert hat Martin Geßner sich eine Dockermütze mit den St. Pauli-Farben aufgesetzt. Dicke Streifen auf schwarzer Wolle, braun, weiß und rot. Er mag die kleinen Kneipen und Stoffläden auf dem Kiez, sagt er. Und die alten Retroschriften über den Schaufenstern. Was er nicht mag, sind die Hotelketten, die den ohnehin knappen Raum im Stadtteil aufkauften.

Geßner gehört zum harten Kern der Initiative. Er spricht von einem Missverhältnis in der städtischen Förderung: “Millionen fließen in die Elbphilharmonie und das Reeperbahnfestival, das sind alles touristische Magnetpunkte. Geht es aber um die Menschen auf St. Pauli, zögert die Politik.”

Vier neue Hotels wurden seit 2012 auf St. Pauli eröffnet, bis 2021 sollen mindestens zwei weitere dazu kommen. Der hohe Mietpreis und der zunehmende Tourismus belaste die Menschen auf St. Pauli, sagt Geßner. “Bei den ganzen Schaulustigen kommt Zoo-Feeling auf.” Ein Dialog über die negativen Konsequenzen des Stadtteilwandels fehle aber.

„Man fühlt sich hier nicht gewollt“

Von den versprochenen Einnahmen durch den Tourismus, sagt Musiker Okun, profitierten nur die wenigsten Bands. Eigentumswohnungen konkurrierten jetzt mit Proberäumen. Etwa, wenn an bestehenden Musikräumen angebaut wird, und die neuen Nachbarn die Musikanten mit Beschwerden verdrängen.

Pressesprecher Isermann verteidigt die Stadt: “Wir wollen Orte wie den Otzenbunker schützen. Aber Fläche und Fördergeld sind knapp und wir müssen fair bleiben.” Er verweist auf einen Zwischennutzungsfond, der kurzfristige Proberäume bezahlen soll, und auf Investitionen in Rock-City Hamburg e.V. und in die Hamburger Kreativ Gesellschaft. Mehr könne man derzeit nicht tun, die Politik dürfe schließlich nicht zu sehr in die Kultur eingreifen.

Ein “Totschlagargument”, nennt Sophia Poppensieker das. Die Gitarristin der Indiepopband Tonbandgerät berichtet: “Ich habe vor einigen Monaten sowohl Rock-City als auch die Kreativ Gesellschaft angerufen. Die verwalten jedoch keine Immobilien und konnten nicht helfen.” Die Anfrage für den Dreh eines Werbeclips, der Hamburg als Musikstadt feiert, lehnte die Band vergangenes Jahr ab. Hamburg exportiere nur noch Einzelkünstler, sagt Poppensieker. Für Gruppen gebe es keinen Raum zum Üben. “Man fühlt sich hier nicht wirklich gewollt. Viele denken darüber nach, in eine andere Stadt zu ziehen.”

Die Bands im Hafenklang wollen nicht aus Hamburg raus. Im Rotlicht des Liveclubs spielen sie Riffs, die das schnackende Publikum verstummen lassen. Ihnen wird zugehört, hier, zwischen den beklebten Holztischen und den burgunderroten Wänden. Als ein Mann das Mikrofon ergreift und über die mangelnde Unterstützung der Stadt schimpft, klatscht die Menge. Später schunkelt sie zu Frank Spilker von Den Sternen.

“Dieses Soli-Konzert ist nicht das letzte Event für den Otzenbunker”, sagt Boeing. Dann drückt er die Zigarette aus. “Als Musiker braucht man einen langen Atem.”

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