Verloren im Tunnelsystem Jungfernstieg, gestrandet in Diebsteich, um Plätze im Ersatzbus nach Harburg kämpfend: Die Redaktion erzählt von ihren bahnbrechenden Irrungen und Wirrungen mit den Öffentlichen.

Bloß nicht einschlaf…

Max:  Diese Geschichte macht betroffen. Sie erzählt von meinem ersten Wochenende in Hamburg. Nein, vielmehr erzählt sie, wie ich an dieser Stadt scheiterte. Wie sie mich fraß, durchkaute und in Schleswig-Holstein ausspuckte. Wie eine aus dem Bismarckhering rausgepulte Fischgräte.

Man, was hab‘ ich mich auf mein erstes Wochenende hier gefreut. Neue Stadt, neue Leute. Frisch aus dem Westen in den Norden. Prost darauf! Gesurft bin ich auf einer Welle der Euphorie – angeschwemmt werde ich in Wedel. Denn ich erlebe mein HVV-Inferno am Sonntagmorgen um 7 Uhr. Schlafend in der S1.

Mit sanfter Stimme weckt mich ein freundlicher Schaffner an der Endhaltestelle Wedel. Ob ich nicht aussteigen möge, der Zug ende hier. Statt fünf Stationen – vom Berliner Tor bis zur Reeperbahn – bin ich eine Dreiviertelstunde bis nach Wedel durchgefahren.

Ich also aus der Bahn raus und aufs gegenüberliegende Bahngleis, zwanzig Minuten auf die Bahn warten, die zurückfährt. Dass ich tatsächlich noch ein zweites Mal in der Bahn einschlafe, gleicht einer Demütigung. Ich wache in Barmbek auf. Zehn Haltestellen hinter der Reeperbahn.

Ich bin zu einer Mensch gewordenen Flipperkugel verkommen. Bahngleis wechseln. Wieder warten. Wieder in die S1 Richtung Wedel. Ein drittes Mal bekommt mich der HVV aber nicht. Irgendwie gelange ich zur Haltestelle Reeperbahn und verlasse die Spielfläche. Von der Stadt zerkaut, komme ich gegen 8 Uhr morgens zu Hause an.

Mein Dank gilt einem Mann: Dem Schaffner, der in Wedel für mich da war. Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätte mich dort niemand geweckt. Ich würde wohl heute noch in der S1 schlafend durch Hamburg gurken.

Ausgespukt am Diebsteich

Carlotta:  Diebsteich. Ein Ort, der wie es sein Name schon sagt, hauptsächlich stiehlt. Nämlich Zeit – mir zumindest. Wenn ich das blau-weiße Schild mit besagtem Ort schon sehe, erschaudere ich. Denn wenn mich die S-Bahn auf diesem Bahnsteig ausspuckt, dann heißt das, ich bin in den falschen Zug gestiegen. Und das passiert leider häufig.

Wer in den Hamburger Westen muss, kennt die S-Bahn-Strecke jenseits Altonas und den Altonaer Bahnhof nur zu gut. Hier gibt es für den Nahverkehr genau zwei Bahnsteige, die bestens ausgeschildert sind. Richtung Westen fährt von Gleis vier die S1 nach Wedel, am gegenüberliegenden Bahnsteig fährt die S3 nach Pinneberg. Die Wahrscheinlichkeit, hier in die falsche Bahn zu steigen, ist relativ gering.

Die Crux: Die S3 und die S1 teilen sich an allen Stationen zwischen Hauptbahnhof und Altona das Gleis, egal ob Reeperbahn oder Jungfernstieg. Und schon passiert’s: Bei einer 50/50-Chance, dass die nächste S-Bahn die richtige ist, steige ich sehr gerne in den falschen Zug – und wähne mich bis Altona in Sicherheit. Das ist die Gemeinheit: Bis dahin haben die S3 und die S1 die selben Stationen.

In Diebsteich springe ich also gehetzt aus dem Zug. Die Irrfahrt kostet mich 20 Minuten. Die S3 zurück nach Altona kommt im Zehn-Minuten-Takt. Genau wie die S1, auf die jetzt warte.

Auf dem Rückweg frage ich mich dann oft, ob wohl jemand mit mir eingestiegen ist, der irgendwann merkt, dass er nach Bahrenfeld fährt und nicht nach Diebsteich. Diese Person hätte mein volles Mitgefühl. Ich bilde mir zumindest ein, dass ich nicht die einzige bin.

Gefangen im Jungfernstieg-Labyrinth

Lissy: Wenn in Hamburg von Nahverkehrsknotenpunkten die Rede ist, dann ist die Haltestelle Jungfernstieg ein ganz dickes Knäuel. Vier U-Bahn-Linien, drei S-Bahn-Linien, etliche Busse auf mehreren Ebenen und dann noch die Alstertouristik: Da kann man schon den Überblick verlieren.

Mein Rekord liegt bei 25 Minuten der Irrwanderung im unterirdischen Gänge- und Treppensystem. Die Schilder, Pläne und Wegweiser an den Wänden sind wenig hilfreich. Tourist*innen sehen sich hilfesuchend um. Leider können an ihnen vorbeilaufende Passant*innen oft nicht helfen – die müssen sich selber erstmal orientieren. Online gibt es sogar einen Tunnelplan, der den Irrgarten unter der Erde abbildet.

Und so springt der Projektor in meinem Kopfkino an: Ich sehe den zerzausten Tom Hanks als Robinson Crusoe mit einem bemalten Volleyball unterm Arm durch geflieste Gänge stolpern. Er bittet andere Fahrgäste ihm nach jahrelangem Herumirren den Weg zum Ausgang Schleusenbrücke zu zeigen.

Ich bin zwar Hamburgerin, aber wenn ich am Jungfernstieg auf Anhieb den richtigen Ausgang finde, fühle ich mich unbesiegbar. Als hätte ich die Stadt in die Tasche gesteckt. Mittlerweile nehme ich einfach die erste Treppe, die ans Tageslicht führt und orientiere mich an der Oberfläche. Wer diese Haltestelle als Treffpunkt vorschlägt, ist selbst Schuld.

Beim Bäcker links – Orientierung geht durch den Magen 

Antonie: Zurück nach Altona. An welchem Gleis ich mit der Bahn ankomme? Keine Ahnung. Die Rolltreppe hoch und ich muss mich zwischen gefühlt 3.234 Ausgängen entscheiden. Jede Treppe habe ich schon ausprobiert. Oft mit dem Plan, an einer ganz bestimmten Stelle ans Tageslicht zu kommen. Geschafft habe ich das so gut wie nie.

Um nicht ewig im Labyrinth festzustecken, wende ich nun einen Trick an: Orientierung geht durch den Magen. Bei Le Crobag links hoch, dann bin ich gar nicht so verkehrt in der Ottenser Hauptstraße. Das funktioniert auch bei anderen Geschäften. Der Ausgang beim Lidl führt zu Ikea. Die große Treppe in der Mitte zum Busbahnhof, vorbei am HVV-Shop.

Manchmal lande ich vor Blume 2000 und frage mich, wie das passieren konnte. Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Geschäfte für immer an den selben Stellen bleiben.

In der Bahn den Kopf verdreht

Nina: Eigentlich mag ich den HVV. Busse und Bahnen fahren meist pünktlich im Fünf-Minuten-Takt. Auch einen Sitzplatz finde ich für gewöhnlich. Und nicht selten haben nette Busfahrer*innen für mich angehalten, wenn ich nach einem Kurzstreckensprint an ihre Tür geklopft habe. Eines habe ich allerdings früh gelernt: Verlasse dich niemals auf Durchsagen.

Manchmal steige ich in Bahnen oder Busse, deren Fahrplan ich nicht kenne. Ich weiß dann schon beim Einsteigen, dass ich die Blicke meiner Mitfahrer*innen auf mich ziehen werde. An jeder Haltestelle verdrehe ich den Kopf und starre aus dem Fenster. Was ist mit der los, denken wohl die anderen. Kein Ticket? Hält sie nach Kontrolleur*innen Ausschau? Weit gefehlt. Ich suche nach Schildern.

Traue keinem Haltestellennamen, den du nicht selbst gelesen hast. Das ist mein Credo. Schon zu oft saß ich in einem Bus oder einer Bahn und die Ansage war falsch. Die Sternschanze wird dann etwa zur Elbgaustraße umdeklariert.

Einmal habe ich mich dann doch täuschen lassen, ausgerechnet auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch. Statt in Rothenburgsort auszusteigen, fuhr ich bis Tiefstack weiter, bevor ich merkte, dass da was nicht stimmt. Zu meinem Glück fuhr in dem Moment die Bahn zurück nach Rothenburgsort ein. Pünktlich war ich dann trotzdem noch.

Feierabendhölle im Schienenersatzverkehr

Jonas: Für Menschen, die im Hamburger Süden wohnen, gibt es ein Reizwort: Schienenersatzverkehr. Regelmäßig ist die Strecke der S3 und S31 vom Hauptbahnhof in Richtung Harburg wegen Bauarbeiten unterbrochen. Unangenehm, besonders im Feierabendverkehr. Da wird es ja erfahrungsgemäß eh schon so voll, dass man Personal bräuchte, um auch noch den letzten Fahrgast in die Bahn zu stopfen.

In den Ersatzbussen wird der Kampf um einen der Plätze zum großen Ego-Showdown. Rücksichtnahme oder Solidarität existieren nicht mehr. Fahrgäste, die nach Harburg wollen, können noch auf einen der überfüllten Metronom-Züge ausweichen. Die stehen zumindest nicht im Stau.

Einige Fahrgäste schaffen es erst gar nicht zum Ersatzverkehr. Vor allem jene, die beharrlich die Ausgänge und digitalen Anzeigen ignorieren. Ein Beispiel: Die S3 hält, vom Hauptbahnhof kommend, in Hammerbrook. Wer von hier nach Veddel möchte, steigt zu. Der Zug legt allerdings den Rückwärtsgang ein und fährt zurück zum Hauptbahnhof. Leere Blicke, Schimpftiraden, panisches Drücken auf Türknöpfe – Schauspielstudierende finden hier reichlich Inspiration.

Und die Moral von der Geschichte? Wer auf Anhieb mit dem Hamburger ÖPNV zurecht kommt, besitzt vermutlich übermenschliche Fähigkeiten.

Titelfoto:Pixabay

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Antonie Schlenska tänzelte sich von der Ballerina zur deutschen Hip-Hop-Meisterin. 1993 in Hannover geboren studierte sie Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Berlin. Seit ihrer Abschlussarbeit weiß sie alles über Podcasting. In der Vermarktungsabteilung bei Gruner und Jahr analysierte sie den deutschen Zeitschriftenmarkt. Außerdem machte sie in dem Verlag Stationen im Innovation Lab, bei der „Brigitte“ und bei „Geo“. Beim Geo-Magazin gestaltete sie die Fotostrecke eines Kriegsfotografen. Privat arbeitet sie am liebsten mit einer analogen Kamera und bemalt die überbelichteten Fotos mit Acrylfarben. Zu Hause an ihrem selbstgebauten Tisch isst sie gerne Mayo mit Kroketten, Käse mit Brot oder Pesto mit Nudeln. Die Kalorien tanzt sie sowieso wieder ab. Kürzel: acs
Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max
Die Lieblingsfarbe von Carlotta Schaffner, Jahrgang 1995, ist marineblau – klar für eine echte Hamburgerin. Ihre Urgroßmutter führte ein Hutgeschäft auf der Mönckebergstraße, die Großeltern machten daraus später ein Modekaufhaus. Das Modejournalismus-Studium in Hamburg war für Carlotta die logische Konsequenz. Für die Fashionlabels Edited, Aeyde und Be Edgy Berlin war sie unter anderem für kurze Zeit Chefredakteurin, Head of PR oder die Praktikantin. Dabei kam sie auch mal mit Andreas Bourani ins Gespräch, es ging um Neurowissenschaften. Von Berlin ging es nach Lissabon: Dort lernte Carlotta zwar kein Portugiesisch, dafür aber fließend HTML, CSS und Javascript. Das Pastel de Nata tauschte sie für den Master wieder gegen Franzbrötchen – den Hamburger S(ch)nack mag sie immer noch am liebsten. Kürzel: cas
Luise Reichenbach, Jahrgang 1994, hat vier Vornamen, nutzt aber keinen davon. Die Hamburgerin legt sich nicht gerne fest: Sie zog von Hamburg nach Bayern, wechselte von Wirtschaft zur Kommunikationswissenschaft und redet mal über Schrotträder, mal über moderne Malerei. Im Zweitfach studierte Lissy Kunstgeschichte und lernte beim deutschen Cocktailmeister den perfekten Whiskey Sour zu mixen. Bei Scholz & Friends in Berlin arbeitete sie unter anderem für Amnesty International, Mercedes und Vodafone. Für Montblanc organisierte sie Messen für die neuen Kollektionen in ihrer Heimatstadt Hamburg. Am Wochenende steht sie im Schanzenviertel am Kickertisch oder klappert mit ihrem Rad die Flohmärkte ab, immer auf der Suche nach seltenen Bildern oder neuem Lesestoff. Kürzel: lr
Jonas Ziock, Jahrgang 1993, wird oft von fremden Leuten gegrüßt und hört auch auf den Namen Joshi – so heißt sein eineiiger Zwillingsbruder. Mit ihm hat er in einem Arthouse-Kino in Lübeck noch gelernt, Filme von der Filmrolle abzuspielen. In Göttingen machte er seinen Bachelor in Politikwissenschaft und belegte zusätzlich journalistische Kurse. Während seines Studiums organisierte er zusammen mit Freunden subkulturelle Konzerte. Zwei der größten Bands waren die Antilopen Gang und Sick of it All. Auch in Hamburg geht er so oft wie möglich auf Metal- und Hardcore-Konzerte. Seine zweite Leidenschaft ist das Skaten. Schon als Jugendlicher fuhr Jonas von Lübeck in die Skatehalle I-Punkt, in der er heute jobbt. Oder ist es Joshi? Kürzel: joz
Reiterhof, Tech-Konzern, Streetfood-Märkte – Nina Maurer , Jahrgang 1994, treibt die Neugier. Als Kind fand sie ihr Glück auf dem Rücken der Pferde. Reitlehrerin wurde sie aber nicht: Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Schule für Kinder mit Behinderung studierte sie Ökotrophologie in Hamburg. Ihre Begeisterung für Essen und Kommunikation vereinte sie als Werkstudentin und Volontärin in einer PR-Agentur. Für Food-Marken durchforstete sie sämtliche Blogs Deutschlands. Seit 2018 arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation des Tech-Konzerns NXP. Wenn sich Nina nicht gerade mit künstlicher Intelligenz beschäftigt, stöbert sie in der Hamburger Gastro-Szene nach rohem Fisch und Kurzkornreis. Auch zu Hause experimentiert sie gerne: ob Sushi, Curry oder Kürbissuppe – Hauptsache viel Ingwer. Kürzel: nim