Nur noch „Aus Haut und Knochen“ besteht die 16-jährige Lara, als ihre Eltern von ihrer Essstörung erfahren. Was diese Krankheit für eine Familie bedeuten kann, zeigt der Film von Regisseurin Christina Schiewe.

Eine Mutter betritt das Zimmer ihrer 16-jährigen Tochter. Ein unangenehmer Geruch schlägt ihr entgegen. Sie folgt ihm und findet hinter dem Regal einen Haufen verschimmelter Pausenbrote. Als sie ihre Tochter Lara (Lisa Marie Koroll) deswegen befragt, wird diese auffällig aggressiv: „Das geht dich nichts an, okay.“ Ihre Mutter wundert sich, verlässt aber den Raum.

Auch als Lara beim Joggen mitten auf der Straße zusammenbricht, schafft sie es, ihre Eltern davon zu überzeugen, sich keine Sorgen zu machen. Ihr Geheimnis ist durch die Kleidung gut verdeckt. Schicht um Schicht hat Lara über ihren mageren Körper gestreift. Erst als sie durch einen unfreiwilligen Sturz in einen Pool gezwungen ist, sich die nassen Klamotten auszuziehen, wird die Wahrheit enthüllt.

Meisterin der Täuschung

Das Drama „Aus Haut und Knochen“ zeigt nachvollziehbar, wie eine Familie im Kampf gegen die Magersucht zu zerbrechen droht. Susanne (Anja Kling) und Peter (Oliver Mommsen) wollen ihrer Tochter glauben. Ihre Erklärungen hören sich auch schlüssig an. Die Teilnahme am Schulmarathon und das harte Training dafür seien die Ursache für einen Schwächeanfall. Wird sie gefragt, ob sie mitessen wolle, hat sie schon gegessen oder keinen Hunger.

Krankheitsfälle wie Lara sind nicht selten. Etwa drei bis sechs von 1.000 Frauen leiden im Alter von 12 bis 35 Jahren an Magersucht.

Zu Beginn des Films fragt man sich, warum die Eltern nicht viel früher merkten, was mit ihrer Tochter los ist. Doch je mehr die Zuschauer*innen Lara kennenlernen, desto klarer wird: Sie tut alles, um ihre Magersucht zu verstecken.

Lara (Lisa Marie Koroll) bekennt sich zu ihrer Magersucht.
Lara (Lisa Marie Koroll) gesteht sich schließlich ihre Magersucht ein. Foto: Martin Valentin Menke

Wie relevant das Thema „Essstörung“ ist, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre: 2000 wurden in Deutschland 5.363 Fälle von Magersucht registriert. 2015 waren es 8.079. Das ist ein Plus von über 50 Prozent. Als mögliche Gründe gelten gesellschaftliche Faktoren, wie beispielsweise das Schlankheitsideal westlicher Länder oder auch der Einfluss von Model-Castingshows wie „Germany’s next Topmodel“.

Der Film zeigt außerdem, wie soziale Medien die Krankheit beeinflussen. Es gibt Challenges, in denen sich vor allem junge Mädchen gegenseitig in ihrer Essstörung anstacheln. Zum Beispiel bei der sogenannten Paper Waist Challenge. Hier posten Mädchen Selfies, bei denen sie ein DIN A4 Papier vor ihren Bauch halten. Ihr Ziel: Taille und Bauch müssen hinter dem 21 Zentimeter breiten Blatt verschwinden. Auch Lara nimmt an solchen Challenges teil. Hier versteckt sie ihren Körper nicht.

Verzweifelt und einsam

Der familiäre Alltag wird durch die Krankheit bestimmt. Susanne stellt ihr komplettes Leben für ihre Tochter um. Sie kündigt sogar ihren Job. Doch Lara belügt sie weiter. Sie ist clever. Aber Susanne bleibt skeptisch. Und als sie mehr und mehr herausfindet, beginnt Lara ihre Eltern gegeneinander auszuspielen. Ihrem Vater gegenüber stellt sie sich selbst als Opfer und ihre Mutter als Lügnerin dar, die ihr nicht vertraue. So auch als Susanne erfährt, dass Lara morgens Saft auf Wattepads tröpfelt und diese gegen den Hunger schluckt.

Lange verschließt ihr Vater die Augen vor der Wahrheit. Er lässt seine Frau mit der Belastung alleine. Für Laras kleinen Bruder Jonas (Vico Magno) ist die Situation ebenfalls nicht einfach. Er sagt seiner Schwester: „Früher warst du immer stärker. Jetzt setz ich mich auf dich und du zerbrichst. Ich will nicht, dass du stirbst.“

Insbesondere Anja Kling überzeugt in der Rolle als besorgte und verzweifelte Mutter. Und auch die anderen Rollen sind gut besetzt. Lediglich der Charakter des Familienvaters ist streckenweise sehr klischeehaft und wirkt nicht immer authentisch. Er wendet seiner Frau nicht nur den Rücken zu, sondern sucht sogar Zuflucht bei einer anderen Frau.

Leider verpasst der Film, wichtige Fragen um das Thema Essstörung zu stellen. So wird gerade die Frage nach der Ursache für Laras Magersucht offengelassen. Die schauspielerische Leistung von Lisa Marie Kroll (bekannt aus den erfolgreichen Kinofilmen „Bibi & Tina“) wirkt noch authentischer, wenn man weiß, dass sie selbst an einer Essstörung, der sogenannten „Orthorexie“, litt. Dabei ernähren sich die Betroffenen zwanghaft gesund.

Der Film schafft es allerdings nur, die verschiedenen Formen von Essstörungen anzureißen. Dabei gibt es nicht nur Magersucht, sondern Bulimie, Binge-Eating und weitere Erkrankungen. „Aus Haut und Knochen“ greift somit ein wichtiges und äußerst relevantes Thema auf, beleuchtet dieses aber nicht immer in der wünschenswerten Tiefe.

Der Film wurde beim Filmfest Hamburg gezeigt. Wann der Film bei Sat1 gespielt wird, ist noch nicht bekannt.

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Kim Staudt, Jahrgang 1996, hasst Hasskommentare. Als Werkstudentin in der Online-Redaktion der “FAZ” moderierte sie Leserkommentare und las dabei mehr Scheußlichkeiten als ihr lieb war. Es war ein harter Wechsel: Kurz davor hatte sie in der Redaktion von “InStyle” noch Kisten voller Designerstücke aus Mailand, Paris und New York durchwühlt und beim Onlinemagazin “GQ” live über die Wahl zum “Mann des Jahres” gebloggt. Ihr Lieblingsroman ist “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, “Die Leiden des jungen Werthers” las sie im Garten des Goethe-Hauses in Frankfurt. Natürlich durfte es auch für das Germanistik- und Amerikanistikstudium nur die dortige Goethe-Universität werden. Am liebsten mag sie Filme mit Plot Twist - und Serien mit F: “Fargo”, “Friends” und modern “Family”. Kürzel: kis

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