„Adoration“ ist die Vollendung von Fabrice Du Welz‘ Ardennen-Trilogie. In dem Film flieht der junge Paul mit dem schizophrenen Mädchen Gloria. Eine Reise, die zwischen gelösten Road-Movie-Momenten und düsterem Wahnsinn schwankt.

Der 12-jährige Paul (Thomas Gioria) lebt mit seiner Mutter in einem Haus auf dem Gelände einer Psychiatrie, in der sie arbeitet. Kontakt zu anderen Kindern hat er nicht. Allein erkundet er die Natur und kümmert sich um hilflose Vögel, seine einzigen Freunde.

Eines Tages wird die schizophrene Gloria, eindrucksvoll gespielt von Fantine Harduin, in die Klinik eingewiesen. Der einsame Paul ist von der ersten Begegnung an von ihr fasziniert. Obwohl ihm der Kontakt zu Patienten generell untersagt ist, freunden sich die beiden an.

Ausbruch aus der Realität

Als ein kleiner Fink stirbt, den Paul in einem Schuhkarton aufgepäppelt hat, gerät seine Welt ins Wanken. Auch die Beziehung zu seiner Mutter verschlechtert sich. „Du findest sie hübscher als mich, nicht wahr?“, fragt sie ihn. Daraufhin beschließt Paul, mit Gloria auszubrechen.

Er klaut die Schlüssel seiner Mutter und geht über Leichen, um mit Gloria in den angrenzenden Wald zu fliehen. Auf ihrer Flucht aus der Realität hinterlassen beide eine Spur der Verwüstung.

Immer wieder nutzen der belgische Regisseur Fabrice Du Welz und sein Kameramann Manu Dacosse in „Adoration“ ruckartige Kameraschwenks und Zooms. Selbst feste Einstellungen wanken und zucken. So kommt das Bild, genau wie die Charaktere, nie zur Ruhe.

Das Boot fährt auf einem schmalen, vernebelten Fluß, umgeben von dichtem Wald.
Gloria und Paul schippern auf einem kleinen Motorboot durch die belgischen Wälder. Foto: Memento Films International

„Adoration“ ist die Vollendung von Du Welz‘ Ardennen-Trilogie. Zwar blitzt die Brutalität, die die Vorgänger „Calvaire“ (2004) und „Alleluia“ (2014) prägen, hin und wieder auf, sie ist aber nicht das zentrale Element. Vielmehr bestimmt die Spannung zwischen den gelösten Road-Movie-Momenten und Glorias unkontrollierbaren Anfällen die Stimmung.

Zwischen Vernunft und Verehrung

Nach Momenten, in denen das Gespann seine Freiheit genießt, holen Gloria immer wieder Wahnvorstellungen ein: Sie glaubt, Hühner wollen sie ausspionieren und töten. Das Hausboot eines hilfsbereiten Paares, dem sie wegen ihrer „Schlangenaugen“ misstraut, setzt sie in Brand.

Paul ist zerrissen, zwischen seiner Vernunft und der Verehrung („Adoration“) für Gloria, die ihn blind macht. Blind, für die Schwere ihrer Schizophrenie, den Tod und die Zerstörung, die aus ihrer Geisteskrankheit folgt. Sie ist Pauls erste Liebe, bindet ihn auch durch körperliche Nähe an sich. Hinzu kommt sein Drang nach Freiheit, der sich schon früh durch seine Beziehung zu den Vögeln abzeichnet.

Die Reise durch tiefe Wälder, neblige Flusslandschaften und düstere Tunnel wirkt wie eine Reise in Glorias Inneres. Die körnigen 16-Millimeter-Analogaufnahmen verleihen dem Film dabei einen surrealen Look. Nachwuchsdarstellerin Harduin überzeugt als Gloria mit einer Performance zwischen kindlicher Unschuld und Wahnsinn. Ähnlich anspruchvoll ist die Rolle von Gioria als Paul, die er vor allem dank seiner starken Mimik, bemerkenswert glaubwürdig ausfüllt.

„Adoration“ läuft am Freitag, den 04.10. um 22:15 Uhr im Abaton. Tickets gibt es hier.

Vorheriger ArtikelKinderkino: „Wir erzählen uns zu wenig Fantasiequatsch“
Nächster ArtikelUms Eck geschaut: Blankeneser Kino
Dustin Balsing, geboren 1993, verwandelte als Kapitän seiner Tennismannschaft gleich zweimal den alles entscheidenden Matchball zum Aufstieg. Auch sonst ist er sportbegeistert. Neben Tennis und Basketball gilt seine größte Leidenschaft dem Fußball. Für sein Studium der Publizistik ging er als Numerus-Clausus-Flüchtling von Würzburg nach Wien. Dort schrieb der gebürtige Kölner und Hertha-Fan Beiträge und Moderationstexte für einen Nachrichtensender und arbeitete über ein Jahr als Online-Redakteur beim Sportportal “Laola1”. Wien ist für ihn wie ein riesiges Museum, nicht nur die Stadt, sondern auch der Dialekt machen ihm Spaß. Kölsch, Schwäbisch, Sächsisch, Berliner Schnauze: Dustin spricht zwar nicht jede Sprache, aber dafür so gut wie jeden Dialekt. Bald schnackt er auch wie ein Hamburger Jung. Kürzel: dub