Peter Fleischmanns  „Die Hamburger Krankheit“ von 1979 wurde gerade digitalisiert. Mit FINK.HAMBURG sprach der heute 82-jährige Künstler über seine Werke, das deutsche Kino und den Weg in die Hölle.

Er habe einen Film ohne Handlung gedreht, sagt Peter Fleischmann, heute 82, über „Die Hamburger Krankheit“ (1979). Am Anfang steht die Katastrophe, eine Aussicht auf Lösung gibt es nicht. Dafür reichlich Nacktheit und Skurrilität. Prägend sind die gesellschaftskritischen Dialoge, der versteckte Sarkasmus und die fehlenden Erklärungen dafür, wie die Menschen handeln.

"Die Hamburger Krankheit": Ohne äußere Anzeichen auf eine Krankheit, brechen Menschen zusammen und verkrümmen sich
„Die Hamburger Krankheit“: Ohne äußere Anzeichen auf eine Krankheit, brechen Menschen zusammen und verkrümmen sich. Foto: Peter Fleischmann

„Die Hamburger Krankheit“

Die ersten Toten findet man auf St. Pauli – in Embryonalstellung liegend, Todesursache ungeklärt. Die Gesundheitsbehörde handelt schnell und verordnet eine Quarantäne. Hamburg wird verriegelt. Ein Arzt, ein Wurstverkäufer, ein Rollstuhlfahrer und eine junge Frau planen die Flucht aus der Stadt. Sollte so etwas wie ein Fazit am Ende stehen, dann, dass in einer kranken Welt nur die Außenseiter eine Chance aufs Überleben haben.

Der Künstler Peter Fleischmann, Vertreter des Neuen Deutschen Films, eckte mit seinen Werken an. „Jagdszenen aus Niederbayern“, ein Film über einen homosexuellen Ausländer, war 1969 zu viel für die konservative Mehrheitsgesellschaft. Seine industriekritische Dystopie „Das Unheil“ wurde 1972 nach wenigen Tagen aus den Kinos genommen.

2017 wurde „Das Unheil“ schließlich digitalisiert und fand nachträglich Anklang. Er zeige eine Umbruchszeit, nicht viel anders als heute, schrieb Hanns-Georg Rodek in „Die Welt Kompakt“. 2019 ist „Die Hamburger Krankheit“ an der Reihe und auch hier subsumiert das Feuilleton, dass der Stoff nach 40 Jahren realer und aktueller sei, als je zuvor.

Was bedeutet Ihnen die Vorführung im Rahmen des Filmfest Hamburg, 40 Jahre nach der Premiere von „Die Hamburger Krankheit“?

Fleischmann: Das ist schön. Ich habe mich aber geärgert, dass die vorletzte Fassung gezeigt wurde. Es sind lauter Kleinigkeiten in der Mischung, die noch nicht perfekt waren und die Widmung für Ulrich Wildgruber fehlt. Aber da hätte ich selbst aufpassen müssen.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, den Film zu digitalisieren?

Fleischmann: Es gibt kaum noch Filmprojektoren und die Negative gehen irgendwann kaputt. Deshalb gibt es in Deutschland Institute, mit denen der Staat sein Filmerbe rettet, indem er die Digitalisierung bezahlt. Aber eben nicht alle Filme. Bei mir hat man entschieden, dass drei von ihnen erhaltungswürdig sind.

„Aber dann ging das Vergessen so schnell“

Eigentlich wollte ich nicht mithecheln mit meinen Genossen – nur damit man in Erinnerung bleibt. Ich war ganz froh, dass ich ein ruhiges Leben hatte. Aber dann ging das Vergessen so schnell. Ich dachte, jetzt muss ich etwas anders machen. Für meine Kinder, für die ich verantwortlich bin. Damit meine ich die Filme, die doch irgendwie wie Kinder sind.

Wie sind Sie auf die Idee für das Drehbuch gekommen?

Fleischmann: Mein Film „Dorotheas Rache“, der noch vorher erschien, spielte auch auf St. Pauli. „Die Hamburger Krankheit“ war als Fortsetzung gedacht. Plötzlich bricht eine Krankheit in der Stadt aus, deren Ursprung man nicht kennt: Männer stürzen sich auf Frauen. Deshalb dürfen Frauen ihre Reize nicht zeigen, müssen in Säcken gekleidet und mit Eimern überm Kopf herumlaufen. Die Männer dürfen keinen Sellerie essen.

Dieser Film kam nie zustande, weil mich Roland Topor [Anm. d. Red.: weiterer Drehbuchautor] dazu bewogen hat, eine ernsthafte Krankheit zu nehmen. Er empfahl mir das Buch „Der Husar auf dem Dach“ von Jean Giono. Ein poetisches Buch über die Cholera und wie eine Krankheit die Menschen verklärt. Der Gedanke, dass die Krankheit eine Chance ist, dass sie die Leute über sich selbst hinausheben kann und, wie bei jedem Todeskampf, die Leute plötzlich zu Dingen fähig macht, für die man sie niemals für fähig gehalten hätte, gefiel mir sehr.

Wieso haben Sie Hamburg als Ort des Geschehens für ihren Film ausgewählt?

Fleischmann: Meine damalige Freundin Solange Michoulier hatte schon den Film „Palais d’Amour“ in Hamburg in einem Bordell auf St. Pauli gedreht. Hamburg ist eine faszinierende Stadt. Nicht zuletzt, weil sie irgendwo Kulturbanause ist. Das wird die Stadt von sich weisen, weil sie doch so teure Sachen für die Kunst macht, aber das ist eben Kunst für die gute Stube. Die barbarische Kunst, die wird erst nach 100 Jahren salonfähig. Oder eben nach 40 Jahren.

In „Die Hamburger Krankheit“ unterhalten sich auf einer Party irgendwo in Bayern wohlhabende und konservative Politiker über den Vorzug von „grenzenlosem Wachstum“. Wollten Sie ein stereotypes Bild von Machthabenden transportieren?

Fleischmann: Als ich „Jagdszenen aus Niederbayern“ gemacht habe, haben mich die ganzen Schwulenzeitschriften angeschrieben und wollten Interviews, weil die Hauptfigur schwul ist. Sie waren ganz enttäuscht, als ich gesagt habe, dass es mir eigentlich egal ist, ob nun ein Schwuler oder eine andere Minderheit im Film vorkommt. Und so ist es auch hier: Es kommt mir nicht darauf an, speziell eine Meinung oder Minderheiten zu vertreten.

Luis Bunuel (Anm. d. Red.: spanisch-mexikanischer Filmemacher) hat einmal gesagt: „Die Psychologie ist ein Feind der Kunst.“ Da gebe ich ihm völlig Recht. Nehmen sie irgendeinen deutschen Krimi. Da wird dauernd erklärt, dieses Kind ist so geworden, weil der Vater Alkoholiker war. Und so weiter. Es wird alles erklärt. Meine Filme sind Anti-Genres-Filme. Dass man versucht, Filme in Genres einzuteilen, ist eine Bequemlichkeit. Dinge einzuteilen ist eine Sucht, die aus einer Unsicherheit kommen. Man muss nicht immer totalitär in einer Meinung sein.

Sind Sie sich bewusst, dass sie mit dem Satz „Auch ein Klima kann ansteckend sein“ heute einen Nerv beim Publikum treffen?

Fleischmann: Der Kampf gegen das Klima ist betulich. Man muss kein Klimafanatiker sein. Trotzdem gibt es diese Haltung, dass man sich selbst belügt und sagt: Ja, man muss was tun, aber es kommt auf einen Einzelnen nicht an.

Mit meinem Film „Unheil“ habe ich den ersten Klimafilm in Deutschland, vielleicht sogar in Europa gemacht. Er wurde total zerrissen. Auch von den Linken, weil sie gesagt haben: Mit seinem Umweltscheiß lenkt der Fleischmann eigentlich nur vom eigentlichen Problem ab, dem Klassenkampf. Damit hatten sie vielleicht Recht, aber sie hatten nicht verstanden, dass die beiden Themen zusammenhängen.

Wie sind Sie mit der Kritik an ihren Filmen umgegangen?

Fleischmann: Ich könnte den Menschen danach beurteilen, ob ihm mein Film gefällt oder nicht. Aber oft kommt es darauf an, was man gegessen hat und was für ein Wetter gerade ist.

Finden Sie, dass dem Kino von heute etwas von Ihrer Kunst fehlt?

Fleischmann: Ich finde nicht, dass es dem Kino von heute an etwas fehlt. Das Kino von heute ist sehr vielfältig. Es geht um die Dialoge und die Echtheit des Schauspiels vom Darsteller. Dem deutschen Kino fehlt ein bisschen von dem, was der Gesellschaft der Deutschen fehlt: Mut und Energie. Eine Sehnsucht nach Wahnsinn.

„In deutschland waren in den letzten Jahren nur Dokumentarfilme echte Erlebnisse für mich.“

Wir haben den Fehler gemacht, die Stars zu verdammen. Dabei liebt das Publikum die Stars. Das ist meiner Meinung nach erst wieder mit den Kurzserien aufgeblüht, die für mich die erste Form sind, wo das Fernsehen eine eigene Kunstform entwickelt hat. Es gibt gute Serien aus Dänemark, Schweden und Österreich. Überall machen sie interessantere Sachen als in Deutschland. In Deutschland waren in den letzten Jahren nur Dokumentarfilme echte Erlebnisse für mich.

Welche Kurzserie gefällt Ihnen zum Beispiel besonders gut?

Fleischmann: Die dänische Serie „Borgen“ von Adam Price und die schwedische Serie „Real Humans“ von Lars Lundström.

Was für einen Rat würden Sie einem jungen Regisseur mit auf dem Weg geben?

Fleischmann: Der Weg zum Paradies ist eng und steinig. Der Weg zur Hölle ist breit und gewölbt.

Titelfoto: Laura Bieler

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Laura Bieler, Jahrgang 1997, kennt jeden Pizzaofen ihrer Heimatstadt Hamburg. Hier studierte sie International Business Management mit Schwerpunkt Marketing und Kommunikation. Während eines Auslandssemesters in Paris perfektionierte sie ihr Französisch und besuchte die Paris Fashion Week. Direkt im Anschluss übernahm Laura bei einem Praktikum auf Mallorca die Marketing-Leitung eines Immobilienbüros. Reiten, Leichtathletik und Volleyball: Ihr sportliches Repertoire konnte sie auf der Insel noch um Surfen und Stand-Up-Paddling erweitern. Zurück in Hamburg arbeitete sie als Online-Redakteurin bei “Fit For Fun” und schwitzte beim Testen von Fitness-Apps. Kürzel: lab

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