„Deutschstunde“ erzählt eine Geschichte über Widerstand. Regisseur Christian Schwochow spricht im Interview darüber, warum der Film genau zur richtigen Zeit erscheint. Und warum ihm Fridays for Future Hoffnung macht.

Vor 51 Jahren veröffentlichte Siegfried Lenz den Roman „Deutschstunde“, ein prägendes Werk der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun kommt die Geschichte um Siggi Jepsen erstmals auf die Kinoleinwand. FINK.HAMBURG hat mit Regisseur Christian Schwochow vor der Premiere des Films beim Filmfest Hamburg 2019 gesprochen.

Herr Schwochow, wie verfilmt man ein Werk, das in Deutschland zum Kanon gehört?

Schwochow: Ich habe den Roman vor zwölf Jahren gelesen und war begeistert davon. Man muss aber trotz Begeisterung für die große Geschichte teilweise radikal sein und sich davon lösen, was auf den Seiten steht. Für meine Mutter (Anm. d. R.: Hilde Schwochow, Drehbuchautorin des Films) und mich war der Kern des Romans sehr stark, er ist auch nie verschwunden. Aber dass man sich permanent fragt: Wie werden wir dem Werk gerecht? Was darf man und was nicht – so sind wir da nicht rangegangen.

Wie sind Sie rangegangen?

Schwochow: Wenn man Literatur verfilmt, muss man eher etwas hinzufügen. Man darf nicht nur das bebildern, was in der Vorlage steht. Sondern sich fragen: Was ist meine ganz eigene Art und Weise, das Ganze umzusetzen? Wir haben den Geist des Romans immer behalten, sind aber sehr frei mit ihm umgegangen.

Der offizielle Start von „Deutschstunde“ ist am 03. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit. Eine bewusste Symbolik?

Schwochow: Als das Datum vor über einem halben Jahr festgelegt wurde, konnte ich persönlich nichts damit anfangen, weil ich mit Jubiläen nichts verbinde. Aber mit Hinblick auf die Zeit, in der wir jetzt gerade leben, hat der Film diesen gewichtigen Tag verdient. Er bringt eine zusätzliche Botschaft mit.

„Ich habe das Gefühl, das Gift des Faschismus ist wie ein Virus, das sich immer der jeweiligen Zeit anpasst. Und immer wieder kommt“

Welche Botschaft ist das?

Schwochow: Wir sind in Deutschland nicht erst durch die letzten beiden Landtagswahlen nach rechts gerückt. Es ist doch schon länger eine Stimmung im Land, bei der sich einiges verschiebt. „Deutschstunde“ erzählt von der Wiederholung von Geschichte und darüber, wie Gedanken zu Gift werden können, wenn man ihnen nicht stark widerspricht. Ich habe keine emotionale Bindung zum Tag der Einheit, aber ich finde, der Film passt zum Datum. Er kann ein wichtiger Beitrag sein.

Christian Schwochow, Regisseur von Deutschstunde, spricht mit FINK-Redakteur Max Schulte.
Christian Schwochow im Gespräch mit FINK.HAMBURG-Redakteur Max Schulte. Foto: Simon Schröder

Weil der Film von Widerstand erzählt?

Schwochow: Ich finde es ganz wichtig, dass wir Geschichten erzählen, in denen Leute eine Haltung einnehmen. Der Film erzählt vom Leben in Diktaturen. Wie Diktaturen in die kleinsten Zwischenräume eindringen, Freundschaften zerstören. Ich habe das Gefühl, das Gift des Faschismus ist wie ein Virus, das sich immer der jeweiligen Zeit anpasst. Und immer wiederkommt.

So wie jetzt gerade auch?

Schwochow: Die Menschen, die heute dieses Gift verbreiten, sehen viel harmloser aus als vor 80 Jahren. Sie sprechen harmloser, träumen aber von ähnlichen Dingen. Das ist längst in der Gesellschaft angekommen: Rechtes Gedankengut ist zum Mainstream geworden. Ich bekomme Angst, wenn ich höre, dass Denkverbote ausgesprochen werden. Dass bestimmte Journalisten weg sollten, es Phantasien darüber gibt, bestimmte Theaterstücke nicht mehr zu spielen. Da passiert gerade etwas Bedrohliches, ganz öffentlich.

Dagegen gibt es natürlich Protest.

Schwochow: Ja, aber man muss aufpassen: Wenn etwas immer wieder gesagt wird, immer und immer wieder, verschieben sich Tabugrenzen. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Davon erzählt der Film auch.

In Ihrem Film erkennt Protagonist Siggi das Unrecht der Nazis und widersetzt sich seinen Eltern, indem er „entartete“ Kunst versteckt. Er ist noch ein Junge, aber er handelt. Ähnlich wie bei der Fridays-for-Future-Bewegung um Greta Thunberg.

Schwochow: Den Vergleich finde ich interessant. Fridays for Future gibt mir seit Monaten mal wieder Hoffnung. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie jetzt schon etwas bewegt haben – egal wie laut die Kritik an ihnen ist. Mit ihrer massiven Haltung durchzuhalten, weiterzumachen, laut zu sein, auch gegen die ganzen Kritiker. Das ist das erste Mal seit langem, dass ich das Gefühl habe: Da ist eine junge Generation, die sich politisiert und sich stärker mit der Welt auseinandersetzt, als die Kinder und Jugendlichen vor zehn Jahren.

„Deutschstunde“ läuft ab dem 03. Oktober in den deutschen Kinos. In den Hauptrollen sind Ulrich Noethen, Tobias Moretti und Levi Eisenblätter zu sehen.

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Max Schulte, Jahrgang 1993, steht auf komplexe Zusammenhänge. Seine Lieblingsserie ist “Mad Men” - trotzdem gendert er seine Texte und raucht nicht. Bei einem Besuch in Bologna entdeckte der gebürtige Hammer seine Vorliebe für ungewöhnliche Arrangements, als er die Eiscremesorten Erdnuss-Karamell mit Pistazie kombinierte. Dieser Neigung blieb er bei seinem Bachelor treu und studierte Journalismus und Unternehmenskommunikation in Köln. Nebenbei arbeitete er in der PR-Abteilung des psychologischen Marktforschungsinstituts Rheingold und pendelte für ein Praktikum bei der Deutschen Post DHL Group nach Bonn. Dort brachte er ITlerinnen und ITlern das Kommunizieren bei. Das Studium der Digitalen Kommunikation an der HAW Hamburg ist da doch nur logische Konsequenz. Kürzel: mas

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