Aus Indonesien und den USA zum eigenen Start-up für 3D-Sound in Hamburg: Zwei HAW-Absolventen erzählen im Interview von ihrer Motivation und dem ersten Jahr als Gründer.

Unternehmensgründungen sind in Deutschland in den vergangenen Jahren immer unbeliebter geworden. Im Vergleich zu 2001 hat sich die Zahl der Gründer*innen 2018 um zwei Drittel reduziert: von 1.548.000 auf rund 547.000. Die Frage „Gründung oder Festanstellung?“ stellen sich auch viele Studierende kurz vor ihrem Abschluss. Etwa 80 bis 100 Interessierte lassen sich jährlich beim Gründungsservice der HAW Hamburg beraten, gibt Mitarbeiterin Angela Borchert an. Wie viele sich davon tatsächlich selbstständig machen, bekomme sie aber oft keine Rückmeldung.

Für eine Gründung haben sich vor etwa eineinhalb Jahren die HAW-Absolventen Benjamin Gallagher und Made Indrayana entschieden. Nach ihrem Sound-Vision-Master kreieren die beiden nun 3D-Sound für Kunden ihres Start-ups Double Shot Audio. Ihren Arbeitsplatz haben sie im Forschungs- und Transferzentrum Digital Reality, kurz FTZ Digital Reality, der HAW Hamburg in der Speicherstadt.

„Für Den Master habe ich sieben Monate jeden Tag Deutsch gelernt“

FINK.HAMBURG: Herr Gallagher, Sie stammen aus Virginia in den USA und Sie, Herr Indrayana von Bali, Indonesien. Wie sind Sie beide nach Hamburg gekommen?

Made Indrayana: Da muss ich etwas ausholen. Ich habe in Indonesien meinen Bachelor in Musik, Schwerpunkt Sound Design, gemacht. Danach war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter beschäftigt. Mein Professor hat dann zu mir gesagt, dass ich einen Master brauchen werde, um mir eine Karriere in der Universität aufbauen zu können. In Indonesien ist meine Uni aber tatsächlich die einzige staatlich anerkannte, die ein Sound-Design-Programm hat, allerdings nur im Bachelor. Da ich in der Richtung bleiben wollte, musste ich im Ausland schauen. Nach langer Suche bin ich auf Deutschland gekommen. Und die HAW Hamburg hat mir direkt geantwortet, dass das gut passen würde.

Sie konnten aber kein Deutsch?

Indrayana: Genau. Die Aufnahmeprüfung war noch auf Englisch, die habe ich bestanden. Für die Zulassung musste ich aber Deutsch können. Ich habe dann meinen Job gekündigt und sieben Monate lang jeden Tag die deutsche Sprache gelernt.

Und wie war das bei Ihnen, Herr Gallagher?

Ben Gallagher: Ich habe in Boston Musikkomposition und -produktion studiert. Dann war ich ein paar Jahre in Asien unterwegs und habe eine Zeit lang in Südkorea gearbeitet. Dort habe ich eine deutsche Frau getroffen. Meine Ex-Freundin wollte dann irgendwann zurück und so bin ich in Lübeck gelandet. Weil es dort für Audiotechniker nicht so viel zu tun gibt, musste ich in Richtung Hamburg schauen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir hier das Netzwerk fehlt und bin so auf die Idee gekommen, noch einen Master zu machen.

Mal für Laien, was ist denn überhaupt 3D-Sound?

Gallagher: Wir versuchen mit bestimmten Werkzeugen künstlich einen Sound zu erzeugen, der sich wie in der Realität anhört. Wenn ich mich etwa mit einer VR-Brille umschaue, dann sehe ich überall etwas. Das versuchen wir mit Sound. Dabei wird der Kopf getrackt und so getrickst, dass der Sound immer aus der Richtung kommt, in der er entsteht. Auch wenn man sich dreht.

Indrayana: Genau, bei Stereo-Sound ist es ja egal, wohin man schaut. Der Ton kommt in dem Fall immer von vorne. Wenn bei 3D-Audio etwa ein Vogel rechts Geräusche macht und ich schaue in diese Richtung, kommt der Sound dann von vorne. Es braucht nur etwas, was die Kopfbewegung trackt. Wir haben gerade einen Prototypen, der auch mit einem Handy funktioniert.

Wann ist Ihnen die Idee gekommen, eine eigene Firma zu gründen?

Gallagher: Die Idee war von mir und ich habe Indra mit ins Boot geholt, weil wir uns als Team gut ergänzen. Ich habe meine Masterarbeit über Sound Design in virtuellen Umgebungen geschrieben, weil es gerade neu und interessant war. Als ich damals das erste Mal VR ausprobiert habe, war ich sehr überrascht, wie weit die Technologie im Bereich 3D-Sound schon ist. Nach meiner Masterarbeit wollte ich in dem Bereich unbedingt weiterarbeiten, aber es gibt kaum Arbeitsplätze. Und ich hatte vorher schon mit der Idee zu gründen gespielt.

„Wir versuchen, einen 3D-Sound zu erzeugen, der sich anhört wie in der Realität.“

Wie sind Sie dann ins FTZ Digital Reality gekommen?

Gallagher: Wir haben viel Unterstützung gehabt von der HAW. Bevor wir uns überhaupt sicher waren, ob wir gründen wollen, bekamen wir schon eine Mail, dass wir mit unserem Start-up hier einziehen können. Das gab es da noch gar nicht. Aber dadurch hatten wir schon einen Platz und die Chance auf ein Netzwerk mit anderen, so dass wir gedacht haben: Wenn nicht jetzt, wann dann. Das Netzwerk ist genau das, was zwei Ausländer wie wir brauchen.

War Ihnen beiden klar, dass Sie nach dem Master in Hamburg bleiben möchten?

Indrayana: Nein, ich habe mit dem Ziel angefangen, dass ich nach dem Studium zurück möchte, um mit meinem Master in meiner Heimat zu unterrichten. Aber je näher ich dem Abschluss kam, desto überzeugter war ich, dass ich bleiben muss, um noch mehr zu lernen. Als ich anfing, habe ich gemerkt, dass ich zum Beispiel noch eine große Lücke bei der technischen Seite von Audio hatte. Ich dachte wirklich, ich bin nur ein Laie. Und wenn ich irgendwann mal zurückgehe, möchte ich mein Wissen nicht nur in zwei Tagen erzählen können, sondern mein Leben lang.

Gallagher: Mir war klar, dass ich in Deutschland bleiben möchte. Und für uns ist Hamburg ideal, wir sitzen gerne hier. Es gibt eine sehr aktive VR- und AR-Szene und viele Games werden hier entwickelt.

Ich würde gerne noch ein kleines Spiel mit Ihnen spielen: Ich gebe Ihnen Stichworte und Sie antworten mir, was Ihnen spontan in den Sinn kommt. Das erste Stichwort ist: Kaffee. Ihr Start-up heißt ja auch Double Shot Audio…

Indrayana: Lecker.

Gallagher: Notwendig … Der Name stammt eher von Indras Seite. Er ist der Kaffeenerd und ich bin Kaffeenerd im Training.

Indrayana: Ich hätte fast den Audiobereich in Indonesien aufgegeben und mein eigenes Café aufgemacht. Kaffee ist auch seit langem eine Leidenschaft von mir. Irgendwann mal habe ich eine Barista-Ausbildung gemacht.

Das Wetter in Hamburg.

Indrayana: Grau!

Gallagher: Verbesserungswürdig.

Lieblingsstadtteil in Hamburg.

Gallagher: Die Speicherstadt.

Indrayana: Ganz ehrlich: Horn. Ich habe da den Großteil meines Hamburger Lebens gewohnt. Ich fühle mich da wirklich zu Hause.

„Wenn es schiefgegangen wäre, hätte ich zurück gehen müssen.“

Das erste Jahr als Gründer.

Gallagher: Schwer. Fehler…

Indrayana: Ich würde mal sagen, ich habe mein Leben damit riskiert. Ganz viele Start-ups haben mit etwas Kapital angefangen. Wir haben angefangen mit Null. Wenn es schiefgegangen wäre, hätte ich vermutlich sofort zurück nach Indonesien gehen müssen, weil ich kein Geld mehr gehabt hätte. Also Risiko. Und Traum. Es war schon lange ein Traum von mir, mich selbstständig zu machen.

Gallagher: Und auch Spaß und Erfahrung. Es ist auch eine gute Lernumgebung. Wir hatten am Anfang kaum Erfahrung bei betrieblichen Fragen. Wenn man da Fehler macht, muss man entweder schnell daraus lernen oder geht deshalb unter.

Überstunden.

Gallagher: Nicht gezählt.

Indrayana: Mache ich gerne. (lacht)


Wer als Studierender der HAW Hamburg Interesse an einer eigenen Gründung hat, kann sich beim Gründungsservice beraten lassen. Zudem werden Workshops angeboten und es gibt die Möglichkeit, sich für Gründungsräume zu bewerben.

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