Das beliebteste Mittel gegen Einsamkeit während der Corona-Krise ist das Smartphone. Auch das iPhone von Oma Margret Schröder steht selten still. Beim Nachmittagskaffee erklärt die 77-Jährige, wie sie dank Digitalisierung auch 14 Tage Quarantäne überstand.

Roter Pony, blondes Haar. Die pinken Nägel mit Blumenmuster umschließen das rosefarbene iPhone, während sie auf der Terrasse sitzt und sich sonnt. Keine neue Nachricht ist eingegangen. Trotzdem entsperrt sie den Handybildschirm, einfach aus Gewohnheit. Das Gerät hat schon lange nicht mehr geklingelt. Das passiert normalerweise oft. Dann meldet sich eine Stimme, die fragt, ob sie noch mit in die 23-Uhr-Vorstellung ins Kino kommt. Wer würde da denken, dass Margret schon 77 Jahre alt ist?

Die gebürtige Hamburgerin schenkt sich einen frisch gebrühten Kaffee ein und setzt sich auf die Terrasse. Der Fernseher läuft im Wohnzimmer. Die Stimmen dringen durch die geöffnete Tür nach draußen. Sie klingen dramatisch neben dem Vogelgezwitscher. Dabei kann Margret gerade gar kein Drama gebrauchen. Eher gute Unterhaltung. „Lachen ist jetzt ganz wichtig, ich bin ja manchmal auch so ne doofe Nudel.“ Manchmal braucht sie das „Gebabbel“ aus dem Fernseher, damit noch irgendwelche Stimmen da sind. So wie andere Musik laufen lassen.

Ohne Smartphone, ohne Oma

Seit einigen Wochen gilt in Hamburg Kontaktverbot. Margret ist seitdem meistens allein. Einsam fühlt sie sich trotzdem nicht. „Es sind doch alle noch da, nur halt hier drin. Ich kann schreiben und anrufen.“

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

„Bing!“

Waltraud hat zurückgeschrieben. „Ich sehe immer die blauen Häkchen, dann weiß ich: Ah, sie hat’s gelesen und antwortet gleich.“ Margret ist ganz aufgeregt, wenn ihr Handy klingelt. Wie ein Teenager, der nachschaut, ob der Schwarm schon geschrieben hat. Bei Margret sind es ihre Freunde, die sie neugierig machen.

Trotz ihrer 77 Jahre kann man Margret gut mit einem Wort beschreiben: flott. Die Freunde ihrer Enkel finden sie „fresh“.  Ein Kompliment einer Generation, in derer digitalen Welt sie sich bestens auskennt. Google Maps, Facetime oder die HSV-App, Margret tippt sich ganz selbstverständlich durchs Angebot. Ihre Enkel haben ihr alles beigebracht, und das macht sie sehr stolz. „Jeder sollte das lernen, das gehört dazu“, meint sie. Aber nicht jeder will. Ihre Schwester etwa wehrt sich hartnäckig.

Quarantäne ist schrecklich

Nicht an jedem Tag war sie so gut drauf wie heute, denn zwei Wochen lang musste die Hamburgerin in Quarantäne. Ihr „Mitbewohner“ hatte Kontakt zu einer Person, die sich mit Covid-19 infiziert hatte. Seitdem Margrets Mann verstorben ist, wohnt sie mit ihrem Enkel zusammen. Er studiert Medizin, und ein Kollege im Krankenhaus wurde positiv auf das Virus getestet.

Während der Quarantäne haben sich Margret und ihr Enkel nicht gesehen: Sie blieb in der unteren Etage des Hauses, er in der oberen. Er war der Gefangene, der nur heraus kam, um das auf die Treppe gestellte Essen abzuholen und schnell in seine Zelle zurückzukehren. Margrets Tochter hat die Einkäufe vor die Tür gestellt. Sie habe ihrer Mutter durch die Fensterscheibe zugewunken und später angerufen. Margret habe sich „giftig“ gefühlt. „Sowas will ich nie wieder erleben.“

Sie klopft auf den Tisch und jubelt: „Toi toi toi, wir haben das Virus nicht und ich bin heilfroh!“ Angst vor der Krankheit habe sie trotzdem nicht. Schließlich sei sie fit und habe sehr auf sich geachtet. Auch als es hieß, Ibuprofen sei gefährlich bei Corona-Verdacht. Sie trinkt einen Schluck Kaffee. „Die habe ich schön brav abgesetzt, auch wenn ich Schmerzen in der Kniescheibe habe.“

Digitalisierung hilft, menschlicher Kontakt ist besser

Der Supermarkt, der Gang in die Apotheke, die kleinen Gespräche – diese Sachen fehlen Margret im Alltag. Auch wenn sie es nicht gut findet, dass viele ältere Menschen weiterhin selbst einkaufen gehen, kann sie es verstehen: „Mit den Leuten zu reden, ein ‚Hallo Frau Schröder‘ loszulassen, da fühlt man sich nicht wie auf dem Abstellgleis.“

Deshalb arbeitet Margret auch noch gerne im Familienbetrieb. Ihr Mann und sie gründeten damals ein Unternehmen für Kältetechnik, das heute ihre Tochter führt. Dort ist Margret im Kundenservice tätig. Und auch zu Hause wird ihr selten langweilig. Sie lacht und sagt: „Andere haben es schlimmer.“ Sie könne ja im Garten puzzeln.

„Das ist gerade so wie bei der Fußball-WM“

Margret spürt einen Zusammenhalt während der Corona-Krise. So wie damals, als die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland stattfand, sagt sie. Die Menschen seien nett und freundlich und zögen an einem Strang. Nicht um den Titel zu holen, sondern um das Virus zu bekämpfen. Der Ton wird ernster, sie guckt zum Nachbarn rüber: „Das Gefühl wird sich aber auch wieder verlieren. Jeder ist nachher wieder für sich und fährt die Ellbogen aus.“ Schnell ist wieder ein Lächeln auf ihren Lippen und sie streckt den Kopf in Richtung Sonne. „Egal, ich hoffe, das bleibt.“

„Bing!“

Sie greift zum Handy und zieht die Augenbrauen hoch: Eine neue Nachricht von ihrer Tochter. Musik scheppert aus den kleinen Lautsprechern des Geräts. „Die schickt mir jetzt immer so Videos von Tic-Tac-Toe oder wie das heißt. Das will ich auch haben.“ Sie meint die gerade so beliebte Social-Media-App „TikTok“. Es dauert keine Sekunde, da hat sie das Video schon weitergeschickt.

Titelbild: Melissa Körner