Die Isolation belastet vor allem psychisch kranke Menschen – wie Leon. Positiv auf Covid-19 getestet, ging es für ihn von der Therapie direkt in Quarantäne.

Das Coronavirus beendete Leons (Name von der Red. geändert) stationäre Psychotherapie von jetzt auf gleich. Die Pandemie macht es ihm in einem seiner verletzlichsten Momente unmöglich, die Hilfe zu bekommen, die er braucht. „Es war, als wäre ich auf dem OP Tisch aufgeschnitten worden. Und dann – emotional komplett offen – wurde ich, ohne wieder zugenäht zu werden, nach Hause geschickt“, sagt er. Es ist der 25. April. Leon steht bereits seit knapp drei Wochen unter strenger Quarantäne. Er ist Covid-19 positiv und mit sich und seiner psychischen Krankheit ganz allein.

Von der Therapie direkt in die Quarantäne

In der vergangenen Therapie habe er die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung erhalten, erzählt Leon. Dadurch funktioniere sein Nervensystem anders als das der meisten Menschen. Der Erregungsbereich, in dem er sich wohlfühlt, sei wesentlich kleiner als bei Personen ohne Trauma. „Im Klartext heißt das: Ich bin seit Jahren drüber“, sagt er.

Diese ständige psychische und körperliche Überlastung fordert ihren Tribut. Leon hat Schlafstörungen, Panikattacken, leidet unter andauernder Anspannung und Erschöpfung. Während seiner letzten stationären Behandlung machte er Fortschritte, hatte sogar einen wichtigen Durchbruch. Es lief gut. Bis in der Rehaklinik das Coronavirus ausbrach und er sich infizierte.

Die größte Sorge galt seiner psychischen Gesundheit

Wir facetimen. Leon lacht. „In Hamburg scheint man die Ausgangssperre nicht so ernst zu nehmen“, sagt er. In seiner Belustigung schwingt auch etwas Neid mit. Bei unserem Videoanruf kann er kaum fassen, dass manche Hamburger in der Parkanlage Planten un Blomen ganz unbeschwert Sonne tanken. Er grinst und schüttelt den Kopf. Im nächsten Moment: Stirnrunzeln. Ihm fällt wohl ein, dass er nicht nur geografisch sehr weit von einem sonnigen Frühlingstag in diesem Park entfernt ist.

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Coronakrise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Leon sitzt auf dem Bett seines alten Kinderzimmers im baden-württembergischen Winnenden. Das iPad auf dem Schoß. So saß er die letzten 20 Tage sehr oft da. Über die willkommene Ablenkung unseres Interviews scheint er sich zu freuen. Er sieht gut aus, ausgeruht, überhaupt nicht krank. Trotzdem hat das Virus tiefe Spuren bei ihm hinterlassen. „Körperlich ging es mir noch nie so schlecht. Ich lag da und habe einfach nur versucht zu atmen“, sagt er.

Für gewöhnlich bringt Leon seinen Körper sogar nach einem harten Tag noch beim Thaibox-Training an seine Grenzen. Dass sein Körper ihn durch das Virus so im Stich ließ, erschreckte ihn. Er denkt lange nach, bevor er auf meine Frage antwortet. Nein, Angst Intensivpatient zu werden, habe er zu keinem Zeitpunkt gehabt. Vielmehr habe er sich um seine geistige Gesundheit gesorgt.

Mit seinen 25 Jahren war Leon bereits mehrmals in psychischer Behandlung – ambulant und stationär. Phasenweise ließen die riesigen dunklen Schatten unter seinen müden Augen erahnen, dass ihn etwas quält. Zu anderen Zeiten wäre niemand auf die Idee gekommen, hinter seinem stets euphorischen, selbstbewussten und charmanten Auftreten Probleme zu vermuten. Auch jetzt, wo es ihm körperlich wieder gut geht, scheint ihm die Quarantäne auf den ersten Blick nicht viel auszumachen. Er lacht. Macht Witze. Rät ihm jemand, er solle versuchen, die Dinge positiv zu sehen, antwortet er schlagfertig: „Ich BIN positiv! Das ist medizinisch nachgewiesen.“

Doch in seinem aufgekratzten Lachen liegt Erschöpfung. Die letzten Wochen waren hart. Seine gute Laune ist nicht echt. Er weiß das. Denn das ist es, was Leon seit Jahren macht: sich ablenken, Dinge wegschieben, Gefühle unterdrücken.

Das Virus zwang ihn zur Ruhe

Dann lässt er doch noch einen Blick hinter die Fassade zu, spricht offen und selbstsicher über seine Probleme und die Quarantänezeit. Überrascht habe ihn der positive Corona-Test nicht. Symptome wie Atemnot und starke Schwindelgefühle sprachen für sich. Sein erster Gedanke, als klar war, dass er wochenlang krank zu Hause sein würde, ohne Sport oder soziale Kontakte: „Das wird der pure Stress“, sagt er.

Die erste Woche sei die schlimmste gewesen. Leon war frustriert, tat sich schwer damit die Quarantäne hinzunehmen. „Irgendwann musste ich einsehen, dass ich keine andere Möglichkeit hatte als radikale Akzeptanz“, sagt er. Auf die Warnsignale seines Körpers hat Leon seit Jahren nicht gehört. Doch seine Coronasymptome ließen ihm keine Wahl. Ruhe war angesagt. Dafür musste er seinen „inneren Kritiker zur Seite schieben“. Als er das sagt, muss er lachen, „weil es so einfach klingt“. Wieviel Kraft ihm das abverlangt hat, ist schwer nachzuvollziehen. „Ab diesem Punkt ging es bergauf.“

„Ich bin frei!“ – und nicht mehr allein

Nach genau drei Wochen darf Leon wieder raus. Er hat das Coronavirus überstanden. Rückblickend kann er dem Virus auch etwas Positives abgewinnen. „Ich habe krass viel gelernt. Zum Beispiel Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann – wie die erzwungene Pause durch Corona“, sagt er.

Vier Wochen später: Zurück in die abgebrochene Therapie konnte Leon nicht. Er musste sich erst nochmal um die Aufnahme in der stationären Behandlung bewerben. Und es hat geklappt. Ende Mai darf Leon wieder in die sechswöchige Therapie. „Ich kann dann an dem Punkt weitermachen, an dem ich aufhören musste.“

Die Corona-Krise belastet dich psychisch? Hier findest Du Hilfe

Du leidest unter Ängsten, Depressionen oder gar suizidalen Gedanken? Während der Pandemie bieten dir verschiedene Anlaufstellen ihre Hilfe an. Die Telefonseelsorge erreichst du unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 rund um die Uhr. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist unter 0 800 / 777 22 44  täglich von 8 bis 20 Uhr in Corona-Krisenzeiten erreichbar und berät. Alle Angebote sind anonym und kostenlos. Auf der Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung findet sich zudem ein Überblick über Unterstützungs- und Beratungsangebote.

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