In Hamburg ist das Autokino zurück. Was früher als intimes Filmerlebnis galt, soll den Menschen heute ein sicheres Kinoereignis bescheren: Trotz Corona-Regeln sind viele Teilnehmer*innen erlaubt. Ist der Retro-Charme auf Rädern noch zeitgemäß?

Hunderte Autos stehen vor einer Wand aus 30 gelben Containern. Auf der Vor- und Rückseite hängt je ein riesiger LED-Bildschirm. In wenigen Wochen haben die Zeise Kinos gemeinsam mit der Bergmanngruppe, eine Hamburger Event-Agentur, das Projekt „Bewegte Zeiten – Das Autokino für Hamburg“ auf die Beine gestellt. Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld ist jetzt eines von mehreren jüngst eröffneten der Stadt.

Das Auto als Virenschutz

„Beim Autokino können wir Menschen zu einem gemeinsamen Erlebnis zusammenführen und sämtliche Gefahren einer zu engen Begegnung der Besucher ausschließen“, sagt Sabine Vogt, Leiterin der PR- und Kommunikationabteilung der Bergmanngruppe.

Autokino in Hamburg auf dem Heiligengeistfeld
Die Bildschirme hängen an einer Wand aus gelben Containern. Foto: Linda Proske

Im eigenen Auto minimiert sich der Kontakt zu anderen Besuchern. Das mindert das Risiko einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. Besonders gefährdete Personen können das Filmerlebnis sorgloser genießen. Vorausgesetzt sie haben ein Auto.

Anders als im Kinosaal ist hier jede*r für sich. Dennoch findet Jann Kemper, ein Besucher des Autokinos: „Man merkt schon ein Gefühl von Gemeinschaft, man fühlt sich nicht einsam. Im normalen Kino kommt man ja mit den anderen Kinobesuchern auch nicht unbedingt ins Gespräch.“

Stille trotz Großevent

Am Eröffnungsabend parkt eine beindruckende Menge von Autos im Halbkreis um die LED-Bildschirme. Immer leicht versetzt, damit alle durch ihre Windschutzscheibe den Film sehen können. „Wir sind hier ganz viele Menschen, aber man hört fast nichts“, begrüßt Thorsten Weis von der Bergmanngruppe bei der Premiere am 6. Juni das Publikum.

500 Autos sind angerollt: Rund 300 platzieren sich vor Kino eins, 200 vor Kino zwei. Die Filme starten zeitversetzt, der Ton läuft jeweils über eine Radiofrequenz. So wird Lärm vermieden. Die Motoren sind während des Films aus. Außerhalb der Fahrzeuge herrscht tatsächlich Stille. Aussteigen darf nur, wer die Toilette aufsuchen muss.

Autokino in Hamburg
Hunderte Besucher*innen genießen den Retro-Charme. (c) www.bergmanngruppe.de / Foto: Thomas Panzau

Manchmal wird gehupt. Anwohnerin Greta M. hört bislang nichts: „Wir kriegen immer mit, wenn was auf dem Heiligengeistfeld abgeht oder wenn im Millerntor-Stadion etwas los ist. Vom Autokino haben wir bisher gar nichts mitbekommen.“ Vor Corona fand auf dem Platz regelmäßig der Hamburger Dom statt.

Kinoerlebnis statt Netflix

Frisches Popcorn im Autokino
Frisches Popcorn und Getränke werden ans Auto gebracht. Foto: Linda Proske

Die Anfahrt erfolgt über die Glacischaussee. Am Eingang weisen Ordner*innen einen sofort ein. Ein Stau entsteht am Eröffnungstag nicht. Binnen zehn Minuten ist man auf seinem Stellplatz – und nach Filmende auch wieder auf der Straße.

Wie gewohnt gibt es sogar Snacks und Getränke: Entweder man bucht das „Snack-Büdel“ zum Ticket oder man stoppt spontan einen Bollerwagen ab, der durch die Autoreihen gezogen wird – quasi „der Eismann“ des Autokinos. Auf Wunsch reichen die Verkaufenden frisches Popcorn durch die halb geöffnete Fensterscheibe.

Zwar sind die Filme, die gezeigt werden, nicht neu. Trotz Streaming-Diensten sehnen sich in Corona-Zeiten aber viele nach einer Abwechslung. „Ich wollte mal wieder rauskommen. Netflix gab es in den letzten Wochen genug“, sagt Jann Kemper.

Comeback nach 17 Jahren

Das letzte Autokino in Hamburg musste 2003 schließen. Damals forderte die Umweltbehörde eine Sanierung des Geländes in Billbrook, da dort Gase an die Oberfläche drangen. Für den damaligen Kinobetreiber finanziell nicht machbar – das Aus für das Autokino mit seinen 468 Stellplätzen.

„Autokino ist ein ganz anderes Kinoformat, das Nostalgie und Romantik verspricht. Viele Hamburger haben das in ihrem Leben noch nie erlebt“, sagt Sabine Vogt. Neben dem Autokino auf dem Heiligengeistfeld gibt es in Hamburg beispielsweise noch das Autokino Cruise Inn und das LOTTO Hamburg Autokino.

Auf Anfrage haben sich sowohl der NABU als auch Befürworter*innen einer autofreien Innenstadt nicht zu dem neuen Autokino in der Innenstadt geäußert. Dieses ist auch nur bis Ende August geplant. Sollten sich Autokinos in Hamburg etablieren, werden sie sich möglicherweise nicht mehr so ruhig verhalten.

Titelbild: (c) www.bergmanngruppe.de / Foto: Thomas Panzau

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Wenn sie etwas sagt, hören Schauspieler*innen ganz genau zu: Linda Proske, Jahrgang 1995, rettet im Theaterverein regelmäßig als Souffleuse den Abend. Herausforderungen nimmt sie an: Eigentlich trainierte sie auf einen Halbmarathon, da waren die Startplätze allerdings vergeben. Daher lief sie gleich den Hamburger Marathon. Für ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaft zog sie von Rostock an der schönen Ostsee quer durch Deutschland in den Kessel nach Stuttgart. Mit einem Praktikum bei ProSiebenSat.1 erfüllte sich für Linda ein Kindheitstraum. Dort textete sie für „Galileo“ die Werbetrailer. Im Studio traf sie Bully Herbig, der grüßte sie zwar nicht, Thore Schölermann aber schon. Zurück im Norden schrieb sie Werbetexte für Kühne, „die mit den Gewürzgurken“. Die Unterscheidung zwischen Salat- und Gewürzgurken ist ihr daher besonders wichtig. Ihr Lieblingsdrink ist naheliegend: Gin Tonic. Kürzel: lip

2 KOMMENTARE

  1. […] Eine Lücke füllen Autokino-Angebote, die auch in Hamburg eröffnet wurden. So bleibt das Kino immerhin im Bewusstsein der Menschen. Es werde aber wohl ein coronabedingte Alternative bleiben, die es nach der Pandemie nicht mehr geben wird, so Elbwardt. „Dafür ist das zu aufwendig und zu teuer.“ Das Zeise-Kino hatte das Autokino auf dem Heiligengeistfeld mitorganisiert. […]

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