Sébastien Lifshitz erzählt die Geschichte der Casa Susanna, einem längst vergessenen Safe Space für Crossdresser, die im nahegelegenen New York ihre weibliche Identität in den 50er- und 60er-Jahren nicht leben konnten.

In den Catskills, eine Autostunde entfernt von New York City, fanden Crossdresser in den 50er- und 60er-Jahren einen sicheren Rückzugsort zu einer Zeit, als Männer in Frauenkleidung noch strafrechtlich verfolgt wurden. In einem idyllisch gelegenen Wochenendhaus, vor fremden Blicken geschützt, aßen sie in Cocktailkleidern zu Abend, verrichteten Hausarbeit in Pumps und lebten ihre weibliche Identität aus. Die Proteste rund um das Stonewall Inn in der Christopher Street und die damit verbundene Bewegung für die Gleichberechtigung queerer* Menschen ließen noch ein Jahrzehnt auf sich warten.

60 Jahre später ist dieses Wochenendhaus in den Catskills verlassen und die Welt um einiges weiter. Der französische Regisseur Sébastien Lifshitz hat der Casa Susanna mit seiner gleichnamigen Dokumentation ein filmisches Denkmal gebaut. Darin lässt er die ehemaligen Bewohnerinnen Diane und Kate, die heute als Frau leben, in die Berge fahren und dort ihre Geschichte erzählen.

Das Konzept funktioniert: Der Dokumentarfilm verzichtet auf schulische Elemente und führt nicht explizit in das Thema Transidentität ein, wie es oft bei Dokus zur LGBTIQ* Community der Fall ist. Und auch erleben die Zuschauer*innen keine Skurrilitätenschau, sondern eine sensible Reise der Protagonistinnen Diane und Kate zurück in ihr damaliges Doppelleben und ihren eigenen Weg zur Transition.

Doppelleben unter Pseudonym

Die Casa Susanna war der Zufluchtsort, an dem das Leben Wirklichkeit wurde, das in der Stadt unter Strafe stand. Die Herausforderungen dieses Doppellebens werden etwa am Beispiel des verstorbenen Donald A. Wollheim deutlich. Der Science-Fiction-Autor und Verleger verbrachte regelmäßig Wochenenden in der Casa Susanna. Seine Erfahrungen veröffentlichte er unter dem Pseudonym Darrell G. Rainor im Buch „A Year Among The Girls“.

Frauen in Kleidern posieren für ein Gruppenfoto
Die Bewohner*innen der Casa Susanna kleideten und schminkten sich betont elegant. Foto: Agat Films

Seine Tochter Betsy Wollheim erinnert sich im Interview, wie ihre Eltern sie jedes Jahr ins Sommercamp brachten, damit ihr Vater die Wochenenden in der Casa Susanna verbringen konnte. Dass Filmemacher Lifshitz sie gewinnen konnte, ist eine Bereicherung für den Dokumentarfilm: Wollheim schildert, stellvertretend für ihren verstorbenen Vater sowie aus der Perspektive einer Tochter, wie hoch sein innerer Leidensdruck gewesen sein muss, nicht als Frau leben zu dürfen.

Emotional erzählt die ansonsten eher nüchtern wirkende Betsy, dass ihr Vater depressiv war und unter Stimmungsschwankungen litt. Dass er sich in seinem Körper nicht wohl fühlte, bekam sie zu spüren, als sie in ihre Pubertät kam. Unter Tränen berichtet sie von seinen kränkenden Kommentaren über ihren Körper. Erst später wurde ihr klar, dass ihr Vater die Ablehnung seines eigenen Körpers auf sie projizierte.

Queere Filmkunst ohne Stereotype

„Casa Susanna“ ist ein dokumentarischer Gegenentwurf zur schrill inszenierten queeren Lebenswelt so mancher Serien und Filme. Die schnippische Drag Queen gehört dort genauso wenig zum dramaturgischen Repertoire wie der schwule Frisör. Die erhaltenen Fotografien aus der Casa Susanna zeigen weibliche Normalität: Die Bewohner*innen kleideten sich elegant wie Frauen aus der Mittelschicht, die sich für eine Cocktailparty zurechtmachen, sich mit Freundinnen treffen oder Sonntags essen gehen.

Lifshitz lässt seinen Protagonist*innen viel Raum und Zeit. Sie erzählen ihre Geschichten eindrucksvoll und emotional, ohne Pathos. Stellenweise wirken die Fahrten durch das bergige Land inszeniert. Vielleicht möchte Lifshitz damit die Idylle greifbar machen, die der Rückzugsort für seine Gäste darstellte.