Rezension Serviam - Ich will dienen: Die Schwester sitzt als einzige Klosterangehörige zwischen bunt gekleideten Eltern
Die Schwester kämpft gegen den Niedergang des Glaubens. Foto: EPO-FILM PRODUKTIONSGES.M.B.H.

Ruth Maders Thriller „Serviam – Ich will dienen“ spielt in einem katholischem Mädcheninternat nahe Wien in den 1980ern. Eine junge Schwester kämpft gegen den Untergang des Glaubens – und nährt den Fanatismus ihrer Schülerinnen.

Dieser Film ist schwere Kost. Er drückt 106 Minuten lang aufs Gemüt. Sobald die Lichter im Kinosaal ausgehen, zieht „Serviam“ die Besucher*innen mit bedrohlich anschwellender Musik in eine Welt des religiösen Fanatismus hinab – in ein katholisches Mädcheninternat in den 1980er Jahren.

Religiöser Fanatismus ist unabhängig von der Glaubensrichtung schwer zu ertragen, nicht zuletzt, weil er immer wieder in Anschläge gegen Andersgläubige gipfelt. Eine zusätzlich verstörende Komponente im Film „Serviam – Ich will dienen“ ist, dass hier Kinder fanatisch glauben. Martha, die zwölfjährige Lieblingsschülerin einer Schwester, die im Film namenslos bleibt, ist auf nichts so stolz wie auf ihre entzündeten Wundmale am Bauch, die vom Tragen eines Bußgürtels stammen. Dennoch befürchtet sie, nicht genug für ihren Glauben zu tun.

Genährt wird die toxische Situation durch eine erstaunliche Ignoranz sämtlicher Erwachsener im Umfeld der Kinder. Die Rolle der gut situierten Eltern beschränkt sich darauf, die Kinder mit ihren Luxusautos im Internat abzusetzen. Der Campus ist penibel sauber angelegt, es gibt Tennisplätze, ein Klavier – was will man mehr. Ein System, in dem Prestige mehr zählt als das Wohlergehen der einzelnen, beschwört das Unheil herauf. In dieser Welt wird kaum gesprochen. Im Film ebenso.

Rezension Serviam - Ich will dienen:Die Schwester sitzt in einem Raum, Martha legt ihren Kopf in ihren Schoß
Dialoge sind selten und beschränken sich häufig auf den Glauben. Foto: EPO-FILM PRODUKTIONSGES.M.B.H.

Autobiografisches und Eastereggs aus der Bibel

Sowohl Regisseurin und Autorin Ruth Mader, als auch Co-Autor Martin Leidenfrost sind in katholischen Internaten zur Schule gegangen. Teile des Films wurden in Maders alter Schule gedreht. Der geschlossene fünfte Stock, der Speisesaal sowie das Verlangen nach Gehorsam sind im Film und in ihrer Erinnerung verankert.

Wer bibelfest ist, erkennt die Querverweise: Um das Zusammenspiel von Glaube und Zweifel zu erklären, spricht die namenlose Schwester Worte aus einem Text von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Animationen von blutenden Schafen und knochendürren Pferden verweisen auf die Offenbarung des Johannes. In einer Szene trifft die Schwester den Vater einer Schülerin, der ihr Gespräch mit „Non serviam“ beginnt – und sich damit als Teufel zu erkennen gibt.

Rezension Serviam - Ich will dienen:Eine Animation eines dürres, weißes Pferdes, das durch eine Mondlandschaft läuft
Im Film finden sich immer wieder Animationen mit Bezügen zur Bibel. Foto: EPO-FILM PRODUKTIONSGES.M.B.H.

Gewalt wird angedeutet, nicht gezeigt

Auch wenn wir uns in einer katholischen Einrichtung in den 1980er-Jahren befinden:  Sexueller Missbrauch wird in „Serviam“ nicht einmal unterschwellig behandelt. Trotzdem ist Gewalt ein Thema – etwa in Form von blauen Flecken an Kinderkörpern. Auch wenn damals körperliche Gewalt als Erziehungsmaßnahme in Internaten bereits verboten war, in Privathaushalten fand sie oft noch statt. Als daher Schülerin Alexandra von der Schule verwiesen wird, bringt sie sich in der selben Nacht um. Die Zwölfjährige begeht lieber Suizid, statt ins gewaltvolle Zuhause zurückzukehren.

Ein Plädoyer für den Glauben?

„Serviam“ bietet Einblicke in einen Mikrokosmos, den es heute so nicht mehr geben könnte: Geschlechtergetrennte Erziehung ist mittlerweile in Österreich verboten. Katholische Internate gibt es kaum mehr.

Für Ruth Mader ist der Film ein Plädoyer für den Glauben, der einen Gegenpol zur Oberflächlichkeit der Oberschicht darstellen soll. Für diese dient er allenfalls als Mittel zum Zweck, den Nachwuchs in einer geregelten und prestigeträchtigen Umgebung aufwachsen zu lassen. Schwer nachvollziehbar – ja, vielleicht.

Unabhängig davon, ob man Ruth Maders Interpretation zustimmt, fesselt die düstere Atmosphäre. „Serviam“ ist ein Film, den man voller Konzentration schaut. Er lässt zeitgleich viel Spielraum für eigene Gedanken zu. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit komplexen Charakteren, starkem Schauspiel und einer Beklommenheit belohnt, die einen selbst nach Verlassen des Kinos noch eine Weile beschäftigt.