In Hamburg leben 3700 Menschen ohne Wohnung – und damit auch ohne einfachen Zugang zu einer Dusche. Das gemeinnützige Unternehmen GoBanyo hat deshalb einen mobilen Duschbus gebaut. Ein Besuch vor Ort.

Ein Mann mit einem vollbepackten Rucksack läuft herbei. Er ist schätzungsweise 40 Jahre alt. Eine Isomatte ist seitlich an seinem Gepäckstück verzurrt. Er lehnt seine Sachen an den Pavillon, der vor dem bunten Bus steht. Carola gibt ihm ein Handtuch, Unterwäsche und Socken. Deo, eine frische Hose und ein T-Shirt sucht sich der Gast selbst aus. Das meiste stammt von Hanseatic Help, einem gemeinnützigen Fundus. Der Mann schaut auf den Boden. Carola stellt die Stoppuhr für Kabine Drei. Man hört es brummen – dann prasselt leise ein Wasserstrahl auf den Boden.

Das gemeinnützige Unternehmen GoBanyo hat einen alten Linienbus der Hamburger Hochbahn zu einem rollenden Badezimmer umgebaut. Auf der Fahrtziel-Anzeige steht „GoBanyo – Der Duschbus“ und ein kleines Duschsymbol. Seit 2019 sollen rund 35.000 Menschen im Bus an den Standorten Hauptbahnhof, Millerntor und Altona geduscht haben, sagen die Initiator*innen. „Wir verstehen uns dabei nicht als Ersatz für öffentliche Infrastruktur, sondern als ergänzendes Angebot“, so Jana Weiland, Ehrenamtskoordinatorin von GoBanyo.

Diesmal steht der bunte Bus im Schatten des Altonaer Rathauses. Jede Duschkabine hat Toilette, Dusche, Waschbecken, Spiegel und ein wasserdichtes Schließfach mit Steckdose. Eine Kabine hat genügend Platz für Rollstuhlfahrer*innen. Nach 15 Minuten klingelt die Stoppuhr. Carola klopft an Kabine Drei. „Noch fünf Minuten“, sagt sie. Nach der Dusche sortiert der Gast seine Sachen routiniert in die dafür vorgesehenen Behälter. Unterwäsche und Socken werden entsorgt, die restlichen Klamotten gewaschen und erneut verwendet.

Einer der ehrenamtlichen Helfer steigt in einen blauen Laboranzug, zieht ihn bis oben hin zu und stülpt sich die Kapuze über den Kopf. Dann zieht er eine FFP2-Maske auf und lange gelbe Putzhandschuhe an. Das Team trage dies, um sich vor eventuellen Krankheiten zu schützen, schreibt GoBanyo auf Rückfrage von FINK.HAMBURG. Nach der Reinigung riecht es nach Shampoo und Putzmittel. Es ist „ein bisschen wie eine Dampfsauna“, sagt Robin Peters. Das Wasser für die Reinigung habe 80 Grad Celsius.

Empfang des Duschbus: Regal mit Boxen, in den verschiedenste Hygieneartikel sind.
Ausgabe der Hygieneartikel vor dem Duschbus. Foto: Olivia Schork

Duschbus in Altona

„Unsere Aufgabe ist es, das Duschen zu ermöglichen“, sagt Betriebsleiterin Ayşe Senyigit. „Es geht aber auch darum, den Menschen zu zeigen, dass wir sie sehen“, so Ayşe Senyigit weiter. GoBanyo ist ein Gemeinschaftsprojekt der Organisationen Viva con Agua, Hanseatic Help und Clubkinder e.V. sowie sechs Privatpersonen. Finanziert wird es hauptsächlich durch Spenden. Das Wort “Banyo” bedeutet in mehreren Sprachen Badezimmer oder Dusche – auf Albanisch, Türkisch, Filipino, Spanisch, Bulgarisch, Italienisch und Portugiesisch.

Robin Peters geht mit einer Kabeltrommel in den Keller des Rathauses und schließt den Duschbus an den Strom an. Dieser wird für die Heizung gebraucht, um das Wasser im Boiler zu erhitzen. Ein dumpfes Gebläse ist zu hören. Kraftstoff liegt in der Luft.

Hamburg und die Wohnungslosigkeit

Das Team ist an diesem Morgen zu viert, später zu fünft. Neben Ayşe Senyigit, ist noch Robin Peters, der gerade seinen Bundesfreiwilligendienst leistet anwesend; darüber hinaus Carola Paczensky, Doreen Vorwig und Ferenc Ellert – allesamt Ehrenamtliche.

Während die Pavillons aufgebaut werden, kommt ein Duschgast, vorbei. Ayşe Senyigit holt eine neonpink umrandete Tafel aus dem Bus und trägt seinen Vornamen ein. Insgesamt sind schon sechs Duschslots vergeben. Über den Tag verteilt können sich bis zu 24 Personen im Bus frischmachen.

In Hamburg gibt es 13 Tagesaufenthaltseinrichtungen (TAS) für Wohnungslose mit Dusch- und Sanitärmöglichkeit. Zusätzlich dazu gibt es die Möglichkeit für Wohnungslose in Notübernachtungsangeboten der Bahnhofsmission zu duschen. Rund 3700 Wohnungslose leben in Hamburg, heißt es im Wohnungslosenbericht des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) aus dem Jahre 2024.

Seit der vorherigen Zählung hat sich die Anzahl an Wohnungslosen innerhalb von sechs Jahren knapp verdoppelt. In der Zählung wurden Wohnungslose, die auf der Straße, in Zelten, in PKWs, in Abbruchhäusern und in Garagen leben, aufgeführt. Zudem wurden rund 1700 verdeckte Wohnungslose erhoben, die unter anderem bei Freunden und Bekannten unterkommen.

Auf Nachfrage von FINK.HAMBURG sagt eine Sprecherin der Sozialbehörde Hamburg, dass die Anzahl der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, sanitäre Einrichtungen zu nutzen, genügt. Sie sagt: “Unseren Kenntnissen zufolge sind die Kapazitäten ausreichend.” Jana von GoBanyo sieht das anders. “Das bestehende Angebote ist nicht ausreichend für viele von Obdachlosigkeit betroffene Menschen – sei es durch fehlende Kapazitäten, Öffnungszeiten, Zugangsbarrieren oder die Tatsache, dass Angebote nicht dort sind, wo Menschen sie tatsächlich benötigen”, so Jana Weiland.

Begegnen auf Augenhöhe

Die Mülleimer für die Klamotten und Handtücher sind zur Hälfte gefüllt. In einem haben sich neben Socken und Unterhosen auch leere Kaffeebecher und Zahnbürsten gesammelt. Während alle Duschkabinen belegt sind, unterhält sich Ayşe mit zwei Duschgästen. Sie trägt ihren blauen Putzanzug. Über den Standort Altona erzählt sie: „Hier ist es ein bisschen familiärer, würde ich sagen. Man kennt sich, man begrüßt sich, man macht Späße.“

Vor dem Duschbus: Mülleeimer zum Einsortieren der dreckigen oder entsorgbaren Klamotten.
Mülleimer für die entsorgbaren Klamotten. Foto: Olivia Schork

Viele von den Duschgästen in Altona kommen seit vielen Jahren zum Duschbus. Das Team kennt ihre Vornamen und teilweise auch ihr Leben. Einer von ihnen erzählt dieses Mal von seinem Job. Er sagt öfters: “GoBanyo ist meine Familie, schon seit vier Jahren.” Das Team hilft übers Duschen hinaus – spricht mit Behörden, Einrichtungen oder NGOs.

„Man kennt sich, man begrüßt sich, man macht Späße.”

Als Doreen Vorwig zu ihrer Schicht kommt, umarmt sie einige Gäste und fragt, wie es ihnen geht. Mit einigen redet sie auf Polnisch – in deren Muttersprache. „Diese Menschen werden oft nicht wahrgenommen, dadurch wird ihnen das Menschsein abgesprochen“, so Vorwig. Dem Bericht des BMWSB zufolge sind 60 Prozent der Wohnungslosen in Deutschland Beschimpfungen, Benachteiligung oder Ausgrenzung ausgesetzt, weil sie wohnungslos sind.

„Diese Menschen werden oft nicht wahrgenommen, dadurch wird ihnen das Menschsein abgesprochen.”

Leben auf der Straße

Ein neuer Duschgast steht am Eingang. Er zittert. Vielleicht wegen der Wunde an seiner Hand. Der kleine Finger blutet. Doreen bandagiert den Finger, aber bittet ihn, zum Krankenmobil am Hauptbahnhof zu gehen. Die Wunde sieht angeschwollen aus, irgendwie fleischig.

Laut der Erhebung des BMWSB gaben 48 Prozent der Wohnungslosen an, ihren gesundheitlichen Zustand weniger gut bis schlecht einzuschätzen. Manchmal kommt es vor, dass jemand auf der Straße stirbt. „Wenn du auf der Straße lebst, dann geht es eigentlich jeden Tag darum, dass du überlebst“, sagt Doreen. Sie hat erlebt, dass ein Stammgast von GoBanyo verstorben ist.

Seit Anfang 2026 bis einschließlich März sind 27 Wohnungslose in Hamburg gestorben, sagt eine Sprecherin der Sozialbehörde Hamburg auf Nachfrage von FINK.HAMBURG. Seit März gebe es eine neue Zählweise: „Erfasst werden nun gezielt Todesfälle im öffentlichen Raum, also außerhalb des Hilfesystems“, sagt die Specherin. Das bedeutet, dass Todesfälle in Krankenhäusern und Hilfseinrichtungen nicht mitgezählt werden.

Die neue Zählweise soll die Datenlage genauer machen, da gerade Krankenhäuser keine Auskunftspflicht haben – somit kam es in der Vergangenheit zu unvollständigen und nicht vergleichbaren Daten, so die Referentin der Sozialbehörde Hamburg.

Auch das Team von GoBanyo findet, dass möglichst genaue Daten über die Lebensrealität von Wohnungslosen wichtig sind. Allerdings sei nicht Sterbeort, sondern der Zusammenhang des Todes mit Obdachlosigkeit wichtig. „Wer nach Jahren auf der Straße an den physischen, psychischen oder sozialen Folgen dieser Lebenssituation verstirbt, sollte in der gesellschaftlichen Betrachtung nicht ausgeblendet werden“, so das GoBanyo-Team.

„Wenn du auf der Straße lebst, dann geht es eigentlich jeden Tag im Kern darum, dass du überleben musst.”

 Wenn Freunde sterben

Auch ein Stammgast von GoBanyo ist gestorben. Dimi wurde 50 Jahre alt. Seine Organ versagten. Er sei oft nur zum Reden zum Duschbus gekommen und sei ein Freund gewesen, so Doreen Vorwig. „Dimi war fürsorglich und warmherzig“, erzählt sie. Durch eine spät entdeckte Augeninfektion erblindete Dimi fast vollständig. Auf der Straße stürzte er und kam ins Krankenhaus. Dort verstarb er.

Vorwig erzählt, dass seine Freunde jeden Tag zum Krankenhaus gefahren seien, obwohl sie ihn nicht besuchen durften. Nur direkte Angehörige haben Zugang zur Intensivstation. Dimis Mutter lebt in Russland und wurde durch die Freunde ihres Sohnes auf dem Laufenden gehalten.

Dimi starb an Silvester. Bei der Beerdigung hielt ein Freund eine kurze Rede. Das Kreuz für das Grab hat GoBanyo über private Kontakte organisiert.  „Ich hätte mir gewünscht, dass die Welt ihm nur ansatzweise so wohlwollend begegnet wäre, wie er der Welt begegnet ist“, sagt Doreen Vorwig.

Olivia Schork, geboren 2000 in Frankfurt, heißt auch noch Carlota und Melba. Zum letzteren Namen inspirierte ihre Eltern eine Reise nach Kuba: Melba Hernandez war eine Revolutionärin aus dem inneren Kreis um Fidel Castro, die einst Kubas Frauengefängnisse leitete. Mit ihrer Namenspatronin teilt Olivia Freiheitsliebe und Mut: Schon mit zwölf Jahren trug sie einmal Attila, das Adlermaskottchen von Eintracht Frankfurt, auf ihrem Unterarm. Sie hat auch sonst so einiges ausprobiert: Cheerleading, Fußball, Surfen, Tennis, Hockey, Pilates, Yoga und Boxen. Zielgerichteter bewegte sie sich in Richtung Journalismus, beim Studium der Onlinekommunikation in Darmstadt und beim Hessischen Rundfunk, dort thematisch von Rap bis hin zu True Crime. Vielleicht schreibt sie für FINK bald mal etwas über das Hamburger Frauengefängnis. Kürzel: liv

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here