In Hamburg gibt es keinen einsatzbereiten öffentlichen Schutzraum. Wie der Zivilschutz im Kalten Krieg aussah – und wie er bald aussehen könnte.

Drei schnell an- und abschwellende Alarmtöne einer Sirene dröhnen durch die Gänge des Tiefbunkers Steintorwall. Menschen hocken zusammen auf sich gegenüberliegenden Bänken. Fünferreihen aus dunklem Holz mit Stahlverstrebungen, die zwischen Boden und Decke eingespannt sind – mit Sitzschalen, die aus einem Klassenzimmer stammen könnten. Die Gruppe sitzt ähnlich eng wie die Menschen über ihnen in den Zügen, die nur wenige Meter entfernt durch den Hamburger Hauptbahnhof donnern. Fremde Beine berühren sich. Die Köpfe liegen in dunkelgrauen Schaumstofflehnen. Als die Sirene verstummt ist für kurze Zeit nur noch das Pusten des Luftentfeuchters in der Ecke zu hören.

Ein Mann steht mit dem Rücken zum Betrachter am Fuße eines Abgang in einen Bunker. Auf seiner Jacke steht: "Hamburger Unterwelten".
Der Verein Hamburger Unterwelten bietet Führungen durch den Tiefbunker Steintorwall an. Foto: Moritz Kracht

Dominic Bauer (35) steckt das Handy, mit dem er den Alarm abgespielt hat, wieder ein und sagt laut: „Angefangen hätte alles wahrscheinlich damit.“ Er steht mit Schlauchschal um den Hals, ganz in Schwarz gekleidet, vor 25 Teilnehmer*innen einer Führung durch den denkmalgeschützten Tiefbunker Steintorwall. Der ehrenamtlich organisierte Verein Hamburger Unterwelten bietet diese Touren regelmäßig an und Dominic Bauer ist erster Vorsitzender. Ein Bund mit unzähligen Schlüsseln baumelt bei jeder Bewegung klirrend in seiner Hand. Heute führt er die Gruppe in zwei Stunden durch den Atombunker aus dem Kalten Krieg – und durch die Geschichte des zivilen Bevölkerungsschutzes in Hamburg.

Eine Zeitkapsel aus den Sechzigerjahren

Im Bunker wirkt die Zeit wie zurückgedreht. Handgemalte Beschriftungen und Wegweiser zieren die weißen Wände und sämtliche Gerätschaften: „Finger weg, Quetschgefahr“, „Zum 2.+3. Geschoss und Ausgang“, „ABC Filter – Blöcke nicht herausnehmen. Gefahr durch Strahlung!“ An vielen Schriftzügen ist noch die Bleistiftmarkierung zu sehen, die einmal zum akkuraten Ausmalen diente. Ein Streifen in heller, gelblich-grüner Leuchtfarbe an den Wänden zeigt auch bei Dunkelheit den Weg durch die engen Gänge.

In einem der Schlafsäle hallen die Stimmen der Gruppe, wie im gesamten Bunker durch ein kurzes, plärrendes Echo verstärkt. Einige der Teilnehmer*innen legen sich probehalber auf die dreistöckigen Schlafpritschen, die den gesamten Raum füllen. Ein Pärchen albert herum: Die Frau liegt auf der oberen Pritsche während sie der Mann von unten hochdrückt. „Hör auf“, ruft sie laut. Dann donnert es plötzlich dreimal. Alle verstummen und das Licht geht aus. Die Augen gewöhnen sich nur langsam daran, bis die dunklen Silhouetten anderer Teilnehmer*innen wieder erkennbar sind. Dominic Bauer hat gegen die Tür geschlagen und simuliert nun die Lichtverhältnisse bei Notstrom. Bei Benutzung hätte im Bunker ohrenbetäubender Lärm geherrscht: „Die Lüftungsanlage wär so laut gewesen, dass man sich hätte anbrüllen müssen“, sagt Bauer.

Schlafpritschen in einem Bunker.
Im Bunker hätten die Menschen in Acht-Stunden-Schichten geschlafen. Foto: Moritz Kracht

In den Katakomben der alten Schutzräume zeigt das Thermometer das ganze Jahr konstant zwölf Grad. Bei voller Besetzung hätten es allerdings an die 30 Grad bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit werden können. Die Anlage wurde während des Zweiten Weltkrieges erbaut und zum Zivilschutz genutzt. In den 60er Jahren wurde der Schutzraum zum Atombunker ausgebaut. Hier sollte im Falle eines nuklearen Angriffs auf Hamburg etwa 2700 Menschen für 14 Tagen das „primitive Überleben“ ermöglicht werden. Auf der Tour erzählt Dominic Bauer, wie das Bunkerleben dann ausgesehen hätte. Er spricht dabei stets im Präsens – fast so als sei dies eine Einführung.

FINK.HAMBURG war 2018 schon einmal bei einer Führung im Tiefenbunker Steintorwall dabei. Damals leitete René Rühmann die Führung und sagte: „Europa ist befriedet. Die einzige Gefahr, die uns noch droht, ist der Terrorismus und dafür brauchen wir keine Bunker mehr.“ Acht Jahre später muss man sagen: Die Einschätzung des befriedeten Europas ist leider überholt. Seit dem Beginn von Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine wird auch in Deutschland wieder über den Schutz der Zivilbevölkerung diskutiert.

Zivilschutz heute: Zufluchtsraum statt Schutzraum

Zu Zeiten des Kalten Krieges hatte Hamburg rund 80 öffentliche Schutzräume. Heute gibt noch 33 – und kein einziger ist einsatzbereit. Da drängt sich die Frage auf: Wie soll die Bevölkerung im Ernstfall geschützt werden?

Im Mai hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt angekündigt, dass bis 2029 zehn Milliarden Euro in den Zivil- und Katastrophenschutz fließen sollen. Klar ist: Die Bedrohungslage hat sich im Vergleich zum Kalten Krieg geändert. Schlagkräftigere und genauere Waffensysteme, kürzere Vorwarnzeiten im Ernstfall. Dadurch wird es wichtiger, im öffentlichen Raum und zu Hause schnell Schutz zu finden.

Zweier Sitzbänke in einem dunklen Bunker neben einer Wand mit der Aufschrifft: "Zum 2.+3. Geschoss und Ausgang"
Wegweiser ziehren die Wände im gesamten Bunker. Foto: Moritz Kracht

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt allen Bürger*innen, einen Notvorrat an Lebensmitteln und Getränken für mindestens zehn Tage zu Hause anzulegen. Dieser könne auch bei Stürmen oder Stromausfällen nützlich sein.

„Schutz sollen künftig öffentliche Zufluchtsräume (ÖZR) gewährleisten“, sagt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) FINK.HAMBURG. Öffentliche Infrastruktur wie Tiefgaragen, U-Bahnhöfe und Kellerräume, sowie ehemalige öffentliche Schutzräume sollen nutzbar gemacht und digital erfasst werden. Im Ernstfall sollen die Bürger*innen dann in der Warn-App NINA über nahegelegenen Schutzorte informiert werden. Die Hamburger Behörde für Inneres und Sport (BIS) sagt auf Anfrage von FINK.HAMBURG, dass die Erfassung möglicher Orte begonnen habe. Das BBK schreibt: „Ein konkreter Zeitpunkt zur Fertigstellung und anschließenden Veröffentlichung des Schutzraumkonzeptes kann derzeit nicht genannt werden.“

„Zivilschutz lebt von Übertreibung“

Dominic Bauer sagt: „Die Leute kommen teilweise mit der Erwartungshaltung, dass sie nun ihren Schutzraum besichtigen.“ Im Moment ist der Tiefbunker Steintorwall aber weniger ein einsatzfähigen Schutzraum und mehr ein Relikt aus dem Kalten Krieg.

Mit Blitz. Dominic Bauer (erster Vorsitzender von dem Verein Hamburger Unterwelten) steht in einem Bunker.
Dominic Bauer (35) ist erster Vorsitzender des Hamburger Unterwelten e.V. Foto: Moritz Kracht

Als 2007 das Zivilschutzgesetz ausgesetzt wurde, wurde untersucht, wie viele Menschen in Deutschland theoretisch einen Platz in einem öffentlichen Schutzraum gehabt hätten. Das Ergebnis für Hamburg: nur 4,7 Prozent der Bevölkerung. Dominic Bauer meint daher: „Zivilschutz lebt von Übertreibung.“ Den Menschen solle das Gefühl von Schutz gegeben werden, selbst wenn die Realität anders aussehe. Auch früher schon wurde „auf die Dummheit der Leute gesetzt“, da man die Bevölkerung nicht ausreichend aufgeklärt habe, wo sich Luftschutzräume befinden, so Bauer.

Er selbst habe Lebensmittel und Wasser für 14 Tage zu Hause. Auch ein Koffer mit den wichtigsten Dokumenten stehe griffbereit. Bauer glaubt, beim Zivilschutz könne man sich nicht nur auf den Staat verlassen.

Auf dem Trittbrett eines Müllwagens zu stehen: Das ist ein Traum von Moritz Kracht, Jahrgang 2002. Aufgewachsen ist er zwischen Hannover und Braunschweig, für sein Journalismusstudium zog er nach Magdeburg. Dort arbeitete Moritz beim MDR und nahm Anrufe für „Flirteinander“ entgegen – wie viele Ehen er gestiftet hat, weiß er aber nicht. Irgendwann hatte er keine Lust mehr, in den frühen Morgenstunden Anrufe entgegenzunehmen und wechselte ins TV-Sportressort. Er berichtete unter anderem über Tischfußball, später bei Hitradio Namibia dann übers Surfen (ohne Segel). In Hamburg fährt er jetzt gelegentlich über die Alster (mit Segel). Trittbrettfahrer? Höchstens bei der Müllabfuhr.
Kürzel: mok

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