Äthiopischer Kaffee in Eimsbüttel

Lange Nacht der Konsulate

Äthiopien, das größte Land am Horn von Afrika, liegt im hippen Eimsbüttel. Zumindest ein kleiner Teil davon. Im Honorarkonsulat finden Besucher neben Vorträgen über das Land als Ziel für den nächsten Backpacking-Trip vor allem eines: richtig starken Kaffee.

Würde heute nicht die riesige grün-gelb-rote Flagge aus dem Fenster wehen, wären die meisten Besucher der Langen Nacht der Konsulate wohl an Äthiopien vorbeigelaufen. Das Honorarkonsulat der demokratischen Bundesrepublik befindet sich im ersten Stock eines unscheinbaren Eimsbüttler Stadthauses.

Einer der Konsulatsräume. Foto von Jana Trietsch
Einer der Konsulatsräume. Foto von Jana Trietsch

Die Innenräume des Konsulats sind hell und modern eingerichtet. Im Hauptraum sitzt Honorarkonsul Heinrich Köhler an einem Schreibtisch aus Massivholz neben Reisebroschüren, Goldfischlis und deutschem Buttergebäck. Begeistert berichtet er Reiseinteressierten von Wanderungen durch das Simien-Gebirge und den Felskirchen von Lalibela. Obwohl Äthiopien zu den ärmsten Ländern der Welt gehöre, floriere im Norden in den letzten Jahren der Tourismus. Dort sei die politische Lage weitestgehend stabil, das Klima mild und die Landschaft vielfältig.

„Kein afrikanisches Land hat so viele UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten wie Äthiopien“

Kaffeezeremonie auf dem Küchenboden

Ausgelassenes Stimmengewirr führt Besucher zur heimlichen Hauptattraktion des Abends. In einer winzig kleinen und sehr dunklen Küche steht eine Gruppe von Besuchern dicht um eine improvisierte Feuerstelle gedrängt. Auf dem Fußboden führt dort eine Frau im traditionellen Gewand die äthiopische Kaffeezeremonie vor. Alle sehen gespannt zu, wie sie die Bohnen über dem Feuer von grüner zu brauner Farbe röstet, dann mahlt und schließlich in einer großbauchigen Tonkanne aufkocht.

Äthiopische Kaffeezeremonie auf dem Küchenboden
Äthiopische Kaffeezeremonie auf dem Küchenboden. Foto von Jana Trietsch

Kaffee ist eines der größten Exportgüter Äthiopiens, die verschiedenen Sorten tragen die Namen der Regionen, in denen sie angebaut werden. Am berühmtesten ist der sogenannte Yirgacheffe, dessen Geschmack Kenner als blumig und leicht zitronig bezeichnen. Aus welchem Anbaugebiet der Kaffee stammt, den die Besucher an diesem Abend trinken, weiß niemand so genau – schmecken tut er allen. Die Frau, die den Kaffee zubereitet und aus der Hauptstadt Addis Abeba stammt, erklärt, wie wertvoll die Zeremonie in ihrer Kultur ist. Mehrmals am Tag kämen Freunde und Familie auf einen Kaffee zusammen.

„Manchmal lesen die Frauen auch die Zukunft aus dem Kaffeesatz“

Man spricht über typisch äthiopische Speisen und Getränke, über Wasserknappheit und über den umstrittenen Bau des Renaissance-Staudamms am blauen Nil. Weil sich so viele dafür interessieren, improvisiert ein Mitarbeiter einen informativen Abriss des Konflikts.

Die Motivation der Besucher ist an diesem Abend sehr unterschiedlich. Manche haben durch die Arbeit mit Geflüchteten einen persönlichen Bezug zum Land. Andere sind auf der Suche nach einem Reiseziel, das außergewöhnlich genug ist, um später ein Fotoalbum anzulegen. Sie alle wird der leckere Kaffee wohl noch einige Stunden wachgehalten haben.

Facts über Äthiopien

  • Laut dem Human Development Index der Vereinten Nationen liegt Äthiopien auf Platz 174 von insgesamt 188 bewerteten Ländern (Stand 2016). Die Regierung unternimmt seit einigen Jahren erhebliche Schritte, um Äthiopien bis 2025 zu einem Middle Income Country zu machen.
  • Äthiopien ist das einzige afrikanische Land, das nicht vollständig kolonialisiert wurde. Seit der italienischen Besatzungszeit kann man jedoch beinahe landesweit westlichen Cappuccino bestellen.
  • 1974 entdeckten amerikanische Anthropologen in Äthiopien eines der ältesten jemals gefundenen Skelette. „Lucy“ (benannt nach dem Beatles Song „Lucy in the Sky with Diamonds“) ist etwa 3,2 Millionen Jahre alt.

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Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt