Der Dokumentarfilm „Dark Suns“ handelt von tausenden unaufgeklärten Morden in Mexiko, darunter Massaker an illegalen Immigranten, Frauenmorde und Attentate an Journalisten. Betroffene erzählen ihre persönlichen Geschichten.

Silvia Banda Pedroza steigt mit ihrem Sohn in einen Bus. Sie verteilen Wasserflaschen an die Fahrgäste. Auf dem Etikett sieht man nicht das Logo einer Firma, sondern das Gesicht einer jungen Frau. Daneben steht auf Spanisch geschrieben: „Haben Sie dieses Mädchen gesehen?“. Auch an den Wänden der Häuser, an denen der Bus vorbeifährt, hängen Vermisstenanzeigen von jungen Frauen. „Wo sind sie?“ und „Wir wollen Gerechtigkeit!“ wurde mit Graffiti an die Mauern gesprüht.

Im Jahr 2019 wurden von Januar bis April in Mexiko bereits 8500 Morde verzeichnet. Zum Vergleich: 2018 waren es in Deutschland 386. Anhand von Einzelschicksalen und Massakern zeigt uns der kanadische Regisseur Julien Elie in seinem Dokumentarfilm „Dark Suns“ in sechs Kapiteln, wie Mexiko über die letzten Jahrzehnte zum Massengrab wurde.

Eine eingehende Spurensuche

Jedes Kapitel zeigt das Leid an einem anderen Ort des Landes. Von der amerikanischen Grenze bis zum Golf von Mexiko. Von der Pazifikküste bis zu den Vororten von Mexiko-Stadt. Die Protagonist*innen erzählen ähnliche Geschichten: über entführte Töchter, vermisste Studenten, ermordete Journalisten. Kaum ein Fall wurde aufgeklärt.

Zweieinhalb Stunden hängt man an den Lippen der Menschen, denen ein Teil ihres Lebens für immer genommen wurde. Man muss kein Spanisch sprechen können, um den Schmerz, die Trauer und die Verzweiflung in jedem Wort zu spüren. Die schwarzweißen Bilder zeigen kraftlose Gesichter, geschmückte Gedenkstätten am Straßenrand und Massengräber.

Julien Elie wählte für seine Dokumentation ein ungewöhnliches Bildformat. Die 4:3-Ansicht wirkt antiquiert und verstärkt den Gedanken, der in einem rotiert: Wie kann so etwas heute noch passieren? Das Format scheint die Erzählenden einzuengen und verstärkt das bedrückende Gefühl.

Eine Frau, die traurig auf den Boden schaut
Bild: Cinéma Belmopan 2018

„Ich fühle mich wie eine Ameise, gefangen in einer gigantischen Welt.“

Die genauen Hintergründe des Terrors in den sechs Städten kann die Dokumentation weder erklären noch auflösen. Nur in Ansätzen erfahren wir, wer an den Morden und Entführungen verantwortlich ist. Die wenigen Details machen fassungslos. Drogenhändler, Menschenhändler und Beamte sind in die Verbrechen verwickelt. Die allermeisten kommen mit ihren Taten davon.

Das letzte Kapitel des Films handelt von einem Mann, dessen Bruder seit fünf Jahren vermisst wird. „Zeit ist der größte Feind Aller, die einen Menschen suchen“, sagt er und hält seine Tränen zurück. Filmemacher Elie begleitet ihn auf seiner Suchaktion auf einem dicht bewaldeten Hügel. Dort findet er menschliche Gebeine, die von Tieren über den Hügel verteilt wurden. In einem Loch steckt ein Schuh, aus dem Fußknochen herausragen – nicht das Modell, dass sein Bruder getragen hat. Seine Suche geht weiter.

Der Film wurde im Rahmen des Hamburger Filmfest am 02.10.2019 im Metropolis Kino gezeigt.

Titelbild: Cinéma Belmopan 2018

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Oliver Völling hat bereits in allen Himmelsrichtungen Deutschlands gelebt: Geboren ist er 1994 am Niederrhein, aufgewachsen in Würzburg. Mit 14 Jahren bekam er seine erste Videokamera, mit der er viel experimentierte. Nach dem Abitur zog er für ein Praktikum bei der Produktionsfirma Lecturio nach Leipzig und drehte E-Learning-Videos. Hier entstand der Wunsch, sich professionell mit Film, Schnitt und Dramaturgie zu beschäftigen. All das hat er in seinem Bachelorstudium in Medientechnik an der HAW Hamburg gelernt. Im Marketing von Lufthansa Technik fotografierte und filmte er unter anderem Spülmaschinen oder Duschen, die in Privatjets eingebaut werden. In seiner Freizeit schreibt er Fantasy-Kurzgeschichten, inspiriert vom Altgriechischen, und entwirft Rollenspiele. Kürzel: ovö