Wegen der Pandemie steht das Nachtleben in Hamburg still: Die Corona-Krise beschneidet Feierwütige in ihrer Freizeitgestaltung, für Clubs ist die Situation existenzgefährdend. FINK.Hamburg sprach mit zwei Club-Betreibern.

Die blaue Stahltür öffnet sich. Dahinter: Finsternis. Gerrit Lerch geht hinein, macht sich in der Dunkelheit zu schaffen. Sekunden später erhellen Neonröhren den Raum. Links steht ein Fotoautomat, geradeaus ein Kicker, rechts geht es zur Tanzfläche. Bunte Sticker kleben auf dem DJ-Pult, festgetretene Kaugummis auf braunen Linoleum. Die Wände sind schwarz getüncht, die Decken auch. Lerch stellt sich auf die Bühne, breitet die Arme aus. Das Gebaren eines Herrschers. An der Vertäfelung hinter ihm prangt in ausladenden Lettern der Name seines Königreiches: Jolly Jumper.

„Freitags und Samstags legen hier normalerweise DJs auf, für die Leute extra anreisen“, sagt Lerch. Seit einigen Jahren betreibt er den Nachtclub im Kulturhaus 73 auf dem Schulterblatt mitten im Schanzenviertel. Gerade allerdings kommt keiner ins Jolly Jumper: Um die Corona-Pandemie einzudämmen, sind in Hamburg seit Wochen alle Clubs geschlossen.

Jolly Jumper Hamburg Corona Clubs Clubszene
Auf die Wände gepinselte Illustrationen leiten den Weg ins Jolly Jumper. Normaler Weise sitzen und stehen die Partygäste hier dicht an dicht.

Corona: Pausenknopf für die Club-Szene

Drei Monate zuvor, Mitte März: Die Zahl der Corona-Infektionen in Hamburg steigt und Lerch ahnt, dass er das Jolly Jumper bald wird schließen müssen. Am Freitag den 13. öffnet er den Laden regulär, spürt aber: Die Stimmung ist „ganz weit unten.“ Es erscheinen kaum Gäste, am Samstag ist es noch leerer.

Dann kommt der Montag und mit ihm die Allgemeinverfügung. Die Stadt verhängt Kontaktbeschränkungen, schließt Gastronomiebetriebe, Einzelhandel, Kultureinrichtungen. Lerch wird klar: „Jetzt ist erstmal Sendepause.“ Gemeinsam mit seinem Team räumt er den Laden auf und die Kühlschränke leer. Er verriegelt die Tür – ohne zu wissen für wie lang: „Für mich war das hart. Das war wie eine Enteignung.“

Infektionsherd Nachtclub

Während Lerch das Jolly Jumper bis zur letzten Sekunde offen lässt, kommen die Betreiber*innen des Südpol in Hammerbrook der Stadt zuvor. In Eigenregie schließen sie den Club bereits vor dem Wochenende, beschließen: „Wir werden keine Veranstaltungen mehr durchführen“. Mitbetreiber Daniel Gelbe berichtet: „Am Mittwoch haben wir noch gesagt, wir machen auf. Am Donnerstag haben wir entschieden, dass das Risiko nicht tragbar ist.“

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Tatsächlich ist das Ansteckungsrisiko im Club enorm. Der auf Ischgler Après-Ski-Partys losgetretene Infektions-Tsunami demonstriert: Clubs und Diskotheken werden schnell zu Corona-Epizentren. Enge, Schweiß, unzureichende Belüftung und durch Alkohol herabgesetzte Hemmschwellen bereiten dem Virus optimale Bedingungen, sich zu verbreiten. Ende Mai meldet sich der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin zu Wort. Er geht davon aus, dass Feiern wie vor der Pandemie erst in vielen Monaten wieder möglich sein wird: „Erst, wenn wir einen Impfstoff haben oder die Pandemie vorbei ist und die Immunität in der Bevölkerung angestiegen ist.“

Corona-Regeln machen Feiern unmöglich

Gelbe teilt diese Befürchtung. Er vermutet, dass erst ab Herbst 2021 im Südpol wieder Partys steigen dürfen: „All das, wofür die Club-Erfahrung steht, ist das, was jetzt nicht geht: Nah beieinander tanzen, sich unterhalten an der Bar. Es funktioniert einfach nicht – leider.“ Partys mit Abstand und Maske kommen für ihn nicht in Frage.

Eigentlich bietet der Südpol Platz für etwa 350 Personen. Sollen die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, wären Events mit etwa 50 Personen möglich – „aber das wären Veranstaltungen, wo wir am Ende drauf zahlen würden.“ Denn: Eine reduzierte Gastanzahl senkt den organisatorischen und finanziellen Aufwand nur minimal, den Gewinn jedoch dramatisch: „Veranstaltungen in der Größenordnung, die für uns Sinn macht, fallen bis auf Weiteres weg. Und es ist unklar bis wann.“

Unabhängig von ökonomischen Aspekten erscheint es auch Lerch unsinnig, Clubs bald wieder zu eröffnen: „Sinn und Zweck eines Clubs ist, dass die Leute abgehen und sich amüsieren.“ Aber genau das sei nicht möglich, wenn Gäste dabei Mindestabstände beachten oder einen Mundschutz tragen müssten. Für den Betreiber des Jolly Jumper ist klar: „Dann lieber erstmal gar nicht, als halbherzig und konzeptfremd. Das wäre Schwachsinn, das geht nicht.“

Tonnenschwere Schuldenberge

Gelbe und Lerch halten es für unumgänglich, dass die Clubs weiterhin dicht bleiben: „Kein Politiker will sich auf die Fahne schreiben, er hätte die zweite Welle zu verantworten“, erklärt Gelbe. Lerch sagt: „Niemand will Menschenleben gefährden“. Und dennoch ist die Corona-Pandemie für sie und dutzende andere Betreiber*innen eine wirtschaftliche Katastrophe. Während die digitale Ausweichangebote dem Einzelhandel und der Gastronomie durch die Krise hilft, können Veranstalter*innen ihre Partys weder in Onlineshops noch per Liefer-Service vertreiben. Livestreams umzusetzen, ist aufwendig und die Zahlungsbereitschaft der Zuschauer*innen gering. Open-Air-Events oder Auto-Discos sind in Hamburg durch die dichte Bebauung und strenge Lärmschutzgesetzte schwer bis kaum umzusetzen. Einnahmemöglichkeiten? Fehlanzeige.

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Club-Betreiber Gerrit Lerch verriegelt die Tür zum Jolly Jumper.

Laufende Fixkosten türmen sich zu Schuldenbergen. Kurzarbeitergeld und staatliche Zuschüsse helfen nur begrenzt: „Das Geld ist schnell aufgebraucht“, sagt Lerch. „Das größte Problem sind die Mieten.“ Dabei hat er Glück: Seit Mai darf er die an den Club angeschlossene Bar wieder öffnen. Dennoch reichen die Einnahmen nicht. Lerch stundet die Miete momentan, weiß aber: „Wenn die irgendwann fällig wird und die Stadt nicht hilft, dann werden hier die Lichter ausgehen.“

Quälende Ungewissheit

Die Betreiber*innen des Südpols konnten der Mietstundung entgehen. Sie starteten eine Crowdfunding-Kampagne, die sie mit Streams bewarben. Gut 100.000 Euro kamen zusammen: „Nur reicht das Geld bis Januar, vielleicht bis März. Was danach ist, ist völlig unklar“, sagt Gelbe. Die Ungewissheit quält ihn: Wird es weitere staatliche Förderungen geben? Wie lange muss der Club noch geschlossen blieben? „Wir würden uns konkrete Ansagen wünschen. Nur glaube ich, dass die Regierung keine für uns hat.“

Ob er glaubt, dass der Südpol die Corona-Krise überstehen wird? Gelbe weiß darauf keine Antwort: „Wir versuchen unser Bestes, dass es uns weiterhin gibt. Aber wir müssen auch in Erwägung ziehen, dass das vielleicht nicht so sein wird. Ab einem bestimmten Zeitpunkt können wir nur noch durch politischen Willen überleben.“ Lerch sieht das ähnlich. Er fordert, dass die Regierung weitere Programme auflegt, um die Hamburger Clubs zu retten: „Wir wollen nicht allein gelassen, sondern unterstützt werden. Es sollten Gelder gestellt werden, sonst geht die Clubszene baden.“

Kein Erwachen aus dem Corona-Albtraum

Lerchs Schultern hängen, während er die blaue Metalltür zum Jolly Jumper wieder verriegelt. Aus der angrenzenden Bar tönt Hip Hop. Deutsch-Rapper Trettmann leiert melancholisch aus den Boxen, liefert den Soundtrack zur Corona-Krise: „Kein schlechter Traum, nein, das hier ist real“. Lerch wünscht sich nichts sehnlicher, als aus diesem existenzbedrohenden Albdruck aufzuwachen: „Wir haben hier Herzblut, Geld und Zeit reingesteckt. All unsere Liebe ist reingeflossen. Es wäre grausam, wenn wir am Ende den Laden aufgeben müssten.“


Fotos: Mali Paede

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