In Hamburg gelten nun schärfere Corona-Maßnahmen. In ausgewählten Straßen gibt es eine Maskenpflicht. Smarte Lösung oder ein Fehler des Senats?

Die Corona-Zahlen steigen und die Politik reagiert. In vielen Bundesländern gelten nun neue, strengere Regeln. Auch in Hamburg hat der Senat die Maßnahmen verschärft. An stark belebten Standorten im öffentlichen Raum muss nun eine Maske getragen werden. Das ist gut gemeint, verwirrt aber, kommentiert FINK.HAMBURG-Redakteur Bennet Möller. Sein Kollege Lorenz Jeric findet, dass die Maßnahmen überzeugen.

Kontra: Schwer vermittelbar

Kommentar von Bennet Möller

Wer in diesen Tagen über den Mühlenkamp schlendert, muss eine Maske tragen. Das gilt zumindest im Bereich zwischen der Körnerstraße und der Preystraße – aber nur zwischen 12 und 1 Uhr. Alles klar? Warum das so ist, ist den Bürger*innen nicht leicht zu erklären. Die neue Maskenpflicht scheitert daher in einem Punkt: Sie ist nur schwer vermittelbar.

Ein Flickenteppich, der verwirrt

Durch die steigenden Infektionszahlen sah sich der Hamburger Senat zum Handeln gezwungen. Das ist richtig. Herausgekommen ist allerdings ein Flickenteppich, der verwirrt und verunsichert.

Wer genau wissen möchte, wo in Hamburg eine Maskenpflicht herrscht, wird im Netz fündig: Der Senat hat eine (unübersichtliche) Karte veröffentlicht. Kaum einer schaut sich jedoch so etwas ausführlich im Internet an. Regeln müssen daher überschaubar bleiben – und leicht verständlich sein.

Im Spannungsfeld zwischen Freiheit (keine Maske) und mehr Sicherheit (Maske) muss ein weiterer Parameter stets bedacht werden: Erklärbarkeit. Warum man vor Hausnummer 30 eine Maske tragen muss, vor Hausnummer 40 aber nicht mehr, ist nicht einfach erklärbar. Genau da liegt das Problem.

Vertrauen ist ein hohes Gut in der Krise

Regelungen bringen nur etwas, wenn sich auch jeder daran hält. Wie Gesundheitsminister Jens Spahn erklärt, genießen die bisherigen Maßnahmen eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Das Vertrauen der Bürger*innen ist ein hohes Gut. Verglichen mit Metropolen in unseren europäischen Nachbarländern wird deutlich, dass Hamburg bislang recht gut durch die Corona-Krise gekommen ist. Das ist auch auf die hohe Akzeptanz zurückzuführen.

Je komplizierter die Regelungen aber werden, desto schwerer vermittelbar sind sie auch. Und je schwerer vermittelbar, desto niedriger die Akzeptanz. Im schlechtesten Fall führen die neuen Maßnahmen nicht zu einem Rückgang der Infektionszahlen, sondern das Gegenteil ist der Fall: Sie verspielen das Vertrauen der Bürger*innen.

Natürlich ist St. Pauli anders als Bergedorf

Befürworter der neuen Maßnahmen argumentieren, dass regionale Unterschiede zu beachten sind. Natürlich braucht eine Großstadt wie Hamburg andere Regelungen als ein dünn besiedelter Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Und St. Pauli braucht eventuell auch andere Regelungen als Bergedorf. Regionale Unterschiede sind im Infektionsgeschehen nicht zu vernachlässigen. Dennoch stellt sich die entscheidende Frage: Was hilft? Und was verunsichert eher?

Die neuen Regelungen verunsichern. Es braucht mehr Einheitlichkeit. Die Stadt darf nicht zum Flickenteppich verkommen. Auch im Bundesrat sollte sich Hamburg für einheitliche und verständliche Regelungen einsetzen. Anfangen kann der Senat aber vor der eigenen Haustür. Denn wer über den Mühlenkamp schlendert, sollte eine Maske tragen. Von der ersten bis zur letzten Hausnummer.

Pro: Die richtige Dosis

Kommentar von Lorenz Jeric

In der Öffentlichkeit gibt es künftig eine Maskenpflicht – und zwar immer dann, wenn besonders viele Menschen eng zusammenkommen. Wo genau? Das scheint kompliziert: So muss beispielsweise auf der Reeperbahn eine Maske getragen werden, 100 Meter weiter aber nicht. Das mag irritieren, überraschend ist es nicht. Dass der Senat nicht alles über einen Kamm schert – das ist richtig und gut.

Dieselben Maßnahmen für alle? Gerecht wäre das nicht

Dass die Fallzahlen steigen, ist seit Wochen abzusehen. Dass die Regeln deshalb strenger werden, ist logisch und richtig. Verschiedene Maßnahmen für einzelne Straßen und Uhrzeiten – das klingt unpraktisch, kleinkariert, typisch deutsch eben. Man kann das belächeln, aber die neuen Maßnahmen abzulehnen, ist zu einfach und falsch.

Sicherlich, die Kontrolle durch die Polizei wird aufwändig und die Regeln sind komplizierter als ein stadtweiter Standard. Aber die Corona-Pandemie ist nun mal keine Standardsituation. Und Hamburgs Viertel sind vielseitig: Wenn in Othmarschen die meisten schon schlafen, sind die Straßen in Ottensen immer noch voll. Dieselben Maßnahmen für alle, das wäre vielleicht transparent, aber gerecht wäre es nicht.

Mit den neuen Maßnahmen zeigt der Senat, dass er das Wohl der Hamburger*innen ernst nimmt: Wir werden nur so stark eingeschränkt wie nötig und bleiben dabei so frei wie möglich. Eine gute Entscheidung, denn in den letzten Monaten hat sich das Prinzip bewährt: Dank Alkoholverbot an einzelnen Hotspots wurde in Sternschanze und Co deutlich weniger gecornert. 

Im Zweifel einfach einmal mehr die Maske auf

Keine Frage: Den Senat zu hinterfragen ist wichtig und Kritik an den Corona-Maßnahmen muss jederzeit erlaubt sein. Regeln müssen erklärt werden und Einschränkungen nachvollziehbar sein. Das passt zu den Verschärfungen des Senats: Wo sich viele fremde Menschen nahekommen, gilt künftig eine Maskenpflicht. Das ist einprägsam und gut für unsere Gesundheit. 

Die Maske hilft das Virus einzudämmen und sie erinnert uns daran, dass Menschenmengen in der Pandemie nicht der beste Aufenthaltsort sind. Dafür muss auch niemand auswendig lernen, an welcher Kreuzung die Maske nun genau abgenommen werden darf. Denn im Zweifel gilt: Lieber einmal mehr Maske auf, als Maske ab.

Foto: Bennet Möller

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Freudenstadt behauptet von sich, den größten Marktplatz Deutschlands zu haben, genau wie Stade. Was Stade definitiv fehlt: Es war nicht seit 1997 das Zuhause von Lorenz Jeric. Er liebt die Ćevapčići seines slowenischen Großvaters, kocht selbst aber am liebsten Käsespätzle. Nach 13 Jahren Waldorfschule zog er nach Hamburg, um einen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaft zu machen. Dabei lernte er, dass er es nicht leiden kann, Filme wissenschaftlich zu betrachten, obwohl er sie liebt. Wenn er nicht grade für eine kleine Kommunikationsagentur textet, spielt er gerne am Grindelhof Tischtennis oder fährt mit seinem Campervan Richtung Norden, möglichst ans Wasser. Zusammen mit Freunden produziert er schon seit 2017 den Podcast „Unfertig“, in dem wenig über Gott und viel über die Welt gesprochen wird. Kürzel: loc
Bennet Möller, Jahrgang 1995, stand schon mal im Finale einer Deutschen Meisterschaft – im Futsal, einer besonders schnellen Form des Hallenfußballs. Das war 2019, als Bennet noch mit dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigt war. Beim Unternehmen Jungheinrich, berühmt für seine Lagertechnik, arbeitete er in der Kommunikationsabteilung – er saß auch schon mal selbst auf einem Gabelstapler. Für das politische Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte er Veranstaltungen mit Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten. Yuval Noah Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ ist sein Lieblingssachbuch, und überhaupt liest er lieber, als Fernzusehen. Auch Fußball spielt er lieber selbst, als es auf einem Bildschirm zu verfolgen. Kürzel: bem

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