Die Delta-Variante breitet sich auch in Deutschland weiter aus. Was bedeutet das für den Verlauf der Pandemie? Und wie gefährlich ist die Mutation? Epidemiologe Ralf Reintjes beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Katharina Böhmer und Max Rohloff

Der Sommer ist da, die Fallzahlen sind so niedrig wie schon seit Langem nicht mehr – die Pandemie scheint zu Ende zu gehen. Doch: Die Delta-Variante könnte die Erfolge der vergangenen Monate zunichtemachen. Das lässt zumindest der Blick nach Großbritannien vermuten, wo sich die Virus-Mutation aktuell rasant ausbreitet. Auch hier in Hamburg liegt der Anteil der Delta-Variante laut RKI bereits bei 34 Prozent. 

FINK.HAMBURG sprach erneut mit dem Epidemiologe Ralf Reintjes, um zu erfahren, was die Delta-Variante für den Verlauf der Pandemie bedeutet. Reintjes ist Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung – unter anderem an HAW Hamburg. Außerdem war er bereits als Berater für die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Union tätig.

FINK.HAMBURG: Warum ist die Delta-Variante überhaupt so besorgniserregend? Eigentlich sinken die Fallzahlen ja gerade in Deutschland…

Ralf Reintjes: In Deutschland sieht es aktuell ganz gut aus, aber der Blick nach Großbritannien zeigt, dass sich die neue Variante sprunghaft verbreitet. Die Zahl der Neuinfektionen, die dort noch vor Kurzem geringer war als momentan hier in Deutschland, ist rasant gestiegen. Die Delta-Variante ist also offensichtlich noch infektiöser als alle bisherigen Varianten und kann viel mehr Leute erreichen. Da wir immer noch große Teile der Bevölkerung haben, die gar nicht oder maximal einmal geimpft sind, ist zu erwarten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das schöne Bild, was wir Zurzeit haben, verändern wird.

„Angst ist kein guter Ratgeber“

Müssen wir also Angst davor haben?

Reintjes: Nein, Angst ist kein guter Ratgeber. Wir haben gesehen, dass wir die Infektionsproblematik mit richtigem Handeln relativ gut in den Griff bekommen haben. Trotzdem wird das Problem kommen. Ich habe mich in den letzten Interviews häufig noch sehr zurückhaltend geäußert, aber ich glaube, wir können mittlerweile mit Sicherheit sagen, dass sich die Delta-Variante hier durchsetzen wird.

Deshalb wäre es jetzt sinnvoll, vorsichtig zu bleiben und nicht alle Schutzmaßnahmen zu verwerfen, nur weil die Zahlen aktuell niedrig sind. Wir dürfen die Fehler aus dem letzten Sommer nicht wiederholen: Alles aufreißen, alle Maßnahmen zurückdrehen und die Maskenpflicht in Schulen oder Hochschulen abschaffen. Das würde nach hinten losgehen. Gerade, weil die Delta-Variante sich besonders gut bei denen übertragen lässt, die noch nicht geimpft sind.

Was empfehlen Sie stattdessen?

Reintjes: Einen reversiblen Stufenplan – also, dass Lockerungen auch wieder zurückgenommen werden können. So verhindert man einen kompletten Lockdown und gewinnt Zeit, in der viele der 20- bis 30-Jährigen vollständig geimpft werden können. Für vollständig Geimpfte ist die Delta-Variante nämlich nicht mehr so gefährlich und auch die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu kommen, ist deutlich geringer.

"Die Pandemie kann nur wirklich beendet werden, wenn weltweit alle Menschen geimpft sind"

Eine Corona-Impfrate von bis zu 70 Prozent war bislang immer die magische Zahl für Herdenimmunität. Müssen durch die Delta-Variante jetzt mehr Leute immun sein?

Reintjes: Je infektiöser ein Virus ist, desto höher muss die Durchimpfungsrate sein. Sie erinnern sich vielleicht an diesen ominösen R-Wert. Dieser gibt an, wie viele andere Personen durchschnittlich von einer infizierten Person angesteckt werden. Bei der ursprünglichen Variante war dieser Wert nicht so hoch wie bei der Alpha-Variante. Bei der Delta-Variante ist der Wert sogar noch höher. Deswegen würden 70 Prozent wahrscheinlich nicht ausreichen, um mit der Delta-Variante auszukommen.

Gibt es denn auch eine andere Möglichkeit als die Impfung, um die Pandemie zu besiegen?

Reintjes: Die Pandemie kann nur wirklich beendet werden, wenn weltweit alle Menschen geimpft sind. Einzelne Fälle werden dann zwar noch auftreten und vermutlich wird uns dieses Virus noch lange beschäftigen – aber nicht in diesem Maße, also nicht mehr als Pandemie.

Deshalb ist es umso wichtiger, jetzt keinen Quatsch zu machen: Abstand, Masken und Hygiene bringen sehr viel. Ich kann problemlos am Strand mit drei Metern Abstand zu meinem Nachbarn liegen. Die Sonne scheint da genauso toll.

Wie stark könnte sich die Delta-Variante denn in Deutschland ausbreiten und wie geht es dann weiter mit dem Virus?

Reintjes: Das hängt davon ab, wie sinnvoll wir jetzt vorgehen. Wir können entweder ganz viele Leute zum Fußball nach England oder in den Urlaub nach Mallorca fahren lassen, die dann mit der Delta-Variante zurückkommen oder wir können präventiv handeln und mit guten Schutzmaßnahmen ein halbwegs normales Leben weiterführen, bis genug Menschen geimpft worden sind. Die Delta-Variante wird sich auf jeden Fall weiter ausbreiten. Entweder in großen Massen oder nur in ganz kleinen homöopathischen Dosen – das macht am Ende den Unterschied.

"Wir werden auf eine Problematik im Herbst und Winter zusteuern"

Wir sehen auch, dass sich das Virus sehr saisonal verbreitet. Wenn wir jetzt also nicht alles aufmachen würden, könnten wir den Sommer nutzen, um die Zahlen auf ein wirklich geringes Niveau herunterzudrücken. Nur ist das leider nicht so populär. Deswegen werden wir wohl auf einem mittleren Sommer-Niveau bleiben und auf eine Problematik im Herbst und Winter zusteuern. Dann sind die Rahmenbedingungen wieder besser für das Virus – und je höher das Niveau zu diesem Zeitpunkt ist, desto schneller können auch die Zahlen wieder in die Höhe schießen.

Ich warne vor Leichtsinn: Wenn wir jetzt gut handeln, können wir sicherlich Tausende von Leben retten. Ich finde das wichtiger als im Fußballstadion ohne Maske rumzulaufen. Die Pandemie hat jetzt schon mehr als 90.000 Leben in Deutschland gekostet und die Dunkelziffer ist sicher noch höher. In der zweiten und dritten Welle hatten wir so viele Todesfälle wie kaum ein anderes europäisches Land.

Was würden sie der Politik denn raten, um die Situation in den Griff zu bekommen?

Reintjes: Erstens: Bessere Risikokommunikation. Zweitens: Wirklich systematisches Erfassen und untersuchen wie groß die unterschiedlichen Risiken sind. Zum Beispiel: Wievielmal gefährlicher ist es im Restaurant zu essen, als in den Supermarkt zu gehen? Sodass im Herbst und Winter nicht wieder alles kollektiv geschlossen werden muss, sondern gezielt Orte, mit den höchsten Risiken, zugemacht werden. Und drittens: Die Maßnahmen, die wenig stören und ein halbwegs normales Leben ermöglichen, wie beispielsweise Abstand und Maskenpflicht, beibehalten. Dann würden wir besser durch den Winter kommen, als wenn wir nur das machen, was populär ist.

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