Frauenleichen, die im Fluss schwimmen, und ein Mann, der nach seinem Bruder gräbt: Julien Elies Dokumentarfilm „Dark Suns“ hat viele Menschen geschockt. Im Interview spricht er über korrupte Politik, die Angst am Filmset und seine Liebe zu Mexiko.

„Wir haben einen unmöglichen Film gedreht“, sagt Julien Elie über „Dark Suns“. Fünf Jahre lang reiste der Kanadier mit seinem Team durch Mexiko. Er sprach mit Müttern, die nach ihren Töchtern suchen, und Journalisten, die das Vermächtnis ihrer ermordeten Kollegen fortsetzen. Entstanden ist ein Zeugnis von erschütternder Grausamkeit, die sich aus einem Netzwerk frauenfeindlicher Kartelle und hochrangiger Politiker speist.

Julien Elie debütierte als Filmemacher 2002 erstmals mit seiner Dokumentation „The Last Meal“ (2002) über die Todesstrafe in Texas. „Dark Suns“ ist sein erstes Werk seit 15 Jahren. Der Film wurde bereits auf über 30 Filmfestivals gezeigt und erhielt 2019 unter anderem den Publikumspreis des mexikanischen Filmfestivals FICUNAM.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie das erste Mal von den Morden in Mexiko erfuhren?

Elie: Ich saß in meinem Apartment und habe in die Zeitung geschaut. Dort las ich über die verschwundenen Frauen, die tot in der mexikanischen Wüste gefunden wurden. Als Filmemacher hatte ich sofort den Instinkt, darüber zu recherchieren und zu berichten. Das liegt nun 20 Jahre zurück.

Anfangs zweifelte ich daran, ob ich die richtige Person war, um diesen Film zu drehen. Ich sprach damals nur wenig Spanisch. Doch das Land hat mich die letzten zehn Jahre nicht mehr losgelassen. Was dort passiert ist nicht nur schrecklich, es ist abgründig. Ich habe mich deshalb weiterhin mit Mexiko befasst und vor fünf Jahren das erste Skript geschrieben.

Inwiefern haben Sie sich mit Mexiko befasst?

Elie: Ich bin häufig hingereist. Mittlerweile würde ich Mexiko sogar meine zweite Heimat nennen. Es ist ein inspirierendes Land, die Menschen kämpfen für ihre Rechte und Werte. Erst vor zwei Tagen war ich noch da. Leider beobachte ich derzeit, wie sich das Land immer weiter verändert. Die Aussichten sind finster.

War es gefährlich, den Dokumentarfilm vor Ort zu drehen?

Elie: Viele Leute haben mir gesagt, dass „Dark Suns“ ein wahnsinniges Projekt sei. Damit behielten sie recht. Im Film werden Orte gezeigt, an die sich nicht einmal mexikanische Journalisten trauen. Um mit einem ganzen Team dort zu filmen, braucht es viel Vorbereitung und Hilfe von lokalen Journalisten und Aktivisten.

Zeitgleich haben wir versucht, uns nicht auf den Radar der Regierung und der lokalen Ämter zu bringen und sie zu meiden. Wir glauben, dass die Polizei und die Regierungsmitglieder in viele der Verbrechen verwickelt sind. Aber das größte Risiko tragen die Leute, die im Film auftauchen.

Also haben Sie ausschließlich mit den Opfern gesprochen und nicht mit den Tätern.

Elie: Ich habe kein Interesse an dem, was die Täterinnen und Täter zu sagen haben. Sie sind nicht Teil des Films. Sie haben so viele Möglichkeiten zu reden und zu agieren, da wollte ich Ihnen keine weitere Bühne bieten.

„in Mexiko geht es darum, die Stimmen der Opfer auszulöschen, sie zum Schweigen zu bringen. Es reicht nicht, sie zu töten, wir sollen sie vergessen.“

Der Film versucht den Opfern ihre Stimme zurückzugeben. Es gibt viele Filme in Mexiko, die die Gewalt thematisieren und die Mörder sprechen lassen. In meinem Film sollen die Opfer an erster Stelle stehen.

War es schwierig, Menschen zu finden, die bereit waren, von ihrem Leben zu erzählen?

Elie: Es ist nicht einfach, den Kontakt mit mexikanischen Journalistinnen und Journalisten herzustellen. Das Berufsrisiko ist dort sehr hoch. Ich glaube, dass es wichtig ist, Vertrauen aufzubauen. Mit vielen der Menschen im Film habe ich mich angefreundet; das nimmt viel Zeit und Hingabe in Anspruch, aber zahlt sich am Ende immer aus.

Anfangs haben sich die Journalisten trotzdem Sorgen gemacht. Aber als klar wurde, dass wir dem Mord an einem Journalisten nachgehen würden, haben sie sich zu Gesprächen bereit erklärt. Ich glaube, Mexiko ist der gefährlichste Ort für Journalisten auf der Welt. Und dabei herrscht dort kein Krieg – zumindest nicht offiziell.

Hat sich das Leben der Menschen nach dem Film verändert?

Elie: Leider hat sich in dem gesamten Land während der letzten zwei Jahre nichts verändert, trotz der neuen Regierung. Das gleiche gilt für das Leben der Protagonisten. Erst vor Kurzem haben sie mir von neuen Drohungen berichtet, die sie bekommen haben. Es gibt eine Dame in dem Film, die nur kurz vorkommt. Aber ich hatte Fotos von ihr geschossen und sie für das Marketing von „Dark Suns“ verwendet. Das hat sie trotzdem sehr geängstigt, obwohl sie keine Protagonistin ist. „Die Gangs werden mich suchen und töten“, sagte sie mir am Telefon.

Es ist so verrückt in Mexiko. Wenn du zu viel sprichst oder dein Gesicht in der Zeitung erscheint, verschwinden deine Liebsten. Sie werden dich verfolgen. So ist die Situation hier.

Trotzdem nennen Sie Mexiko Ihr zweites Zuhause. Wie gehen Sie selbst mit der Gewalt dort um?

Elie: Eine erhebliche Mehrheit der Mexikanerinnen und Mexikaner ist nicht gewalttätig. Es gibt mehr Opfer als Täter. Trotzdem habe ich viele Zweifel, weil ich mich dieser Gefahr aussetze. Ich frage mich ständig, was ich da tue und ob es sich lohnt. Wissen Sie, während des Drehs bin ich jeden Morgen mit einem Stein im Magen aufgewacht, weil wir an Orte gegangen sind, die andere gemieden haben. Auch meine Familie und Freunde haben sich viele Sorgen gemacht. Ich habe versucht, ihnen möglichst wenig von meiner Arbeit zu erzählen (lacht verlegen). Als sie dann den Film gesehen haben, dachten sie nur „oh Gott“. Vor allem meine Mutter.

„Meine Freunde sagen über mich, dass ich ein fröhlicher, witziger Typ bin, der traurige Filme macht.“

Was wir gemacht haben, war wirklich gefährlich, aber wir meinten es ernst und haben die notwendigen Vorkehrungen getroffen, damit es uns gelingt. Letztendlich lief es ungewöhnlich gut, fast schon geschmeidig. Wir hatten viel Glück.

Wie kam der Film denn beim Publikum an?

Elie: Der Film ist ziemlich lang, über zweieinhalb Stunden. Trotzdem bleiben die Leute bei den Premieren und stellen Fragen. In Mexiko ist die Reaktion noch etwas stärker, aber bisher ist es überall sehr gleich: Die Menschen sind geschockt.

Für die Fernsehsender war der Film leider bisher unattraktiv. Er ist ein klassischer Indie-Movie, ein Schwarzweißfilm. Ich wollte nicht, dass die ganzen schönen Farben von der eigentlichen Geschichte ablenken. Für „Dark Suns“ habe ich alles gegeben, was ich zu geben hatte. Meine Sicherheit, Gesundheit, Geld, einfach alles. Es ist ein fast unmöglicher Film, den wir gedreht haben.

Würden Sie so ein Projekt wieder wagen?

Elie: Mexiko ist ein unglaubliches Land, das nur von Geschichten wimmelt, die darauf warten, erzählt zu werden. Ich habe die Berge gesehen, die abgelegenen Orte auf dem Land und in der Großstadt. Und überall gibt es Menschen, die reden wollen. Natürlich ist es dort hart. Aber ich bin noch jung und plane weitere Filmprojekte vor Ort. Auch meine nächste Arbeit.

„Dark Suns“ feierte im Rahmen des Filmfest Hamburg 2019 die Deutschland-Premiere.

Hier geht’s zur Filmkritik zu „Dark Suns“

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