Ein Vollblutpolitiker und eine Philosophin als neues Traumpaar im Lyoner Stadtparlament – Regisseur Nicolas Pariser zeigt mit seinen Figuren in „Alice and the Mayor“, wie Politik auch anders funktionieren könnte.

Was braucht es, um einem Politiker, der 30 Jahre im Dienst und ausgebrannt ist, neue Ideen zu liefern? Natürlich eine junge Philosophin. So denkt es sich zumindest Paul Theraneau, der langjährige Bürgermeister der Stadt Lyon in der Drama-Komödie „Alice and the Mayor“. Helfen bei der nebulösen Aufgabe soll ihm die Uni-Absolventin Alice Heimann, gespielt von Anaïs Demoustier. „Bringen Sie mich zum Nachdenken“, verlangt Paul Theraneau.

Schon beim ersten Treffen der beiden wird klar: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Da ist der alternde Linke, den bisher nur die eigene Karriere und Fortschritt interessierte. „Nein, nicht uns. Man erwartet mich!“, weist er einen seiner Berater, ganz ohne zu Zucken, zurecht. Pointiert verkörpert Schauspieler Fabrice Luchino das Stadtoberhaupt gleichzeitig arrogant und gelangweilt.

Politik mischt sich mit Rousseau und Orwell

Eine junge Frau hält Notizen in der Hand. Filmstill aus "Alice and the Mayor".
Alice Arbeit im Rathaus besteht darin, Notizen mit neuen Ideen zu verfassen. Foto: Bac Films

Ihm Gegenüber sieht sich plötzlich die noch ziellose Akademikerin Alice, die ähnlich desillusioniert von der Politik ist wie ein großer Teil der französischen Jugend. „Haben Sie nicht das Gefühl, seit 30 Jahren vor einer Mauer zu stehen?“, fragt sie ihren neuen Chef ganz ungeniert. Doch weil es ihr erster Job ist, spielt die 30-Jährige mal mehr, mal weniger motiviert im Polit-Zirkus mit. Und Paul, den sonst kaum etwas begeistern kann, findet Gefallen an ihren Thesen, die sie aus Werken etwa von Rousseaus  und Orwell zieht.

Zunehmend zeigt das ungleiche Paar in den 105 Minuten, was passieren könnte, wenn gestandene Politiker dem klugen Nachwuchs einmal zuhören würden. Leider lässt Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Pariser die Geschichte genau am Höhepunkt der produktiven Arbeitsbeziehung wieder enden. Auch ansonsten fehlt dem Drehbuch ein wenig der Fokus.

Die angedeuteten Gründe für die Politikverdrossenheit mehrerer Generationen werden in dem Film ebenso wenig aufgelöst wie die teils interessanten Ansätze der Nebencharaktere. So verschwindet etwa die Frau von Alice bestem Freund, eine exzentrische Künstlerin und Naturschützerin, mit ihrer Klimakritik einfach in der Psychiatrie.

„Alice and the Mayor“ fehlt eine reflektierte Alice

„Alice and the Mayor“  ist der  zweite Langspielfilm des französischen Regisseurs Nicolas Parisier. Er feierte Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und ist am 02. Oktober in Frankreich erschienen. Laufzeit: 105 Minuten

Es ist aber diese besondere, rein platonische Beziehung der beiden Hauptdarsteller, die den Film lebendig macht und den seltenen komischen Szenen Charme verleiht. Wenn in Form von Paul und Alice Politik und Philosophie um die richtige Antwort ringen, ist zu erkennen, warum „Alice and the Mayor“ in Cannes mit dem Europa Cinemas Label Award als Bester Europäischer Film ausgezeichnet wurde.

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Sandra Jütte, Jahrgang 1985, hat schon beim Imperium gearbeitet. Aber keine Sorge: In diesem Fall ist das eine Schauspielagentur in Berlin. Für ihr Studium der Wirtschaftskommunikation zog sie von Niedersachsen in die Bundeshauptstadt, bevor sie für ein Reisemagazin die Straßen Kapstadts erkundete. Dem Lokaljournalismus blieb sie während ihres Volontariats bei der "Märkischen Oderzeitung" in Brandenburg treu. Die Themen waren dort sogar spannender: Sandra schrieb unter anderem über einen entführten Dackel, den Sexshop im 5000-Seelen-Dorf und dreifachen Mord. In ihrer Zukunft sieht sie sich im Online- oder Fernsehjournalismus, denn sie will mehr als nur Print. Schokolade zum Beispiel. Kürzel: sju

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