Eine Frau, eine Stadt, eine Nacht

"Ghost Tropic"

Frau sitzt in einem Supermarkt vor den Kühlschränken.
Die Protagonistin des Films "Ghost Tropic" irrt nachts durch Brüssel. Foto: Rediance

Der dritte Film „Ghost Tropic“ des belgischen Regisseurs Bas Devos nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine Reise durch das nächtliche Brüssel. Eine liebevolle und detailreiche Inszenierung, die Geduld fordert.

Eine schwarze Leinwand. Dumpfes Hundebellen, Vogelgezwitscher, Verkehrsgeräusche. Schnitt auf ein mit Gardinen verhangenes Wohnzimmer. Vom runden Couchtisch hängt eine samtgelbe Tischdecke, auf dem Sofa liegen bestrickte Deckchen. Es wird langsam dunkel im Raum und eine Frauenstimme flüstert auf französisch: „Das ist, was ich sehe, was ich höre. Ich höre die Geräusche der Stadt. Das Leben meiner Nachbarn.“

Hier lebt Khadija (Saadia Benaieb), eine 58-jährige Putzfrau aus Brüssel. Wenn für andere der Tag endet, fängt ihrer an. Und wenn ihr Tag vorbei ist, hängen wir schon lange unseren Träumen nach. Als Teil einer Putzkolonne reinigt sie nachts Büroräume.

Nichts fährt mehr

Nach einer langen Schicht begibt sie sich mit der letzten Metro auf den Weg nach Hause. Monoton rattert es in der Bahn, dunkle Schwaden ziehen am Fenster vorbei. Wir kennen das Gefühl, wenn die Augen immer schwerer werden und die Müdigkeit immer größer. Als Khadija aufwacht, befindet sie sich an der Endhaltestelle. Nichts fährt mehr und Geld für ein Taxi hat sie auch nicht.

Frau und Mann sitzen an einem Tisch und lachen.
Khadija putzt gemeinsam mit ihren Kolleg*innen nachts ein Brüsseler Geschäftsgebäude. Foto: Rediance

Satte Neonfarben stehen im Kontrast zum dunklen Stadtbild. Der in 16mm gedrehte Film „Ghost Tropic“ erzählt in langen Standbildern und minimalistischen, aber intensiven Dialogen von Khadijas nächtlicher Odyssee durch die belgische Hauptstadt. Auf ihrem Fußweg nach Hause trifft sie auf Menschen, denen sie einen kurzen Einblick in ihr Leben gewährt und die ihr im Gegenzug etwas zurückgeben.

„Ghost Tropic“ ist langsam inszeniert

Um seinen vorhergehenden Film „Hellhole“ vorzubereiten, verbrachte Regisseur Bas Devos viel Zeit in einem Brüsseler Motel. Dort sei er fasziniert von den starken Frauen gewesen und hätte den Entschluss gefasst, einen Film über eine dieser Frauen zu drehen. In nur 15 Nächten wurde „Ghost Tropic“ abgedreht und in drei Monaten komplett produziert. Premiere feierte der Film im Mai auf den Filmfestspielen in Cannes.

Der Film beginnt ruhig und unaufgeregt. Diese Stimmung zieht sich durch die gesamte Inszenierung. Devos detailreiche Bilder sind wunderschön, fordern aber ein wenig Geduld von den Zuschauer*innen. „Ghost Tropic“ ist eine entschleunigte und einfühlsame Verfilmung über eine starke Frau, die sich Fremden öffnet und Menschlichkeit zurückbekommt.

„Ghost Tropic“ läuft am Samstag, den 28.9. um 17:00 Uhr und am Samstag, den 05.10. um 22:30 Uhr im Abaton. Tickets gibt es hier.

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Isabel Surges, Jahrgang 1994, ist bilingual aufgewachsen. Von ihrem Vater hat sie nicht nur die spanische Sprache gelernt, sondern auch ihren venezolanischen Zweitnamen bekommen: Yahaira. In Venezuela war sie zwar noch nicht, dafür allerdings mit dem Rucksack in Australien und für ein Semester in Málaga. Einen Kulturschock erlebte die gebürtige Düsseldorferin aber erst durch ihren Umzug nach Köln. Dort studierte sie Medienkulturwissenschaften sowie Germanistik und experimentierte mit neuen Formatideen im Innovationslabor der Filmproduktionsfirma Ufa. Auf deren Partys spielte sie unter anderem mit Joe Gerner Tischtennis. Als Community Managerin in den Kommentarspalten des WDR lernte sie auch die raueren Seiten des digitalen Diskurses kennen. Zuletzt schrieb sie für die Kulturredaktion der Deutschen Welle – oder wie Yahaira sagen würde: La ola alemana. Kürzel: isu