In Karl Goldens „Bruno“ geht es um Vorurteile, Schuld, Verantwortung und die Auseinandersetzung mit dem Leben selbst. Wir haben den Autor und Regisseur beim Filmfest Hamburg 2019 getroffen.

Wie entstand die Idee zum Film „Bruno“?

Golden: Eines Tages habe ich diesen Mann auf der Straße gesehen. Er hatte einen langen Bart und Blut lief ihm das Gesicht herunter – er sah ein bisschen angsteinflößend aus. Also habe ich das gemacht, was Menschen tun: Ich bin ihm aus dem Weg gegangen. Danach fühlte ich mich seltsam schuldig. Ich habe mich umgedreht, ihm nachgeschaut und mich gefragt, was ihm wohl passiert ist. Ein Jahr lang musste ich immer wieder darüber nachdenken. Der Film ist meine Vorstellung davon, was ihm passiert sein könnte. Außerdem war es ein Weg für mich, Frieden mit meinem egoistischen Verhalten zu schließen.

Wieso hast du London als Drehort gewählt?

Golden: Ich habe lange Zeit im Osten Londons gelebt. Es ist eine Stadt mit extrem viel Wohlstand. Wenn wir den Film in einer heruntergekommenen Stadt mit viel Armut gedreht hätten, wäre es schwierig gewesen, den Kontrast darzustellen.

Wie sah deine Recherche zum Thema Obdachlosigkeit aus?

Golden: Ich bin zu einer Obdachlosenunterkunft gegangen. Es war sehr kompliziert: Die Menschen wollten reden, aber es gab Grenzen der Privatsphäre, die einige nicht überschreiten wollten. Unser Schauspieler hat auch einige Zeit mit Obdachlosen verbracht. Der Film soll nicht von der Obdachlosigkeit selbst handeln, sondern nur einen Charakter zeigen, der sich in dieser Situation befindet.

Wie haben Obdachlose auf die Dreharbeiten reagiert?

Golden: Diarmaid Murtagh war so überzeugend in seiner Rolle, dass bei einem Dreh ein Obdachloser zu ihm kam. Er behauptete, dass er ihm letzte Nacht sein Geld gestohlen habe. Ich habe die Auseinandersetzung eine Weile beobachtet, bin dann aber dazwischengegangen. Wir haben versucht, so respektvoll wie möglich mit dem Thema umzugehen.

Warum hast du Diarmaid Murtagh als Hauptdarsteller ausgewählt?

Golden: Als Diarmaid Murtagh in das Casting kam, wusste ich, dass er der Richtige ist. Er musste nicht einmal vorsprechen. Wenn Menschen groß und stark aussehen, erwartet man, dass sie sich um sich selbst kümmern können. Ich mochte die Idee eines Riesen mit gebrochenem Herzen. Mit einem kleinen und schmächtigen Schauspieler wäre „Bruno“ ein ganz anderer Film geworden.

Im Film sehen wir die Szene, die dich zu „Bruno“ inspirierte. Was hat sie zu bedeuten?

Golden: Im Film sehen wir Daniel mit blutüberströmtem Gesicht und wir wissen, was ihm passiert ist. Aber wir verstehen die Zusammenhänge erst am Ende. Wenn wir Menschen auf der Straße begegnen, urteilen wir gerne  über sie anhand ihrer Erscheinung. Je länger wir darüber nachdenken, desto mehr sehen wir die Menschen hinter der Fassade.

„Kinder können das Gute in Menschen sehen, die es nicht mal in sich selbst bemerken.“

Mit Daniel und dem Jungen Izzy prallen zwei sehr verschiedene Charaktere aufeinander – trotzdem entwickeln sie eine Bindung. Wie ist das möglich?

Golden: Kinder können so überraschend sein. Sie haben nicht die Vorurteile, die Erwachsene haben. Kinder denken nicht darüber nach, ob jemand redet, als hättet er Geld oder ob er sich so kleidet. Sie haben eine spontane emotionale Empathie, die Erwachsene oft mit der Zeit verlieren. Sie können das Gute in Menschen sehen, die es nicht mal in sich selbst bemerken.

Daniel kümmert sich am Ende mehr um das Kind als um sich selbst. Was sagt das aus?

Golden: Er lernt, wie man wieder Verantwortung übernimmt. Jeder will vermutlich in seinem Leben an den Punkt gelangen, wo es jemanden gibt, der wichtiger ist als er selbst. Bis man diesem Punkt angelangt ist, ist man  nicht wirklich erwachsen und lebt nicht wirklich. Wer sich nur mit sich selbst auseinandersetzt, hat ein sehr kompliziertes Leben. Für Daniel geht es darum, sich wieder mit dem Leben auseinanderzusetzen.

Denkst du, dass viele Menschen Probleme damit haben, sich ihrer Verantwortung zu stellen?

Golden: Ja und darum geht es in „Bruno“ unter anderem. Es geht weniger um die Obdachlosigkeit als um einen Menschen. Er hat kein Drogen- oder Alkoholproblem. Er hat auch kein psychisches Problem. Alles, was er fühlt, ist Schuld. Ich glaube, dass viele Menschen Wege finden, sich vor Wahrheiten zu verschließen. Wir verstecken uns lieber hinter Lügen, weil das einfacher ist – die Wahrheit dahinter ist oft schwer zu ertragen. Es ist nicht einfach, sich an schwierige Momente im Leben zu erinnern und sie im Nachhinein zu verstehen. Das ist eine Besonderheit im Film, weil wir von Menschen in schwierigen Situationen nicht erwarten, dass sie diese Fähigkeiten besitzen. Wir denken über sie als Opfer. Doch Daniel ist kein Opfer. Er ist auf seine eigene Art ein Held.

„Sie versuchen, einen Weg zu finden, wie sie überleben können, ohne wirklich zu leben.“

Was zeigt der Film noch in Bezug auf die Obdachlosigkeit?

Golden: Wir denken nur an die offensichtlichen Dinge, die Obdachlose benötigen: einen Rückzugsort, Essen oder Geld. Das trifft natürlich zu, aber ich habe festgestellt, dass sich viele von ihnen einfach nicht mit der Welt beschäftigen möchten. Sie versuchen, einen Weg zu finden, wie sie überleben können, ohne wirklich zu leben. Viele von ihnen haben sich bewusst für dieses Leben entschieden, wie Daniel im Film. Er trifft die Entscheidung, sich von der Welt abzukapseln. Bis er zurückfindet – oder eben nicht. 

Daniel ist sowohl der Stille und Einsamkeit ausgesetzt wie auch dem extremen Lärm der Stadt. Was ist schlimmer?

Golden: Daniel bräuchte diese Rückzugsorte. Doch für ihn ist es unmöglich, weil London so eine aggressiv laute Stadt ist. Ich mag die lauten Szenen, denn sie zeigen die Stadt, wie sie ist: ohrenbetäubend. Menschen werden verrückt, weil sie keinen Rückzugsort vor dem Lärm haben. Trotzdem: Die stillen Momente können durchaus die schlimmeren sein.

Der Verleih Filmperlen bringt Karl Goldens Film „Bruno“ im Frühjahr 2020 in die Kinos.

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Jannik Golek, geboren 1994 in Altona, backt Pizza, die sogar Otto Waalkes schmeckt. Der Hamburger mit kroatischen Wurzeln ist nachtaktiv und morgens passiv, was er durch mindestens fünf Becher Kaffee ausgleicht. Überschüssige Energie baute er bei waghalsigen Bungeesprüngen im australischen Regenwald ab. In Hamburg nutzt er sie für Headbanging im Proberaum seiner Metalcore-Band “Call me home”. Nach dem Studium des Bibliotheks- und Informationsmanagements ist er als Frontend-Entwickler in einer Musikagentur tätig. Für diese hat er eine Website für die DJ-Szene umgesetzt und sich um deren Usability gekümmert. In der KFZ-Werkstatt seines Vaters schraubte er schon als Jugendlicher, seitdem ist er fasziniert von allem, was Motoren und Räder besitzt. Wenn sich das Hamburger Schietwetter erbarmt, ist er auf einem seiner beiden Motorräder unterwegs. Kürzel: jag