Malika betreibt eine Raststätte am Trans-Sahara-Highway. Hier treffen Reisende auf Verwurzelte, Suchende auf Angekommene, Trivialität auf Tiefe. Regisseur Hassen Ferhani hat die Algerierin für seine Doku „143 Sahara Street“ begleitet.

Malikas Welt ist ihre Hütte. Darin ist alles, was sie braucht: Ein Gaskocher, Plastikstühle, ein Tisch mit Macken, ein Kühlschrank und ein Transistorradio, in dem verrauschte Stimmen von der Welt erzählen. Malika hat keinen Mann, keine Kinder, mit ihrer Familie redet sie nicht mehr. Hinter der Hütte streckt sich die Wüste bis zum Horizont. Bei Tag verkauft Malika aus den Fenstern ihrer Hütte Kekse, Wasser, Zigaretten und Tee in dünnen Plastikbechern an Reisende. Bei Nacht sind die gelben Rechtecke aus Licht die einzigen Orientierungspunkte am Trans-Sahara-Highway.

In seinem Dokumentarfilm „143 Sahara Street“ sucht Regisseur Hassen Ferhani nach einem Zugang zu Malikas Welt – und beobacht über Wochen die Algerierin, die an der Transsaharastraße zwischen der Hauptstadt Algier und der Oase Tamanrasset eine Art Raststätte betreibt. Ein Kiosk „mitten im Niemandsland“ sei das, sagt ein durchreisender Trucker. Und Malika sei die Pförtnerin zum Nichts. In Momenten wie diesem wirkt der ansonsten schlichte Dokumentarfilm fast poetisch.

Ein Roadmovie ohne Bewegung

Regisseur Ferhani greift selten in das Geschehen ein, er lässt Malika über weite Teile des Films einfach gewähren. Und so macht Malika das, was sie so oft macht. In vielen Einstellungen sitzt sie auf ihrem weißen Plastik-Gartenstuhl am Tisch mit der zerrupften Obsttischdecke, blickt aus der Hütte und wartet.

Ähnlich wie Malika beobachtet der Zuschauer das Geschehen an der Transsaharastraße und wartet. Darauf, dass etwas passiert. Der Wind weht eine schwarze Plastiktüte durch das Bild. In der Ferne bellt ein Hund. Stille. Der Film lebt von langen Einstellungen wie dieser, die oft aus Malikas Hütte heraus gefilmt sind. Die Kamera hält an vorbeikommenden, schemenhaft sichtbaren Menschen, Autos und Hunden fest. Solange bis sie verschwinden. Vor dem farblosen Wüstenhintergrund müsste das eigentlich schnell eintönig wirken. Stattdessen aber fangen die Bilder an, in ihrer Monotonie an Farbe zu gewinnen, wirkt die Leere der Wüste voll.

Während die Menschen auf dem Trans-Sahara-Highway aus dem Bildausschnitt verschwinden, fortgehen, wegfahren, weiterziehen, bleiben der Zuschauer und Malika zurück. Ein paar Meter von der Hütte – weiter entfernt sich der Film nie von Malika.

Dabei wollte Regisseur Hassen Ferhani eigentlich einen Roadmovie drehen, als er zusammen mit dem Schriftsteller Chawki Amari auf dem Trans-Sahara-Highway unterwegs war und auf Malika traf. Ferhani verwarf die Roadmovie-Idee und entschied sich, lieber bei Malika zu bleiben und sie zum Sujet seines Films zu machen. Obwohl der Film dadurch denkbar wenig Bewegung beinhaltet, hat er doch etwas von einem Roadmovie: Auch wenn Malika nicht fährt, kommt die Straße gleichsam zu Malika. Bei ihr halten Motorradfahrer, die sich gegen den Staub ihren Tagelmust, das typische Baumwolltuch, vor den Mund geschlagen haben, Autofahrer mit Gepäcktürmen auf dem Dach, eine Weltreisende, ein Imam, ein Mann, der seinen Bruder sucht.

Trivialität und Tiefe

Sie teilen mit Malika nur einen kurzen Moment, ein paar Minuten ihres Lebens, das sonst ganz wo anders stattfindet. Sie reden mit ihr über die Reiseroute, das Wetter, die Vergangenheit und Zukunft, und auch über Gott. Vieles ist banal, manches geht in die Tiefe. Immer bleiben ihre Geschichten Fragmente, wie in den Sand geschrieben, mit dem nächsten Windzug, mit dem nächsten Besucher sind sie wieder vergessen.

Dem Zuschauer fehlt in „143 Sahara Street“ ein Gefühl für Zeit, Malikas Leben wird  allein getaktet durch die Besuche der Durchreisenden. Erst als in der Nachbarschaft eine Tankstelle aufzumachen droht, wird die Zeit greifbar, gibt es Entwicklungen. Trotzdem: Einen roten Faden, mit dem eine Handlung vorangetrieben wird, gibt es weiterhin nicht. Stattdessen strickt Hassen Ferhani ein Erzählgeflecht rund um Malika, das immer dichter wird – und sie doch nicht ganz einzufangen mag. Am Ende weiß der Zuschauer nicht einmal, wie Malika mit Nachnamen heißt oder wie alt sie ist. Ist Malika nun kinderlos oder ihre Tochter gestorben, wie sie unter Lachen behauptet? Wird es zu genau, windet sich Malika, verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion.  Aber vielleicht erzählt gerade das am meisten über sie.

Das Porträt einer Algerierin und ihrer Heimat

Bei aller Beständigkeit wird auch die Veränderung deutlich. Aus Malikas Perspektive zeigt Regisseur Ferhani das Algerien von heute. Ähnliches hatte er schon 2015 mit seinem Langfilmdebüt „Roundabout in My Head“ probiert, für das er algerische Schlachter begleitete. Bei Malika halten die Busse mit den Ausländern, die abgeschoben werden sollen. Die Saharabewohner, die es nun zu Geld gebracht haben. Die Trucker, die seit 30 Jahren Laster durch die Wüste fahren, und nun kaum noch davon leben können.

„Das ist das erste Mal, dass ich einer Frau begegne, die eine RAststätte besitzt.“

Und da ist nicht zuletzt Malika selbst. Viele Männer reagieren überrascht, wenn sie erfahren, dass Malika als Frau so selbstständig ist. „Das ist das erste Mal, dass ich einer Frau begegne, die eine Raststätte besitzt,“ sagt ein Besucher, während er ihr das Geld für seinen Einkauf durch das Fensterchen schiebt. Malika behauptet sich in einer Männerwelt, auch ihre Kunden sind zum überwiegenden Teil männlich. Für andere Frauen hat Malika dagegen wenig übrig. „Ich hasse Frauen, ich kann sie nicht ausstehen,“ sagt sie. Vor Jahren haben die Frauen aus dem nahen El Menia Gerüchte über sie in die Welt gesetzt. Eine Unverheiratete, die allein wohnt, und dann noch der ständige Männerbesuch, unsittlich sei das. Malika wurde daraufhin überfallen und beklaut. Seitdem bleibt sie noch lieber allein. Auf andere mag das wie Einsamkeit wirken. Für Malika ist es die selbstgewählte Freiheit.

„143 Sahara Street“ ist das Porträt einer starken, eigenwilligen Frau und des Landes, in dem sie lebt. Sehenswert!

Der Film „143 Sahara Street“ wurde im Rahmen des Filmfest Hamburg gezeigt. Der Film ist auf Maghreb-Arabisch, Französisch und Englisch mit englischen Untertiteln.

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Astrid Benölken, Jahrgang 1993, hat als Kind sogar die Erziehungsratgeber ihrer Eltern gelesen, wenn ihr die Lektüre ausging. Zu ihren Lieblingsbüchern zählen Klassiker von Goethe, aber auch neue Werke, wie die des Nobelpreisträgers Ishiguro. Für ihr Ressortjournalismus-Studium mit Schwerpunkt Kultur zog Astrid aus dem kleinen Ort Seppenrade im Münsterland ins bayerische Ansbach. Nach dem Studium reiste sie mit dem Rucksack durch Südamerika, Osteuropa und Indien. Als Journalistin hat sie schon für die „Westfälischen Nachrichten“, „Faz.net“, den „Bayerischen Rundfunk“ und die „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet – am liebsten zu Kulturthemen. Kürzel: abe

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