Mit „Deutschstunde“ schrieb Siegfried Lenz einen der bedeutendsten Romane der Nachkriegsliteratur. Regisseur Christian Schwochow bleibt in der Verfilmung der Idee des Literaturklassikers treu, schafft es aber auch, eigene Akzente zu setzen.

Siggi ist nicht nach Hause gekommen, als ein Gewitter über das Watt nach Rugbüll gezogen ist. Dabei ist das eine Regel. Und wer sich nicht an Regeln hält, muss bestraft werden. „Hose runter“, befiehlt sein Vater Jens, drückt Siggis Kopf mit der Hand auf den Küchentisch und holt mit dem Stock aus. Nach ein paar Schlägen wimmert Siggi wie ein verletztes Tier. Der Vater zögert, lässt den Druck auf den Kopf nach, streichelt den Nacken seines Sohnes – und schlägt dann noch einmal mit aller Kraft zu. „Brauchbare Menschen müssen sich fügen, mein Junge. Aus dir machen wir was Brauchbares,“ sagt er später.

Dass „brauchbar“ Auslegungssache ist und im Allgemeinen keine Kategorie, um Menschen zu bewerten, machte schon Siegfried Lenz 1968 in seinem Roman „Deutschstunde“ deutlich. Christian Schwochow („Novemberkind“, „Bad Banks“) hat den deutschen Klassiker nun verfilmt – und kommt zu ähnlichen Schlüssen.

Der Plot des Films orientiert sich klar an der Romanvorlage: Siggi Jepsen sitzt in einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche. Als er in einer Deutschstunde statt eines Aufsatzes zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ nur ein leeres Heft abgibt, muss er ihn zur Strafe in Einzelhaft nachschreiben. Dabei erinnert er sich an seine Kindheit zurück, die er als Sohn eines Dorfpolizisten während des Nationalsozialismus in Norddeutschland verbrachte. Als sein Vater ein Berufsverbot gegenüber einem Freund, dem Maler Max Ludwig Nansen, durchsetzen soll, verzweifelt Siggi an der Frage nach Pflicht und Verantwortung.

Keine Anspielungen auf Emil Nolde

Längst gehört Lenz „Deutschstunde“ zum Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur. Eine Verfilmung für das Fernsehen gab es bereits drei Jahre nach Veröffentlichung des Romans, die in die Studentenunruhen von 1968 fiel. Doch im Gegensatz zur TV-Produktion von 1971 ist Schwochows „Deutschstunde“ weit mehr als eine Verfilmung des Romans. Das Werk beeindruckt durch eine anspielungsreiche Bildsprache, nimmt dem Plot ein paar Windungen, aber nicht die komplexen moralischen Dilemmata, und zurrt die Eigenschaften der Charaktere auf das Wesentliche zusammen, ohne ihnen ihre Ambivalenz zu nehmen.

Im Vergleich zum Roman hat der Film auch andere Last abgeworfen, etwa die Diskussion um Emil Nolde. Vielen gilt der expressionistische Maler als Vorlage für die Figur des Max Nansen in Lenz Roman. Auch seine Kunst wurde von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuft und Nolde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam.

Deutschstunde - Jepsen - Nansen - Filmfest Hamburg
Dorfpolizist Jepsen (Ulrich Noethen, r.) durchsucht die Wohnung von Maler Nansen nach neu gemalten Bildern. Foto: Network Movie Film- und Fernsehproduktion / Wild Bunch Germany

Nach 1945 nutzte Nolde diese Geschehnisse, um sich als Opfer der Nationalsozialisten zu inszenieren – das er aber kaum war, wie eine aufsehenerregende Ausstellung im Frühjahr 2019 in Berlin zeigte. Sondern vielmehr ein opportunistischer Antisemit, der ab 1934 nachweislich NSDAP-Mitglied war. Angela Merkel ließ daraufhin zwei Gemälde von Nolde, die als Leihgaben im Bundeskanzleramt hingen, entfernen.

Im Film „Deutschstunde“ fehlen Anspielungen auf Nolde, stattdessen hielt Regisseur Christian Schwochow die Rolle des verfemten Malers mit Absicht allgemeiner. Denn eine Festlegung auf Nolde, so Schwochow, „hätte die Geschichte für mich zu sehr verkleinert“. Stattdessen soll es, losgelöst von Charakteren und historischen Referenzen, um das große Ganze gehen: um die Frage von Schuld, Verantwortung und Pflicht.

Prinzipienreiter, Pflichterfüller, Polizist

An dieser Frage arbeitet sich Schwochow, wie schon Lenz, besonders in der Figur des Dorfpolizisten ab.

Jens Ole Jepsen stellt Pflicht über Freundschaft, Loyalität zu fernen Befehlsgebern über die Bedürfnisse seiner Familie und beruft sich auf eine „Verantwortung“, ohne verstehen zu wollen, dass Verantwortung auch mal heißen kann, nicht seiner Pflicht nachzukommen. Als Jepsens ältester Sohn Klaas sich in den Arm schießt und aus der Wehrmacht flieht, schärft er seinem Jüngsten ein: „Pass auf Siggi, wenn Klaas hier auftaucht, musst du ihn melden, sofort.“ Der Schauspieler Levi Einblätter, der Siggi spielt, zeigt eine starke Leistung.

„Ich tu nur meine Pflicht.“

Ulrich Noethen spielt Siggis Vater Jens mit ruhiger Härte und kontrollierter Aggression, die nur situativ aus ihm herausbricht. Den moralischen Kontrapart und das schauspielerische Gegengewicht zu Noethen gibt Tobias Moretti, der den mit Berufsverbot versehenen Maler Max Nansen darstellt. Treffen beide aufeinander, ist das großes Kino – obwohl die Dialoge teilweise arg nach Plattitüden klingen.

„Ich tu nur meine Pflicht“, herrscht Jepsen den Maler Nansen an, als er diesem zum Geburtstag die Nachricht überbringt, dass zusätzlich zum Malverbot seine Bilder konfisziert werden. Der entgegnet: „Man muss auch mal was tun, was gegen die Pflicht ist“.

Ein Kriegsfilm ohne Kriegsbilder

Siggi zieht es immer mehr zu Nansen, er sieht in dem Maler eine Vaterfigur. Doch dafür eignet sich Nansen nur bedingt. Denn so wie Dorfpolizist Jepsen, der Siggi zum Ausspähen rekrutiert, nutzt auch Nansen den Jungen aus. In ihm findet er ein Schlupfloch, um weiter heimlich zu malen, wohlwissend, was für eine Verantwortung er dem Kind damit aufbürdet, das ihn eigentlich verraten soll.

Siggi Jepsen gerät damit immer wieder zwischen die Fronten – im wörtlichen, wie übertragenen Sinne. „Deutschstunde“ ist nämlich auch ein Film über eine Kindheit im Krieg. Dabei sieht der Zuschauer keine Schusswechsel, keine Militäraufmärsche, keine Konzentrationslager, und Hitler kommt weder zu Wort, noch wird er erwähnt.

Siegfried Lenz übertrug die Grauen des Kriegs in wortgewaltige Naturbeschreibungen. Kameramann Frank Lamm übersetzte seine Schilderungen in epische Landschaftsbilder. Zusätzlich fand er eigene Metaphern, um den Krieg sichtbar zu machen, ohne ihn zu zeigen.

Und so liest man ihn aus den toten Fischen heraus, die nach einem Fliegerangriff an den Strand geschwemmt werden, aus dem verlassenen Haus, in dem Blätter mit hebräischen Texten und Familienfotos verstreut liegen, aus den verwesenden Kadavern von Möwen, Hasen, Reihern, Mäusen und Fröschen, die Siggi sammelt und zu einem Haufen auftürmt, der Erinnerungen an die Leichenberge von Ausschwitz wachruft.

Obwohl „Deutschstunde“ klar auf die Ära des Nationalsozialismus verweist, sind die Metaphern, und damit bis zu einem gewissen Maß auch der Film, zeitlos.

Die Natur liefert den Soundtrack

Hinter diese Bilder tritt alles zurück, auch die Musik. In großen Teilen kommt der Film ohne instrumentalen Soundtrack aus, sondern arbeitet allein mit natürlicher Geräuschkulisse: dem Schmatzen der Gummistiefel im Schlick, dem Krakeelen der Möwen, der stetig wehenden Nordseebrise in den Wipfeln der Bäume, dem leisen Zischen mit dem Siggis Haut verbrennt, wenn der Vater seine Hand zur Strafe auf die Ofenplatte drückt.

Indem Schwochow auf den Komfort eines Musikbetts verzichtet, wirkt das Geschehen auf der Leinwand unmittelbar, die Dialoge hart, die Stille schneidend.

Mit jeder Szene wird deutlicher, warum Siggi sich mit den Fragen nach Pflicht und Verantwortung, Schuld und Moral noch Jahre später quält. Ein ganzes Bündel vollgeschriebener Aufsatzhefte werden es am Ende sein, die er mit seiner Geschichte gefüllt hat.

Stellenweise meint man, das Gewicht dieses Bündels zu spüren, und der Film hat seine Längen. Doch selbst das tut „Deutschstunde“ keinen Abbruch. Schwochow und sein Team haben der Pflicht, dem Geist der Romanvorlage zu entsprechen, eine ausgezeichnete Kür folgen lassen. Ein empfehlenswerter Film.

„Deutschstunde“ läuft seit dem 3. Oktober im Kino.

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Astrid Benölken, Jahrgang 1993, hat als Kind sogar die Erziehungsratgeber ihrer Eltern gelesen, wenn ihr die Lektüre ausging. Zu ihren Lieblingsbüchern zählen Klassiker von Goethe, aber auch neue Werke, wie die des Nobelpreisträgers Ishiguro. Für ihr Ressortjournalismus-Studium mit Schwerpunkt Kultur zog Astrid aus dem kleinen Ort Seppenrade im Münsterland ins bayerische Ansbach. Nach dem Studium reiste sie mit dem Rucksack durch Südamerika, Osteuropa und Indien. Als Journalistin hat sie schon für die „Westfälischen Nachrichten“, „Faz.net“, den „Bayerischen Rundfunk“ und die „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet – am liebsten zu Kulturthemen. Kürzel: abe