Rund 100.000 bhutanische Lhotshampa mussten vor 30 Jahren nach Nepal ins Exil flüchten. Der italienische Regisseur Sergio Basso hat ihre Geschichte als „Doku-Fiktion“ im Bollywood-Stil verfilmt.

Wie fühlt es sich an, die Heimat verlassen zu müssen, vielleicht schon zum zweiten Mal? Was macht das mit der eigenen Identität? Diesen Fragen geht die 13-Jährige Sarita (Sasha Biswas) in dem Film „Tell me who I am“ nach. Gedreht wurde die Dokumentation mit fiktionalen Elementen und Bollywood-Tanzszenen im nepalesischen Flüchtlingscamp Khudunabari.

Mann lehnt vor einem Fenster an einem Tisch
Sergio Basso beim Filmfest Hamburg. Foto: Sandra Jütte

Ende der 1980er-Jahre flüchteten dorthin rund 100.000 bhutanische Lhotshampa, die ab 2008 in die USA und nach Europa umgesiedelt wurden. Sergio Basso, der in Italien als Theater- und Filmregisseur bekannt ist, hat über Jahre deren hierzulande kaum bekannte Geschichte festgehalten. FINK.HAMBURG traf den 44-Jährigen beim Filmfest Hamburg, wo der Film erstmals gezeigt wurde.

Herr Basso, lassen Sie uns über Ihren Film sprechen. Es hat mich überrascht, dass Sie so ein ernstes Thema in ein Bollywood-Musical verpackt haben.

Basso: Mein Job ist es Geschichten zu erzählen. Also überlege ich bei jedem Thema, wie ich es möglichst aufmerksamkeitsstark verpacken kann. Schließlich schenkt mir der Zuschauer 90 Minuten seiner Zeit, die er auch anders verbringen könnte. Die Idee zu „Tell me who I am“ stammt aber von den Flüchtlingen selbst. Bollywood ist ein Teil ihrer Kultur, ihrer Körpersprache und ich habe viel Zeit mit ihnen verbracht. Tatsächlich haben die Dreharbeiten mehr als neun Jahre gedauert.

Das ist eine lange Zeit.

Basso: Ja, das erste Mal haben wir das Camp 2008 besucht, wo auch erste Aufnahmen entstanden sind. Dann waren wir jedes Jahr im Sommer etwa für einen Monat dort. Jeder Teil des Filmes ist also ein Teil der Reise, die das Team und ich gemeinsam mit den Flüchtlingen erlebt haben.

Die aus Nepal stammenden, überwiegend hinduistischen Lhotshampa kamen ab Ende des 19. Jahrhunderts nach Bhutan und betrieben im Süden Landwirtschaft. Sie wurden zunächst – auch ihrer Arbeitskraft wegen – von der Regierung Buthans geduldet. Ab Ende der 1980er-Jahre bemühte sich diese aber zunehmend um eine einheitliche, buddhistische Kultur, setzte Kleidervorschriften und ein Verbot der nepalesischen Sprache im Unterricht durch. Tausende protestierten dagegen. Mehr als 100.000 Lhotshampa – rund ein Sechstel der bhutanischen Bevölkerung – wurden daraufhin abgeschoben oder mussten in Flüchtlingscamps in Nepal fliehen. Ab 2008 wurde ein großer Teil von ihnen von der UN in die USA und andere Länder umgesiedelt.

Gibt es bestimmte Erlebnisse, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Basso: Ich habe noch sehr viele Erinnerungen an die Zeit. Es ist wirklich nicht einfach, einen Film in einem Flüchtlingslager zu drehen, wo es nicht mal Strom gibt. Da war ein Mann aus dem Camp, der uns als Crewmitglied half. Am Ende jedes Drehtages war ich immer ziemlich ausgelaugt. Er kam dann zu mir.  Wir konnten uns nicht verständigen, weil er nur Nepalesisch sprach, sonst hatte ich immer einen Übersetzer an meiner Seite. Er sah mir dann direkt in die Augen, lachte und berührte meine Hand, damit ich entspanne. Jeden Tag, egal, wie hart es war. Ich glaube, wenn ich in so einem Flüchtlingscamp leben müsste, würde ich verrückt werden. Jedes Mal, wenn ich dort einem Bewohner begegnet bin, der seine Würde und seine innere Balance noch hatte, war das für mich wie ein Wunder.

Was denken Sie, wie die Menschen dort überleben?

Basso: Deren spirituelle Energie ist viel stärker als unsere. Hier in Europa haben wir sicherlich auch relevante Probleme, aber im absoluten Vergleich zu den Problemen der Menschen im Flüchtlingscamp sind unsere lächerlich. Deshalb ist es auch schwierig, die Thematik zu transportieren. Ich hatte ein großes Problem damit, eine reine Dokumentation zu drehen, weil die nicht immer alles erzählen kann. Ich drehe ja auch Spielfilme und ich finde sie manchmal ehrlicher. Denn der Zuschauer weiß, dass er manipuliert wird. Bei einer Dokumentation ist der Zuschauer wie ein Fisch im Wasser. Er schwimmt darin, aber denkt nicht über das große Ganze, den Rahmen, nach.

Ist die Hauptdarstellerin, Sasha Biswas, eine echte Bewohnerin des Camps oder eine Schauspielerin?

Basso: Ich habe aus ihr eine Schauspielerin gemacht. Sie stammt aber nicht aus dem Camp, sondern aus Kathmandu. Wir mussten für die Kontinuität einige Rollen mit Schauspielern besetzen, da die Flüchtlinge ab 2008 umgesiedelt wurden. Aber man kann sagen, dass etwa 90 Prozent der Szenen dokumentarisch sind. Das Resultat aus neun Jahren Dreharbeiten. Mit Sasha habe ich dann 2017 alle Szenen gedreht. Ich wollte die Geschichte aus der Sicht eines Teenagers erzählen. Die Amnesie, die sie im Film hat, ist natürlich Fiktion, die aber den Sinn hat, die dokumentarischen Teile zusammenzufügen. Das Publikum soll Sasha auf ihrer Reise folgen und so in das Leben der Flüchtlinge eintauchen.

„Wäre ich einer Familie in die USA gefolgt, wäre es ein komplett anderer Film geworden“

Also ist „Tell me who I am“ eine ‚Dokufiktion‘?

Basso: Ja, es gibt auch einige unterschwellige Hinweise, was was ist. Zum Beispiel ist die Farbkorrektur bei den dokumentarischen Szenen eine andere als bei den fiktionalen. In manchen Szenen haben wir das verschmelzen lassen, zum Beispiel als Sasha die Kindergärtnerin befragt. Die Aussagen der Frau haben wir schon 2008 aufgenommen, mit den Kindern haben wir erst 2017 gedreht. Aber es ist dieselbe Hütte und die gleiche Tageszeit.

Viele Darsteller sind echte Flüchtlinge?

Basso: Ja, zum Beispiel die Tänzer im Film sind alle Flüchtlinge aus dem Camp. Sie haben auch in Wirklichkeit getanzt, wir haben nur andere Schritte mit ihnen einstudiert. Der Choreograph Matteo Gastaldo, in Italien inszeniert er Musicals, war wirklich ein großartiger Trainer. Wenn die Flüchtlinge kurz davor waren aufzugeben, hat er sie immer wieder ermutigt.

Und Sashas Familie im Film wird auch von Schauspielern verkörpert?

Basso: Ja. Mit der Familie hatten wir ein echtes Problem. Ursprünglich hatten wir 2008 den Dreh mit einer Familie aus dem Camp begonnen, die aber nach einem Jahr umgesiedelt wurde. Ich habe dann überlegt, ihnen in die USA zu folgen und ihr Leben dort zu porträtieren. Aber dann wäre es ein komplett anderer Film geworden und wahrscheinlich kein guter. Die Statistiken zeigen, dass einige der Ausgesiedelten Selbstmord begehen. Unabhängig vom materiellen Lebensstandard sind sie anfällig für Depressionen.

Warum ist das so?

Basso: Das ist ein sehr kompliziertes Thema. Ein Problem ist die Qualität, in der dort eingegriffen wurde. Ich meine, die UN macht einen sehr guten Job vor Ort, aber es gibt einfach eine unterschiedliche Herangehensweise der internationalen Politik zum Beispiel im Vergleich zum Irak. Dort gibt es Öl, also greifen wir ein. In Bhutan wurde ein Sechstel der Bevölkerung vertrieben und die internationale Politik hat nicht einen Finger gerührt. Dabei wäre es simpel gewesen, den Druck auf den bhutanischen König zu erhöhen. Und dann kann man Menschen nicht 20 Jahre in einem Flüchtlingslager leben lassen und erwarten, dass sie die mentale Flexibilität eines Oxford-Studenten haben. Falls man das tut, sät man soziale Hoffnungslosigkeit. Und dann erstarken die Rechten, weil sie das ausnutzen.

Ein aktuelles Thema, auch in Europa. Sehen Sie da Parallelen?

Basso: Ja, die Geschichte kann exemplarisch für alle Flüchtlinge auf der Welt stehen. Die Arbeit, die in Nepal geleistet wird, ist vielleicht das Beste, was der Mensch derzeit tun kann. Aber sie ist einfach nicht ausreichend. Das ist ziemlich offensichtlich. Und wir in Europa leben unser Leben einfach weiter, auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise. Dabei ist das ein Thema, das alle etwas angeht und das wir gemeinsam anpacken müssen. Dritte-Welt-Länder, die nun ihren Teil von unserem Reichtum abhaben möchten, sind unsere Zukunft. Also müssen wir eine Lösung finden, sie zu integrieren. Denn wir sind die Schmarotzer, nicht sie. Entweder bauen wir eine neue Identität auf, in der wir Immigranten als Schatz ansehen, oder wir sind zum Aussterben verurteilt.

„Wir Italiener Tragen die Last unserer Vergangenheit“

Viele Menschen in Europa haben Angst vor so einer multinationalen Gesellschaft…

Basso: Ich verstehe, wenn Menschen nicht so offen sind oder sich von anderen in ihren Routinen gestört fühlen. Aber eigentlich ist es doch einfacher zu lieben und Hände zu schütteln, als zu hassen. Und ich glaube, dass es unser Schicksal ist, uns mit anderen Kulturen zu vermischen.

Sie haben auch eine Zeit lang in China gelebt und gearbeitet. Was machen die Chinesen vielleicht besser?

Basso: Die Chinesen hängen nicht an der Gegenwart, sondern sie bauen immer für die Zukunft. Wenn man in China etwa in 2012 eine Straße besucht und 2019 zurückkehrt und einen speziellen Laden sucht, ist dort längst ein neuer. Mit dieser Mentalität wachsen vor allem die Jungen auf. Wir Italiener tragen dagegen die Last unserer Vergangenheit.

Wie meinen Sie das?

Basso: In Italien verbringen wir viel Zeit damit, uns mit unserer Geschichte zu beschäftigen und damit, dass wir mal das Zentrum der (europäischen) Welt waren. Aber ich bin ja nicht automatisch ein guter Künstler, weil ich vielleicht entfernt von Michelangelo abstamme. Wir Italiener benehmen uns manchmal, als hätten wir die Kunst in unserer DNA. Das ist totaler Quatsch und wird uns irgendwann zum Verhängnis werden.

„Tell me who I am“ soll im Frühjahr 2020 in die deutschen Kinos kommen.

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