Sex, Humor und Lebensenergie. In „Ask Dr. Ruth“ zeigt die berühmte Sextherapeutin wie lebendig man mit 91 Jahren sein kann und gewährt einen Blick in die schweren Zeiten ihres Lebens.   

In Dr. Ruth Westheimer’s Appartment in Manhattan steht ein runder Esstisch mit einer bestickten Tischdecke. Auf der einen Seite des Zimmers breitet sich hinter der großen Fensterfront die Skyline aus. Auf der anderen Seite stapeln sich Bücher, kleine Figürchen und Andenken. Auf dem Schreibtisch steht ein goldenes Schild: „A cluttered desk is a sign of a genius“.

Dr. Ruth ist eine berühmte Sextherapeutin und Beziehungsexpertin. Besonders in den USA. „She is the good goddess of Sex“, heißt es in einer Fernsehsendung. In der Dokumentation „Ask Dr Ruth“ wird die 1,40 Meter große Frau aber nicht nur als die Berühmtheit gezeigt, die man aus Radio und Fernsehen kennt, sondern auch als die sonst eher private Ruth Westheimer, die von ihrer Kindheit im Waisenheim, ihren drei Ehen und ihrem ersten Mal erzählt.

„I lived in this appartment for 54 years“, erzählt Dr. Ruth, als das Kamerateam sie durch die Flure ihrer Wohnung begleitet. 1956 zog sie mit Ehemann Nummer drei, ihrer großen Liebe Manfred „Fred“ Westheimer, und ihrer Tochter Miriam hier ein. Über ihre 40 Jahre lange Ehe spricht sie im Fernsehen und Radio eigentlich nicht, dafür aber über alles, was mit Sex zu tun hat.

„Sexually Speaking“

Ihre Karriere als Amerikas liebste Sextherapeutin beginnt sie erst mit 52 Jahren. Davor studiert sie Psychologie und Soziologie und arbeitet unter anderem für das New York-Presbyterian Hospital, die Organisation Planned Parenthood oder die Columbia Universität. Nach einem Vortrag darüber, wie wichtig Sexualkunde ist, bietet Betty Elam vom New Yorker Sender WYNY ihr einen 15-minütigen Sendeplatz an.

Die Radiosendung „Sexually Speaking“ wird 1980 wegen des sensiblen Inhalts aufgenommen, statt live gesendet zu werden. Der Sender entscheidet sich, die Sendung sonntags um Mitternacht zu platzieren, damit bloß nicht zu viele Leute zuhören und sich über den Inhalt aufregen könnten. Ruth Westheimer gibt darin den Zuhörern Tipps, kichert über ihre eigenen Formulierungen und spricht offen über Geschlechtskrankheiten, Abtreibungsgesetze, Safer Sex und gleichgeschlechtliche Liebe.

Trotz der späten Uhrzeit wird die Sendung für viele US-Amerikaner zum festen Sonntagabendprogramm. In den nächsten Jahren wird nicht nur der Sendeplatz von „Sexually Speaking“ prominenter. 1984 bekommt Dr. Ruth ihre erste Fernsehsendung: „Good Sex! With Dr. Ruth Westheimer“, gefolgt von vielen weiteren.

Aus Karola wird Ruth

In einem Regal in Dr. Ruth Westheimer’s Wohnung liegt eine verschließbare Plastiktüte, in der sie einen beige-orange gemusterten Waschlappen aufbewahrt. Mit viel Bedacht holt sie den Beutel hervor und zeigt dem Kameramann die eingestickten Initialen KS. Das sind die Anfangsbuchstaben ihres Mädchennamens: Karola Siegel.

Die stets gut gelaunte Dame mit den bunten Blusen und Blazern musste als kleines Mädchen vor den Nazis fliehen und wuchs als Waisin in der Schweiz auf. Mit 17 Jahren zog sie nach Israel und arbeitet dort im Militärdienst. Als 20-Jährige wird sie im Palästina-Krieg 1947/49 durch eine Bombe an den Beinen schwer verwundet. Diesen Teil ihrer Lebensgeschichte merkt man der 91-Jährigen nur selten an.

In illustrierten Bildern erzählt der Film in einigen Szenen das Leben von Karola, bevor sie zu Ruth wurde. Schon im Waisenheim kann Karola nie still sitzen und liest später nachts die Schulbücher ihres Freundes Walter, der ihr Liebesbotschaften aus dem Fenster über ihrem schickt.

Ihr erstes Mal erlebt sie auf einem hohen Heuhaufen, in einem Kibbutz in Palästina. Nach einem Abend am Lagerfeuer klettert sie mit dem Bruder ihres damaligen Freundes ins Heu. Ihren Freund mochte sie gerne aber sein Bruder sei hübscher gewesen. „Nice to remember“, erzählt sie ihrer besten Freundin bei einem Besuch in ihrer alten Heimat und kichert.

Bisher ist der Film nur in den Vereinigten Staaten in den Kinos gelaufen. Wer Dr. Ruth Westheimer’s Sex Tipps, Dirty Talk und Interviews trotzdem nicht verpassen möchte, kann ihre Highlights auf Twitter verfolgen.

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Die Lieblingsfarbe von Carlotta Schaffner, Jahrgang 1995, ist marineblau – klar für eine echte Hamburgerin. Ihre Urgroßmutter führte ein Hutgeschäft auf der Mönckebergstraße, die Großeltern machten daraus später ein Modekaufhaus. Das Modejournalismus-Studium in Hamburg war für Carlotta die logische Konsequenz. Für die Fashionlabels Edited, Aeyde und Be Edgy Berlin war sie unter anderem für kurze Zeit Chefredakteurin, Head of PR oder die Praktikantin. Dabei kam sie auch mal mit Andreas Bourani ins Gespräch, es ging um Neurowissenschaften. Von Berlin ging es nach Lissabon: Dort lernte Carlotta zwar kein Portugiesisch, dafür aber fließend HTML, CSS und Javascript. Das Pastel de Nata tauschte sie für den Master wieder gegen Franzbrötchen – den Hamburger S(ch)nack mag sie immer noch am liebsten. Kürzel: cas

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