Mit dem Film „Das Geheimnis eines Leaders“ kritisiert Farkhat Sharipov die Gesellschaft und den Kapitalismus der modernen Welt. Dabei thematisiert er ein Dilemma, das heutzutage häufig vorkommt.

Rotes Licht fällt auf das angestrengte Gesicht. Sein Blick ist starr auf die Tischplatte gerichtet, in den Händen immer noch der Zettel. In kyrillischen Buchstaben steht darauf geschrieben: „Ich träume von“. Dahinter eine große Lücke. Kanat hört auf, darüber nachzudenken. Er fängt an, den Zettel zusammenzuknüllen, bevor er ihn quer durch das Zimmer wirft.

Der mehrfach ausgezeichnete Film „Das Geheimnis eines Leaders“ in der Regie von Farkhat Sharipov spielt in Kasachstan und zeigt das triste Leben von Kanat (Dulyga Akmolda). Durch das unerwartete Wiedersehen mit einem ehemaligen Freund aus dem Studium nimmt sein Leben eine ungeahnte Wendung.

Dunkle Geheimnisse

Kanat ist geschieden und wohnt mit seiner Mutter in dem Ort Almaty. Er arbeitet als Analyst im Büro einer Bank. Bei einem Meeting trifft er auf seinen alten Studienkollegen Danik (Yerzhan Tusupov). Als Führungsperson seines Unternehmens tritt dieser als selbstbewusster Leader auf. Ob bei abendlichen Karaokeabenden mit Prostituierten oder bei Meetings mit hochrangigen Führungspersonen anderer Unternehmen: Danik hat genaue Vorstellungen davon, was er will und wie er es bekommt.

Dagegen ist Kanats Leben langweilig und trist. Er wohnt in einer kleinen Wohnung mit seiner Mutter, die an Demenz leidet und wieder und wieder dieselben Fragen stellt. Auf der Arbeit herrscht reine Monotonie. Aber Kanat will sich und sein Leben ändern. Um zu erfahren, wie er selbst zu einer Führungspersönlichkeit werden kann, besucht er Workshops und Vorträge.

Die Aufgaben und Tipps des Workshop-Redners versucht Kanat zu befolgen, doch schon an der Hausaufgabe, seinen Traum aufzuschreiben, scheitert er. Erst als er im Workshop aufgefordert wird, einem Leader zu folgen, kommt Bewegung sein Leben. Kanat beschließt, Danik zu folgen, verbringt mit ihm die Abende und trifft sich in Arbeitspausen zu Gesprächen mit ihm. Bis er von Danik vor eine moralische Entscheidung gestellt wird.

Eindrucksvoller Ton und wenig Schnitte

„Das Geheimnis eines Leaders“ kommt während des gesamten Films nahezu ohne Filmmusik aus, lediglich atmosphärische Sounds sorgen für eine immersive Klangkulisse: Das Quietschen von U-Bahn-Rädern auf Schienen, das Zischen der aufgehenden Bahntüren, das durchgehende Brummen der Motoren von Autos.

Auffällig wenig Schnitte tragen dazu bei, die kasachische Stadt nüchtern darzustellen. Bereits die erste Szene des Films besteht aus einer einzelnen Kameraeinstellung. Über zwei Minuten ist eine Frau bei der Gartenarbeit und einem Telefonat zu sehen. Die Szenerie mit einer grünen Wiese, einem Tisch und einer Hütte aus dunklem Holz und blühenden Bäumen im Hintergrund wirkt dabei wie ein Ölgemälde. Auch im weiteren Verlauf des Films gibt es Szenen, in denen dieselbe Kameraperspektive für mehrere Minuten zu sehen ist. Die Schnittgeschwindigkeit passt zu der Monotonie von Kanats Leben.

Das Dilemma der Korruption

Die langen Filmeinstellungen und der intensive Ton entsprechen nicht den filmischen Seh- und Hörgewohnheiten, vermitteln aber eindrucksvoll die Eintönigkeit der Gesellschaft, aus der Kanat entfliehen will. Im heutzutage weltweit verbreiteten Kapitalismus sind Prostitution und Ämterpatronage, wie sie im Film thematisiert werden, Normalität. Viele Unternehmen schrecken auch vor Korruption nicht zurück. „Natürlich nicht“, sagt Sharipov selbst. Dem Regisseur nach spiegle „Das Geheimnis eines Leaders“ dabei nicht nur die Gesellschaft in Kasachstan wider, sondern vielmehr die der ganzen Welt.

Und so muss jede*r für sich selbst entscheiden, wie man sich selbst in Kanats entstehendem Dilemma entscheiden würde: Behält man das triste Leben bei und verschafft sich ein reines Gewissen oder verlässt man das farblose alte Leben auf Kosten seiner Mitmenschen?

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Lukas Dose, 1995 in Plön geboren und dort aufgewachsen, ist Nordlicht durch und durch. Auch ein kurzes Intermezzo in Salzgitter für seinen Bachelor in Medienmanagement konnte das nicht ändern – Hamburg sollte es sein. Bei einem Praktikum in der Social-Media-Agentur Elbkind rückte er unter anderem Müsliriegel für Fotoshootings ins rechte Licht. Mit seinen knapp zwei Metern ist er der Größte im FINK-Newsroom. Die geringe Beinfreiheit im Flugzeug hält ihn aber nicht davon ab, die Welt zu entdecken: Die Vereinigten Arabischen Emirate, USA und Skandinavien hat er unter anderem schon bereist. In Schweden faszinierte ihn die fortgeschrittene Digitalisierung. Bargeldloses Bezahlen, schnelles Internet, Wlan überall – gute Argumente, um nach dem Master vielleicht noch weiter in den Norden zu ziehen. Kürzel: lud

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